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Grüner Mut, Grüne Angst

„Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen“, plakatierten die Grünen zur Europawahl. Doch davon ausgenommen ist die Lieblingsangst der Grünen, die Atomangst. Eine Fallstudie aus der niedersächsischen Provinz – und ein Vorschlag zur Angsttherapie.

Die Grünen hatten für die Europawahl einen schönen Wahlslogan ersonnen:

„Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen.“

Vielleicht hat auch diese Botschaft zu ihrem Wahlerfolg beigetragen. Es ist ohne Zweifel eine gute Botschaft, eine gute Richtschnur für grüne Politik. Nach grüner Auffassung gilt die Ansage, sich keine Angst machen zu lassen, für ganz Europa und für ganz Deutschland. Mit einer Ausnahme: dem Landkreis Hameln-Pyrmont. Dort steht nämlich ein Angst-Gegenstand, den die Grünen hegen und pflegen: das Kernkraftwerk Grohnde.

Das grüne Angstobjekt

Eigentlich müssten die Grünen das Kraftwerk ja lieben, denn es produziert Tag und Nacht verfügbar, CO2-arm, feinstaub- und stickoxidfrei Strom und ist amtierender Weltmeister in der Block-Stromerzeugung. Aber das Antiatom-Hemd ist den Grünen näher als die Klima-Jacke. Deswegen hat die grüne Partei maßgeblich zur Herstellung jenes Klimas der Angst beigetragen, das 2011 nach Fukushima zum deutschen Atomausstieg führte. Und schon waren wir unser schlagkräftigstes Instrument zur Erreichung einer CO2-armen Elektrizitätswirtschaft los. Nach 2022 wird in Deutschland kein Kernkraftwerk mehr in Betrieb sein, obwohl wir sie gerade jetzt dringend bräuchten.

Das Kernkraftwerk Grohnde, an der Weser bei Hameln gelegen, hat laut Atom(ausstiegs)gesetz eine Betriebsgenehmigung bis Ende 2021. Bis zum 27. Mai war die Anlage in Revision, was bedeutet: das Kraftwerk wurde für den Brennelement-Wechsel vom Netz genommen und Wartungsarbeiten ausgeführt. Bevor die Systeme wieder in Betrieb gehen, werden sie umfassend geprüft. Manchmal entdeckt man im Zuge solcher Systemchecks oder Wiederkehrenden Prüfungen einen Defekt. Dann schreibt man eine Störungsmeldung, bereitet die Arbeitsmaßnahme vor und repariert den Defekt. Das ist der Zweck einer Prüfung.

Ein Defekt

In Grohnde wurde Mitte Mai der Reaktor nach dem Brennnelement-Wechsel wieder zusammengebaut und zuletzt der Reaktordeckel verschraubt. Als alles fertig war, unterzog man alle elektrisch versorgten Systeme im Reaktor, z.B. Steuerstabantriebe und die Kern-Instrumentierung, einer Funktionsprüfung. Dabei wurde entdeckt, dass eine Steckverbindung am Kabel einer Messeinrichtung defekt war. Da diese Steckverbindung mit der Messeinrichtung, die sich unterhalb des Reaktordeckels befindet, fest verbunden ist, musste der Deckel wieder gezogen werden. Alle anderen Steckverbindungen wurden zuvor überprüft und waren in Ordnung.

All diese Arbeiten dauern bei einem Druckwasserreaktor wie in Grohnde ihre Zeit: die Kabelbrücke oberhalb des Reaktors muss abgebaut, die mannshohen Bolzen des Druckbehälterdeckels müssen entspannt und ausgedreht werden, der Deckel wird angehoben und kommt auf einen extra abgeschirmten Abstellplatz, und die Reaktorgrube wird geflutet. Denn wenn man am offenen Reaktor arbeiten will, in dem bereits bestrahlte Brennelemente und aktivierte Reaktorkomponenten stehen, dann muss zur Abschirmung immer eine dicke Schicht Wasser zwischen dem Reaktor und den Menschen liegen. Die betroffene Messeinrichtung wurde als Ganzes ausgetauscht. Dann folgte wieder die übliche, aber zeitaufwendige Prozedur: Wasserstand absenken, Deckel setzen und verspannen, Werkzeug rausfahren, Reaktorgrube aufräumen und putzen, Kabelbrücke setzen und anklemmen, Prüfungen. Das alles verlängerte die Revision. Und diese Tatsache erregte sogleich die Aufmerksamkeit der Grünen.

