Ich war seit Studententagen in der FDP. Aber nach diesem Wochenende ist Schluss.

Über viele Jahre hat er sich aufgebaut, aber am Ende kommt der Moment nicht mit Getöse, sondern still und enttäuschend. Das Ende meiner Mitgliedschaft in der FDP markiert ein kurzer, finaler Ermüdungsbruch, begrenzt wehmütig, nach fast auf den Tag genau 15 Jahren.

Im Frühjahr 2011 war ich eben zurück vom Erasmus-Semester in Italien und politisch tatendurstig. Turin ist schön, aber der Alltag war oft dysfunktional und die Bürokratie auch für deutsche Verhältnisse erdrückend. Wieder zuhause wollte ich deshalb unbedingt etwas bewegen. Was genau, würde sich finden, Hauptsache, es bot mir mehr als reinen Distinktionsgewinn durch Performance. Ich sehnte mich nach softem Widerstand und konstruktiver Gegenkultur, ich wollte mit Leuten vernetzt sein, die lieber einfache Steuersysteme entwarfen als sich irgendwo im Wald in Niedersachsen an Castor-Gleise anzuketten. So kam man damals zu den Liberalen.

Ein wunderschöner Fiebertraum

Dem Sturm und Drang folgte ein Partei-Engagement in Wellen, anfangs behäbig, aber über einige Jahre auch sehr intensiv. Unter annährend Gleichgesinnten zu sein, war zuerst ein wunderschöner Fiebertraum, bis irgendwann klar wurde, dass Stammtische nicht alles sind und obendrein, wenn man sie vier- bis fünfmal pro Woche durchstehen muss, auch ein teurer Spaß.

Persönliches Wachstum baut auch im Politischen auf persönlichen Irrtümern auf. Davon sammelte ich einige. Frank Schäffler, der „Euro-Rebell“, der in den frühen Zehnerjahren mit Spardogma und Beamtencharisma Berlin aufmischte, fand in mir einen beseelten Jünger und natürlich auch eine unterstützende Stimme für sein Mitgliederbegehren gegen die Griechenlandrettung. Seinetwegen trat ich schon nach wenigen Monaten wieder bei den Julis aus, weil deren Stadtvorsitzender ihn bei einer Diskussionsveranstaltung allzu heftig angegangen war.

Im Rückblick wirkt das heute genauso drollig wie der emotionale Absturz nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013, wie die Sinnkrise eines Teenagers: Unziemlich, über den vermeintlichen Ernst zu lachen, aber auch unmöglich, dem Schmunzeln zu widerstehen. Neue Kontakte und dünne Personaldecken ebneten mir danach ohne viel Zutun den Weg in einen Kreisvorstand, zwischendurch sogar als stellvertretender Vorsitzender. Und man sollte nicht zu negativ sein: Parteiarbeit hat sehr wohl auch ihre heiteren Seiten. Lustiges Abhängen in der Peer Group, die erwähnten Stammtische, dazu Wanderungen und gemeinsame Wahlkampfreisen in ferne Winkel des Landes. Natürlich auch feuchtfröhliche Parteitagsabende in irgendwelchen bayerischen Käffern, wo Samstagabend noch der Supermarkt geplündert wurde wie früher auf Klassenfahrt.

Abstieg auf Raten

Aber jede Party findet irgendwann ihr Ende, und auf jede launige Aussprache folgte verlässlich ein Parteifreund, dessen selbstbewusst vorgetragener Wahnsinn meine Bereitschaft zum weiteren Engagement erodierte. Lange auf Randfiguren beschränkt, nahm diese Verirrung in mehreren Phasen überhand. Die ersten Zweifel kamen, als ein außenpolitisch ahnungsloser Christian Lindner im Sommer 2017 vom „Einkapseln“ des Krim-Konflikts schwadronierte. Dass die FDP bald danach beim Jamaika-Aus berauscht von der eigenen Halsstarrigkeit ins politische Abseits marschierte, machte nichts besser. Nicht mehr nur peinlich, sondern bedrohlich wurde Thomas Kemmerich, der 2020 einer nie gekannten politischen Vulgarität Raum gab und dafür von Parteifreunden entweder frenetischen Beifall bekam oder unter höchstens leicht peinlich berührtem Achselzucken ignoriert wurde. (Was für eine Gaudi, danach als Bezirkssausschuss-Kandidat mehrere Februarsamstage lang an einer Ausfallstraße am Wahlkampfstand zu stehen!)
Den einen Irrsinn überdeckte der nächste, als die Partei während der Pandemie unreife emotionale Aufwallungen in der Gesellschaft aufnahm und die pubertäre Weigerung mancher Zeitgenossen, die veränderten Realitäten anzuerkennen, dankend politisch versilberte. Die Gegnerschaft zu Impfpflicht und Kontaktbeschränkungen wurde zelebriert, als kämpfte man zuvorderst gegen den politischen Gegner und nicht gegen einen Virus, der mit debiler Freiheitsrhetorik nicht zu beeindrucken war.

