Demokratische Vollversammlung, im Hintergrund ein Parlamentsgebäude. Marco Verch, Flickr, CC2.0

Erwiderung: Angsthasen? Nein, Demokratie!

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Unser Autor Alexander Gutzmer hat vor wenigen Tagen die „Hasenfüßigkeit“ von Konzernen in Zeiten des Shitstorms beklagt. Hannes Stein widerspricht ihm. Die Macht der Konsumenten ist in seinen Augen direkte Demokratie im besten Sinne.

Laura Ingraham ist eine Talkshow-Moderatorin und ein Star des Fernsehsenders „Fox News“, der tagaus, tagein damit beschäftigt ist, Donald Trump in den Himmel zu loben. Neulich ließ Frau Ingraham einen Tweet los, in dem sie sich über David Hogg lustig machte, einen 17-jährigen Schüler, der zu den Überlebenden des Massakers an der Schule in Parkland, Florida gehört. Seit jenem Massaker ist Hogg zu einem Anführer des Jugendprotestes für schärfere Waffengesetze und gegen die „National Rifle´s Association“ avanciert. Frau Ingraham schrieb mit beinahe sichtbarer Schadenfreude, David Hogg sei von vier Colleges abgelehnt worden, für die er sich beworben hatte.

Die Retourkutsche kam prompt: 15 Wirtschaftsunternehmen kündigten an, sie wollten künftig nicht mehr in Laura Ingrahams Fernsehshow werben. Das ist eine empfindliche Geldeinbuße für „Fox News“, deswegen reagierte Laura Ingraham prompt mit einer Entschuldigung. David Hogg nahm diese Entschuldigung aber nicht an – und Frau Ingraham hat sich gerade einen Urlaub genommen, von dem es bei „Fox News“ heißt, er sei vorher geplant gewesen. Mal sehen, ob sie von diesem Urlaub je wieder zurückkommt.

Wenn man meinem Kollegen Alexander Gutzmer Glauben schenkt, so ist das „die Kontrollgesellschaft in Reinform“, wie sie Gilles Deleuze beschrieben hat. Deleuze schrieb, es sei zwar schön, dass der Kapitalismus die überkommenen Hierarchien zerstöre, aber furchtbar, dass er alles an die Bedürfnisse des Marktes anpasse. Gutzmer beklagt nun, in den sozialen Medien herrsche „eine Kultur der permanenten Observation“: Konzerne seien ständig dazu bereit, sich bei jedem Anflug von Kritik wegzuducken. Er sehnt sich nach der heroischen Zeit der „Mad Men“ zurück, also den Sechzigerjahren, als die Werbefachleute an der Madison Avenue Anzeigenkampagnen entwarfen – und er fragt wehmütig, wo denn die Don Drapers von heute geblieben seien.

Konsumenten haben Macht

Ich bin ein wenig anderer Ansicht als mein Kollege. Erstens sei angemerkt, dass die Welt der „Mad Men“, wie sie in der Fernsehserie gezeigt wird, auf (für meinen Geschmack viel zu) plakative Weise ekelhaft ist: Alle weißen Männer in dieser Soap Opera sind Rassisten und Chauvis, die Frauen auf den Arsch klatschen. Don Draper, der Antiheld der Serie, verdient nicht nur sei Geld damit, Lügen zu verkaufen – er ist selber eine Lüge auf zwei Beinen, denn er hat sich seine Identität gestohlen. Was, bitte, soll daran bewundernswert sein?

Zweitens: Ich sehe in einer Episode wie der von mir beschriebenen, keine totalitäre Kontrolle. Ich sehe darin vielmehr einen wunderbaren Ausdruck von direkter Demokratie. Wir sind im Kapitalismus eben alle in erster Linie Konsumenten – und als Konsumenten haben wir Macht. Wir können Wirtschaftsunternehmen boykottieren. Wir können auswählen. Lebten wir in einer Planwirtschaft, so wäre es völlig wurscht, ob ein moralisch debiler Talkshow-Star den Überlebenden eines Massakers beleidigt; zum Glück ist es den jungen Leuten von jener Schule aber gelungen, eine disziplinierte, gewaltfreie Protestbewegung auf die Beine zu stellen. Und plötzlich ist die „National Rifle´s Association“ nicht mehr allmächtig. Und plötzlich muss sogar ein Propagandasender wie „Fox News“ sich Mühe geben, die jungen Leute nicht allzu sehr zu vergrätzen, weil ihnen sonst handfeste wirtschaftliche Konsequenzen drohen. Großartig!

Überhaupt ist es bekanntlich so, dass die meisten Wirtschaftsunternehmen in den Vereinigten Staaten gegen den Trumpismus stehen. Schutzzölle finden die ohnehin blöd. Feindlichkeit gegen Immigranten ebenso. Wirtschaftsunternehmen haben ein Interesse, dass Minderheiten nicht mies behandelt werden – schließlich sind das alles Käufer. Nach der Verabschiedung des Civil Rights Act 1964 stellten Restaurantbetreiber in den Südstaaten fest, dass das ökonomisch gut für sie war: Plötzlich hatten sie mehr Kundschaft, weil auch Schwarze bei ihnen einkehrten. Ich kann daran nichts Verwerfliches entdecken. Und wenn Käufer dank der sozialen Medien noch mehr Macht haben, sage ich: Gut so. Ach, und ob Osterhasen Traditionshasen oder sonstwie genannt werden, ist mir – ehrlich gesagt – vollkommen powidel.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


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