Grüner Alarmismus

Die niedersächsischen Grünen, die gerade ihren Mut-Wahlkampf gegen die Angstmache-Politik der Populisten führten, waren alarmiert. Sie nahmen den unspektakulären Reparaturvorgang zum Anlass, mit Berufung auf eine angeblich akut drohende Gefahr die sofortige Stillegung des Kernkraftwerks zu fordern. In der regionalen „Deister-Weser-Zeitung“ (DEWEZET) gaben die Kreisvorsitzende der Grünen für Hameln-Pyrmont, Britta Kellermann, und die Landtagsabgeordnete Anja Piel ihrer Empörung Ausdruck [1]: „Unverantwortlich“ sei der Weiterbetrieb des KKW Grohnde.

„Warum ist der Ausfall nicht bereits während der Revision aufgefallen? Seit wann ist das Messinstrument kaputt? Welche Messwerte wurden erhoben? Welche Parameter wurden vor dem Ausfall gemessen? Gerade die Informationen über Druck und Temperatur im Reaktorsicherheitsbehälter seien von entscheidender Bedeutung für den Betrieb‘, so Piel. Sie erwartet, dass die zuständigen Ausschüsse des Landtages und des Kreistages unverzüglich informiert werden. ‚Die Landesregierung muss jetzt handeln. Das AKW sollte nicht wieder ans Netz gehen‘, fordert Piel.“ Und Kellermann legte noch eins drauf: „Nicht auszudenken, wenn im laufenden Betrieb fehlerhafte Messwerte erfasst würden. Will man die Region für die Restlaufmenge wirklich noch der Gefahr eines GAU aussetzen?“

Inzwischen ist die Revision beendet. Die niedersächsische Atomaufsicht hat Grohnde die Anfahrgenehmigung erteilt. Am Sonntagabend wurde der Reaktor kritisch gemacht, und seit Montag früh ist das Kraftwerk wieder am Netz. Die neu eingebaute Messlanze wurde im Beisein von Sachverständigen getestet und für voll funktionsfähig befunden. Der besagte Defekt war nicht einmal ein „meldepflichtiges Ereignis“, was in Deutschland von Medien und Atomgegnern häufig mit „Störfall“ gleichgesetzt [2] wird. 

Hilft gegen Angst: ein Blick in den Reaktor

Deswegen habe ich einen Vorschlag zur Güte für die Grünen: eine Konfrontationstherapie gegen die Atomangst. Ich lade Frau Kellermann und Frau Piel zu einer imaginären Reaktor-Führung ein. Was ich im folgenden schildere, hätte genau so stattfinden können, als die Anlage zur Revision stillstand. Dabei kann ich auch gleich die Fragen der beiden Grünen-Politikerinnen beantworten.

Beginnen wir also unsere vorgestellte Besichtigung. Wir treffen uns vor dem Strahlenschutzbüro im Revisionsgebäude und checken dort in den Kontrollbereich ein, der im Kraftwerks-Jargon KB heißt. Sie bekommen Werksausweise, ein amtliches Filmdosimeter für Besucher und eine Unterweisung. Dann gehen wir ins Reaktorhilfsanlagengebäude zur KB-Pforte, wo wir unsere Garderobenschlüssel in Empfang nehmen. In unserer Umkleide bekommen Sie ein zweites, elektronisches Dosimeter, das Ihnen Ihre aktuelle Dosis anzeigt. Dann bugsiere ich Sie in Unterwäsche durch die Anmeldeprozedur am Terminal und die verflixte 2-Sekunden-Türfreigabe-Schaltung am Frauen-KB-Eingang.

