Frohe Weihnachten – ohne Laschets Lametta

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Die Erfinder lächerlicher Sprachkosmetik sind nicht die Linksidentitären mit ihren Wortkonstrukten. Es sind die Konservativen. Ihr verlogenes Weihnachtsgesülze in Corona-Zeiten ist ein Fall für Knecht Ruprecht.

Konservative regen sich gern über politisch korrekte Sprachzensur auf, über gendernden Wortsalat und die Empfindlichkeiten woker Schneeflöcken, die ihr Studium am liebsten in in save spaces absitzen. Solche Realitätsvermeidungen sind – da haben die Konservativen recht – seit einem Vierteljahrhundert in der Kulturlinken aufgekommen. Und werden in Universitäten, Behörden, Parteien beharrlich durchgesetzt. Seitdem ist es riskant geworden, im öffentlichen Diskurs, einfache, empirisch nachweisbare Fakten auszusprechen. Beispielsweise dass das Geschlecht eines Menschen etwas mit seinem Körper zu tun hat. Durch sprachlichen Weichspüler versuchen sich links Fühlende ideologisch unliebsame Tatsachen unsichtbar zu machen, was teilweise auch gelingt. Es ist vollkommen berechtigt dies zu kritisieren und sich darüber lustig zu machen. Konservative tun dies zur Genüge. Liberale und universalistische Linke sowieso, gemäß dem Orwellschen Satz, dass das „Aussprechen der Wahrheit eine revolutionäre Tat“ ist.

Wahr ist allerdings auch, dass sprachlicher Zuckerguss keine Erfindung der poststrukturalistischen Kulturlinken ist. Die Konservativen verwenden den klebrigen Überzug schon viel länger. Besonders, wenn es um Themen wie Familie und Mutterschaft geht. Da zuckt die alte Kirchenfrömmigkeit noch in den nach allen Seiten offenen Unionschristen.

Gift unterm Tannenbaum

In der derzeitigen Lockdown-Diskussion tritt das wieder einmal in aller Falschheit zutage. Hört man Politikern der C-Parteien zu, gewinnt man den Eindruck, die schrecklichste Folge der Pandemie seien nicht die Toten, die wirtschaftliche Not vieler kleiner Unternehmer und und der Stillstand des Kulturbetriebs. Nein, es sei die Aussicht, Weihnachten 2021 nicht im Schoße der Verwandtschaft feiern zu dürfen. „Das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“, prophezeit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

Ich bin Nachkriegsgeneration. Die härtesten Weihnachten habe ich schon lange hinter mir. Gänsebraten und Geschenke konnten meist nicht überdecken, was an den 362 Nichtweihnachtstagen zuvor in der Sippe ans Licht gekommen war und nun im romantischen Kerzenschein thematisiert wurde. Politische Differenzen waren da noch am harmlosesten. Wesentlich giftiger wurde es unterm Tannenbaum, wenn urmenschliche Aversionen gegen die Blutsverwandtschaft durch Alkohol befördert ins Freie drängten.

Tatsache ist, dass Familien in vielen Fällen hemmende Zwangsgemeinschaften sind, unter denen Menschen lebenslänglich leiden. Das wissen auch Konservative zumeist aus eigener Erfahrung. Aber niemand traut sich, es auszusprechen. So wie einem Grünen nicht über die Lippen kommt, wie absurd es ist, Gentechnik-Medikamente zu schlucken, aber Gentechnik-Mais als Teufelszeug zu verdammen.

Laschets Lametta ist unnötig, denn jeder weiß: COVID-19 wird für Millionen Menschen eine willkommene Ausrede sein, keine quälend langen Abende mit Menschen verbringen zu müssen, die man nicht ausstehen kann, denen man sich jedoch aus finanziellen, emotionalen oder neurotischen Gründen verpflichtet fühlt. Frauenhäuser, Telefonseelsorge und lärmempfindliche Nachbarn werden entlastet. Das Weihnachtsmotto „Friede auf Erden“ könnte dieses Jahr in deutschen Wohnzimmern endlich mal Wirklichkeit werden.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.