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Geht es Ihnen gut, Herr Steingart?

Perfekt getimt liefert das jüngste und wirrste Werk des The Pioneer-Chefs Gabor Steingart die ultimative Begleitlektüre zu den Demonstrationen des vergangenen Wochenendes in Berlin.

Am Wochenende war viel los in der Hauptstadt. Aluhüte neben Impfgegnern, Rechtsextreme neben Putin-Kuschlern – alles war auf den Beinen, mit Sicherheit auch ernstzunehmende Demonstranten. So ergibt sich, dass ein Büchlein, das auch an eben jenem Wochenende erschien, im medialen Getöse beinahe unterging: Der Chef der Medienmarke The Pioneer, Gabor Steingart, hat seinen Lesern „Die unbequeme Wahrheit“ mitzuteilen. 

Natürlich geht es um: Irgendwas mit Corona. Dieses unliebsame Wort, flüstert Steingart dem Leser noch am Klappentext zu, sei mittlerweile nur ein anderes Wort für Ausrede. Die Alternativen, liest man weiter, existierten aber. Die Spannung steigt. Knapp 200 Seiten, die in Form der Rede direkt an die „liebe Freundin!“ und den „lieben Freund!“ gerichtet sind, folgen.

Es fühlt sich falsch an, dass man von einem knapp 60-jährigen Unbekannten ab Satz eins geduzt wird, aber weiter geht’s, die Erkenntnis lockt. „Ich sehe dich an – und erkenne mich selbst. Wir sind einander verbunden“, schreibt Steingart, „ich möchte angesichts der Lage offen mit dir sprechen.“ Merken Sie schon etwas?

„Der künftige Mensch wird nicht erschossen, nur versklavt“ 

Falls nicht, halb so wild. Spätestens ab Seite elf sind wir voll auf Kurs (oder vielleicht eher an Bord, Steingarts Team tuckert ja seit einigen Monaten im eigenen Boot hauptberuflich auf der Spree dahin): 

„Doch des Nachts träumt man im Berliner Regierungsbezirk, in Downing Street No. 10 und im Élysée-Palast den chinesischen Traum, in dem das Volk als Masse auftaucht, die nicht gehört, nur geknetet werden muss.“ 

Gabor Steingart

„Die Eliten verfolgen im stillen Einverständnis der unterschiedlichen Parteien ein ehrgeiziges Projekt: Sie wollen vom Volk ihre Souveränität zurück.“ 

Gabor Steingart

„Der künftige Mensch wird nicht erschossen, nur versklavt.“ 

Gabor Steingart

„Der neue Untertan muss nicht bluten, nur zahlen.“

Gabor Steingart

Uff. Sätze, die sich lesen, als wäre der Autor bei Attila Hildmann persönlich in den Verschwörungstheoretiker-Abendkurs gegangen. Nicht ganz so hart zwar, aber Radikalisierung verläuft ja bekanntlich in Etappen. Also fürs erste: Steingart gekauft, Hildmann light bekommen, schmeckt so, wie es klingt: grauenhaft. 

Zwar schneidet Steingart im Laufe seiner verschriftlichten Rede noch unterschiedlichste Themen an – von Zuwanderung und Integration über Digitalisierung und Sozialstaat – letztlich werden die bisweilen durchaus luziden Gedanken aber immer wieder von wirren und bildsprachlich heillos überladenen Zwischenrufen an den Leser unterbrochen. Es bleibt: Unwohlsein.

Zum Abschied erhält die Freundin, der Freund, Dank für die Aufmerksamkeit. „Möge die deutsche Schwermut verwehen und eine neue Leichtigkeit uns erheben.“ Möge niemand jemals wieder so verkitscht schreiben, möchte man ergänzen. Und wenn wir schon per Du sind, eine Rückfrage: Wo fing das an, was ist passiert, was hat dich bloß so ruiniert?

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