Auf der anderen Seite ziehen wir uns orange Overalls an, verstauen Dosimeter, Ausweise, Schlüssel, Notizzettel, Taschenlampen und was die Nukiefrau sonst noch so braucht, in den Taschen. Treppe runter, nächste Tür, Helm holen, Stoffhandschuhe und Überschuhe anziehen. Dann bitten wir um Freigabe für die Personenschleuse,  melden uns nochmal elektronisch für das Betreten des Sicherheitsbehälters an, und schleusen uns ein.

Dieser Sicherheitsbehälter heißt landläufig auch Containment und ist eine hermetische und druckfeste Stahlkugel innerhalb des sphärischen Reaktorgebäudes aus Beton, das man von außen sehen kann. Wir biegen hinter der Schleuse nach rechts ab, nehmen die erste mögliche Treppe und hecheln rauf auf +22,90 Meter: Hier wird nicht in Etagen gerechnet, sondern in Metern über Grund. Wir gehen zum Beckenflur, und ziehen am Rand des Brennelement-Lagerbeckens ein zweites Paar Überschuhe an. Außerdem müssen wir unsere Taschen abkleben, Brillenbändchen antüddeln, den Helm mit Kinnriemen festzurren, damit nichts ins Becken fällt.

Dann besteigen wir die Behelfsbrücke über der Reaktorgrube, kurbeln uns mit ökologischer Handarbeit in die richtige Position, und schon stehen wir über dem für die Reparatur geöffneten und gefluteten Reaktor. Die Brennelemente können Sie jetzt nicht sehen, weil das Obere Kerngerüst, das OKG, die Sicht versperrt. Das ist ein Teil der Reaktor-Einbauten, es hält die Brennelemente stabil auf Position und beherbergt unter anderem Führungsrohre und Antriebsstangen für die Steuerstäbe. Im eigentlichen Reaktorkern, unterhalb des OKG, stecken die Brennelemente und die Steuerstäbe, und außerdem etliche Instrumentierungslanzen, die den Neutronenfluss und die Brennelement-Austrittstemperatur messen. Sie sehen aus wie lange dünne Stangen, die in den Reaktorkern hineinragen.

Der besagte Defekt betraf eine dieser Lanzen, genau gesagt eine sogenannte LVD-Lanze, einen Leistungsverteilungs-Detektor. Solche LVDs messen den Neutronenfluss im Reaktor und geben so Auskunft über die Reaktorleistung und ihre Verteilung über Kernhöhe und -radius.

Immer mehrere Messlanzen mit verschiedenen Funktionen sind an einer Art Querbalken befestigt, dem „Lanzenjoch“. Dort sind außerdem noch die Röhrchen für das Kugelmess-System angebracht, einer sehr schlauen Messeinrichtung zur Bestimmung des Neutronenflusses zu einem bestimmten Zeitpunkt, mit der man die Reaktor-Instrumentierung kalibriert. Mit diesem System werden Metallkügelchen aus Vanadium durch den Reaktorkern geschossen, an deren Aktivierung – sie werden durch Neutronenbeschuss nämlich selbst radioaktiv – man dann die Neutronenflussdichte in der Zone ermitteln kann, die sie durchlaufen haben.

Von diesen Lanzenjochen haben wir acht Stück, sodass die Messungen gleichmäßig über Kernquerschnitt und -höhe verteilt sind. Die Joche sind auf dem Oberen Kerngerüst, also unterhalb des Reaktordeckels montiert. An der Außenseite jedes Joches werden die Kabel für die Messsonden nach oben und dann durch den Reaktordeckel geführt. Diese Kabel haben die besagten Steckverbindungen.

Wenn eine Messung der Reaktorinstrumentierung ausfällt, geschieht das „selbstmeldend“, das bedeutet: die Kraftwerkswarte bekommt dann ein Signal über den Ausfall. Das war während des vorangegangenen Leistungsbetriebs nicht der Fall, weswegen man weiß, dass die Steckverbindung frühestens während der Demontage des Reaktors am Beginn der Revision beschädigt worden sein kann.

