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Eine Woche Krieg

Seit einer Woche verschärft Putins Russland seinen Angriffskrieg gegen die friedliche und demokratische Ukraine. Die Konsequenzen dieses Waffengangs sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Wer auf dem Schlachtfeld gewinnt, ist eine offene Frage. Trotz des beeindruckenden Widerstands der Ukrainer sind die russischen Streitkräfte in vielen Belangen überlegen.

Was kann man überhaupt sagen, welche Schlüsse erlaubt der Nebel des Krieges?

Zunächst zur Ukraine. Dieser Krieg dürfte endgültig mit dem Mythos aufgeräumt haben, die Ukraine sei ein gespaltenes und dysfunktionales Land. Das Gegenteil ist der Fall: kaum eine andere Nation hätte eine so couragierte Gegenwehr gegen einen brutal vorgehenden Gegner geleistet. Dabei kämpft nicht nur die Armee, sondern – ähnlich wie im Warschauer Aufstand 1944 – die Gemeinschaft der citoyens gegen die Okkupanten. Seit 1991 hat sich die Ukraine demokratisch entwickelt, doch seit 2014, so wird heute deutlich, wurde sie zur Staatsbürgernation, wo die politischen Repräsentanten – Präsident Selenskyj vorneweg – und die Bürger sich gemeinsam im Kampf gegen einen übermächtigen Feind bewähren. Militärischer und ziviler Widerstand gehen dabei Hand in Hand. Es ist ein Skandal, dass Europa erst in letzter Stunde anfing, diese Ukraine zu unterstützen. Schon heute – und unabhängig vom Ausgang des Krieges – haben sich die Ukrainer neben den Polen oder der französischen résistance einen herausragenden Platz in der Geschichte europäischer Freiheitskämpfe gesichert. Ob das in einer postheroischen Gesellschaft wie Deutschland verstanden wird, ist leider fraglich. 

Auch Russland wird auf Jahrzehnte von diesem Konflikt geprägt bleiben. Er markiert einen Wendepunkt. Nach einer Serie kleinerer, schmutziger Kriege und Invasionen im Kalten Krieg und dann seit 1991 im post-sowjetischen Raum hat das Land nun einen großen, friedfertigen Nachbarstaat überfallen. Natürlich war die russische (und sowjetische) Geschichte des 20. Jahrhunderts von Terror und Massengewalt geprägt. Doch bislang gelang es dem offiziellen Russland erfolgreich, sich als Opfer zu inszenieren und den Sieg im Zweiten Weltkrieg 1945 in den Mittelpunkt der eigenen Erzählung zu stellen. Der Stalinismus war zwar eine Wunde in der russischen Erinnerung. Doch seine Geschichte eignet sich nicht für eindeutige Urteile. Unter Stalin war die gesamte Gesellschaft durch den Fleischwolf gedreht worden. Es fiel oft schwer, zwischen Täter und Opfern zu unterscheiden. Wer gestern noch NKWD-Scherge war, der wurde morgen verhaftet und erschossen. In vielen Familien gab es Opfer und Täter. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus auch so kompliziert. 

Russen werden sich dem stellen müssen

Im Unterschied zur Stalin-Zeit kennt dieser Krieg keine Ambivalenzen. Heute herrscht Eindeutigkeit. Putins Angriffsarmee steht gegen die tapferen Verteidiger von Kiew, Charkiw oder Mariupol. Die russische Gesellschaft wird sich über Jahrzehnte mit den Verbrechen auseinandersetzen müssen, die in diesen Stunden seine Soldaten und Freischärler verüben. Ja, auch für die Russen, die gegen diesen Krieg waren, wird es ungemütlich werden. Russlands Bürger können sich darauf einstellen, was es bedeutet, kollektiv für ihre verbrecherische Führung in Haftung genommen zu werden. Natürlich werden viele Russen ihre Verantwortung abstreiten, die zahllosen Verbrechen leugnen. Als Deutsche wissen wir aber: das nützt nicht viel.

Europa ist zu seiner eigentlichen Geschichte zurückgekehrt. Historiker wissen: Der Krieg war historisch stets der Motor unseres Staatensystems. Das ist eine unbequeme Wahrheit, die lange von denjenigen bestritten wurde, die an den Mythos des ewigen Friedens glaubten. Es war ja auch eine schöne Geschichte, die Mär von der Friedensmacht Europa, die wir uns in den Parlamenten und Universitäten erzählt haben. Sie hatte nur ein einziges Problem: sie war und ist nicht wahr. Wir leben auf einem Kontinent, der von Gewalt geprägt ist. Wer Geschichte studiert hat, der versteht wovon ich spreche. Die brennende Frage ist nun, wie wir unsere Gesellschaften auf eine neue Wirklichkeit einstellen, auf die sie nicht vorbereitet sind. Wir benötigen eine neue Erzählung, die Frieden und Freiheit nicht mehr als Selbstverständlichkeiten darstellt, sondern diejenigen in den Mittelpunkt stellt, die bereit waren, für diese Werte zu kämpfen. Wie die mutigen Männer und Frauen heute und morgen auf den Straßen von Kiew, in den Steppen des Donbas, an den Stränden des Schwarzen Meeres, im Himmel über den unendlichen Feldern oder im Zentrum von Charkiv. Ihnen gilt unsere Bewunderung.

Sie sind die Helden eines anbrechenden Zeitalters.