Die Krone aber setzte die einst staatstragende FDP dem Abstieg im Herbst 2024 auf, als ihre offenbar abgedrifteten Entscheider, die eigene Bedeutung lächerlich überschätzend, das Land zur schlechtestmöglichen Zeit in die Regierungslosigkeit stürzten. Keiner konnte da mehr übersehen, dass diese FDP das Regieren weder beherrschte noch beabsichtigte, und die Quittung folgte an der Urne.

Ein Parteifreund meinte zu mir einmal in einem Moment besonderer Frustration, den Austritt müsse man sich aufsparen wie einen guten Wein. Wohlan: Für mich ist der Korkenziehermoment jetzt da, nicht zufällig zeitgleich mit dem Antritt von Wolfgang Kubicki. Der alte Mann übernimmt die Partei als sichtbares, bedrückendes Symbol aller ihrer Fehler und politischen Kopflosigkeiten, als Zerrbild vom Selbstbild und sichtbare, endgültige Abkehr von aller Sachlichkeit und Gravitas. Kubicki ist der Todesschrei einer Partei, die ihn offenbar nicht mehr wider besseres Wissen einer Strack-Zimmermann vorgezogen hat, einer FDP, die nichts mehr kann und nichts mehr will, die sich gegen den Untergang stemmt und in diesem Kampf einen aufbietet, der ihr vielleicht die Mittel dafür gibt, aber den Sinn darin nimmt. Schon die Form ist zum Fürchten. Hier spricht einer den Aufbruchstext, der gefühlt seit Hannibals Marsch über die Alpen in der FDP herummacht, und verlangt Geschlossenheit und „Integration“ in eine Partei, gegen die er selbst zu jeder Zeit genussvoll quergeschossen hat.

Gemeinsame Ziele?

In der Substanz will ich über all das trotzdem keine Stäbe brechen, dafür war ich zu lange zu inaktiv, und die Entscheidungen, die nun anstehen, sind zum Glück nicht mehr die meinen. Parteien müssen nicht durch die Bank blinde Loyalität à la Trump erzeugen, aber sie sollten sehr wohl auch Abweichlern und Minderheiten vermitteln, dass man gemeinsame, vulgo: die richtigen Ziele hat. So wäre auch ich geblieben, hätte ich nur das Gefühl gehabt, dass die FDP Freiheit im pathetischsten Sinne versteht, als Abwesenheit von Repression und als Abwehrkampf gegen die Schattenmächte unserer Zeit, und eben nicht nur als Genörgel über Zuckersteuern oder Kredite für die Bundeswehr. Die Leute dafür hätte es gegeben, aber wo sind sie jetzt?

Längst können wir nicht mehr einfach 2013 cosplayen, dafür ist die Lage zu ernst. Es geht ums Ganze. Extremisten schießen in Deutschland das demokratische Projekt sturmreif, und der oberste Nihilist in Moskau bedankt sich, indem er selbst Tod und Zerstörung auf Menschen regnen lässt, die leben wollen wie wir. Was da eine liberale Partei noch soll, deren neuer Häuptling mit Nachsicht und Flexibilität auf beide Phänomene blickt, mögen die Geschichte und die Wähler entscheiden. Auf den Weg, den diese FDP zu gehen gedenkt, setze ich aber keinen Fuß mehr. Ich bin raus. Mein ehrlicher Dank für 15 Jahre all denen, die ihn verdient haben; allen anderen rasche Besinnung.