Doch selbst wenn eine solche Messung ausfallen sollte, können die verbleibenden Detektoren trotzdem ein ausreichend detailliertes Bild der Leistungsverteilung im Reaktorkern geben. Theoretisch hätte man die Neutronenflusswerte auch ohne die vom Steckerdefekt betroffene Lanze sicher ermitteln können. Da aber auf derselben Lanze auch noch eine Messung für die Brennelement-Austritts-Temperatur untergebracht war, die zur Störfallinstrumentierung gehört, musste auf jeden Fall die gesamte Lanze getauscht werden.

Die Fragen der Grünen

So informiert, können wir nun den Kontrollbereich wieder verlassen. Ich schleuse Sie durch drei mit Frauenstimme sprechende Kontaminations-Monitore. Die melden Ihnen „Keine Kontamination, bitte durchgehen“. Bei einem Latte Macchiato in der Wartenküche und unter Zugriff auf die Schokoladenvorräte meiner Schicht gehen wir Ihre Fragen nochmal durch. Eigentlich können Sie jetzt alle selber beantworten, nachdem Sie einiges gesehen und gehört haben. Der Defekt hat den sicheren Betrieb des Reaktors nie gefährdet, da die Messung erstens im Leistungsbetrieb nicht ausgefallen war und zweitens, falls dies doch einmal geschähe, ersetzbar wäre. Welche Parameter gemessen werden, haben wir eben bei unserer kleinen Exkursion geklärt.

Auf Ihre Aussage „Gerade die Informationen über Druck und Temperatur im Reaktorsicherheitsbehälter sind von entscheidender Bedeutung für den Betrieb“ antworte ich: „Damit haben Sie zwar im Prinzip recht, aber der Reaktorsicherheitsbehälter, das haben wir auch bereits geklärt, das ist das Containment (oder, wie die Grohnder sagen, „die Murmel“), und die Druck- und Temperaturmessungen für diesen Teil haben mit den Messungen im Reaktorkern, um die es hier geht, also innerhalb des Reaktordruckbehälters, überhaupt nichts zu tun.“ 

Als Fazit unseres imaginären Informationsbesuchs können wir festhalten: Es gibt keine sachliche Begründung für die Bemühung von Ausschüssen, das Herbeireden von Handlungsdruck oder gar für eine sofortige Stillegung des Kernkraftwerks Grohnde. Aber es gibt nun einige Fragen – oder Bitten – an die Grünen. 

Angstpolitik ist immer falsch 

Liebe Grüne, ich möchte Sie bitten, sich vor Aussagen zu kerntechnischen Spezialproblemen an Leute zu wenden, die Ihnen solche Dinge erklären und einordnen können, z.B. an die Gesellschaft für Reaktorsicherheit [3] oder zur Not auch an mich. Zweitens möchte ich Sie ermutigen, über die Kernenergie anders als im Angst-Modus zu sprechen, gerade mit Blick auf unsere Klimapolitik. Ich möchte Sie ermutigen, aus dem Schützengraben des Angst-Kriegs zu steigen. Ich persönlich halte Kernenergie – die hoffentlich irgendwann auch in Gestalt von Fusions- statt von Spaltreaktoren nutzbar sein wird – für die grünste Art der Stromerzeugung überhaupt, und für die sicherste. Darüber sollten wir einmal diskutieren, denn es wird gerade händeringend nach einem CO-2-armen Backup für erneuerbare Energien gesucht. Auch wenn es Ihnen schwerfällt: Ihre persönliche, aber widerlegbare Auffassung von der Gefährlichkeit der deutschen Kernkraftwerke sollte bei der öffentlichen Bewertung von Fakten zurückstehen.

Sonst machen Sie es nicht besser als AfD und Pegida, die Sie zu Recht dafür kritisieren, dass sie die verfügbaren Daten über Migration verzerren und sie sodann in ihre Politik der Angst einflechten. Doch was den einen ihre Islamisierung und ihre „messernden Männerhorden“, das ist den anderen ihr „marodes AKW“ und ihr knapp bevorstehender Super-GAU. Wir sollten diese Obsessionen allesamt zum Teufel jagen. Denn Sie haben ja recht: Eine mutige Gesellschaft sollte sich keine Angst machen lassen. Auch keine Atomangst.