Belästigung einer Kellnerin, Johann Michael Neder, 1833, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg/Gemeinfrei

Ein Tritt in den Schritt wirkt manchmal Wunder

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Mit der #MeToo-Debatte ist es unter Frauen chic geworden, sich zum Opfer zu erklären. Fortschritt sieht anders aus.

Die Enthüllungen um sexuelle Übergriffe, die durch den Weinstein-Skandals an Tageslicht gekommen sind, dominieren seit Wochen die Schlagzeilen der Presse. Und haben auch Auswirkungen auf das Privatleben: Ich frage jetzt jeden Mann, ob er einen weißen Bademantel sein eigen nennt. Man kann ja nie wissen. Die Welt der armen Frauen scheint bevölkert von Monstern, die blöde Komplimente machen, die Hand ungefragt auf den Unterarm oder gar das Knie von Frauen legen und ja, von Zeit zu Zeit im weißen Bademantel herumlaufen, den sie überraschend öffnen.

Schlimmer noch, die Frauen sind die Opfer – alle. Und sie haben noch etwas gemein, sie erinnern sich der traumatisierenden Untaten kollektiv nach dreißig, zwanzig oder zehn Jahren. „Ich auch“ scheint der dernier cri du jour zu sein. Ob Belästigung oder Vergewaltigung, man will nicht abseits stehen – auch ich bin dabei. Belästigungsneid!

Die Journalistin, der der zurückgetretene britische Verteidigungsminister Fallon vor 15 Jahren die Hand aufs Knie legte, drohte ihm damals eine Ohrfeige an, wenn er diese Berührung nicht sofort unterließe. Er unterließ. Heute sagt dieselbe Journalistin, sein Rücktritt aus diesem Grunde sei wirklich albern. Da fragt man sich doch, warum die wehrhafte Kollegin denn nach 15 Jahren die kleine Episode überhaupt auf den Tisch gepackt hat? Me too?

Warum wollen alle Frauen nun Opfer sein?

Die Inflation blöder Übergriffe im Büro, im Fahrstuhl, im Kino, in der Bibliothek, am Arbeitsplatz oder auf der Baustelle, sind sie es wert so ausgebreitet zu werden? Werden nicht die wirklich eklatanten und juristisch relevanten  Übergriffe dadurch klein gemacht, dass jede Geschmacklosigkeit groß aufgemotzt wird? Me too?

Wenn Vorgesetzte oder auch gleichrangige Kollegen der Kollegin die Zunge unvermittelt auf dem Flur oder im Parkhaus in den Hals rammen, ist das eine ekelhafte Unverschämtheit, eine Vergewaltigung ist es nicht. Ein Tritt in den Schritt und eine ordentliche Ohrfeige werden den Übeltäter ausnüchtern. „Never again, Mister!“ Dafür müssen die Frauen nicht einmal in Kriegskunst-Kurse marschieren, ein bisschen wehrhafte Geistesgegenwart tut es auch.

In der ganzen aufgeregten Debatte verstört die Frage: Warum wollen alle Frauen nun Opfer sein? Fortschritt ist das nicht, sondern eher ein Revival der Biedermeier-Ära.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com