Sexismus, Sawsan Chebli, #metoo
Pa·t·ri·ar·cha̱t, Substantiv [das]: Gesellschaftsform, in der dem Mann eine bevorzugte Stellung in Gesellschaft und Familie zukommt. Emily Brady

Ich auch, ich auch, ich auch…

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Warum mich meine Facebook-Timeline zur Zeit fassungslos macht (Tipp: Es liegt nicht an #metoo).

Da sind wir nun. Anfang des Monats berichteten Jodi Kantor und Megan Twohey in der New York Times, der Filmproduzent Harvey Weinstein habe über drei Jahrzehnte (!!!) Frauen sexuell belästigt . Der Artikel sorgte dafür, dass eine Reihe von Frauen sich ebenfalls trauten, ihre Erlebnisse mit Weinstein öffentlich zu machen, und das Ausmaß der Enthüllungen zeigt, dass dies kein Einzelfall war, sondern struktureller, von vielen anderen geduldeter oder bewusst gedeckter Sexismus. Ein paar Wochen später ging auf der anderen Seite des Atlantik ein Facebook-Post von Staatssekretärin Sawsan Chebli viral, in dem sie das Kompliment „jung und schön“ in einem beruflichen Kontext als unangemessen und sexistisch bezeichnet.

In den USA hallt die Debatte über Sexismus seit Weinstein noch immer nach, und so überlagern sich dieser Tage in den sozialen Netzwerken die #metoo-Posts aus beiden Ländern. Wie es der Zufall so will, liegen die Anlässe aus Amerika und Deutschland an zwei sehr weit voneinander entfernten Enden der Skala dessen, wie sich Sexismus äußert: Unbeholfener Kommentar, der nichtsdestotrotz tief blicken lässt, und massive sexuelle Gewalt.

Ab wann ist ein Übergriff eines #metoos würdig?

In meiner Timeline schreibt ein Mann, unter #metoo fände sich alles von weirden Kussversuchen bis zu krasser Belästigung. Mal abgesehen davon, dass ich nicht genau weiß, was „weirde Kussversuche“ genau sind, finde ich diesen Post erstaunlich. Ich weiß natürlich, dass sich dahinter im besten Fall die Absicht verbirgt, einzugrenzen, was denn jetzt sexistisch ist – und was einfach nur ungehobelt, ungeschickt oder unpassend. Dennoch finde ich die Debatte, die Vorwürfe gegen die Welle der #metoo-Posts bestenfalls merkwürdig, schlimmstenfalls zynisch. Interessant, dass manche kommentieren, das, was Chebli thematisiert habe, sei kein Sexismus und Erlebnisse wie dieses zu teilen, werte das Erlebte von Frauen, die „echte Opfer“ sind, ab. Komisch, dass das viele „richtige Opfer“ anders zu sehen scheinen. So schreibt eine Freundin, von deren Erfahrungen mit sexueller Gewalt ich schon lange vor den Ereignissen dieser Tage wusste, sie fühle sich durch die Flut dieser Posts bestärkt, befreit und – endlich einmal – in ihrer Scham nicht mehr alleine. Vielleicht sollte man es endlich einmal den „Opfern“ überlassen, sich abgewertet zu fühlen oder eben nicht.

Ein oft gehörter Einwand ist, es sei ja so leicht, sich im Netz zu einer solchen Sache zu bekennen, Deckmantel der Anonymität, man sitzt am Schreibtisch, etc. Ich finde das nicht. Erstens ist heute im Netz kaum einer anonym, die meisten dieser #metoo-Posts werden unter Klarnamen gepostet und sind auch Jahre später über Google auffindbar, wenn man Pech hat, oder nicht? Zweitens ist die Zeit, in der man mit Transparenten auf die Straße zog oder BHs verbrannte nun mal größtenteils vorbei. Protest vollzieht sich heute auch und immer mehr im Netz, von Online-Petitionen bis eben zu Hashtag-Kampagnen. Es ist weder narzisstisch noch albern, sich unter einem Hashtag zum Thema zu äußern und sich mit Frauen zu solidarisieren, die ähnliches, schlimmeres oder weniger schlimmes erlebt haben.

Der Vorwurf, dies oder jenes im sozialen Netz diene nur der Selbstdarstellung greift, finde ich, irgendwie ins Leere, denn: ALLES was man da postet, von der Auswahl des Profilbilds bis zum geteilten Artikel, dient doch dem Zweck, das Ich im Netz zu kuratieren. Bei dem einen ist die Sorgfalt und der Aufwand, mit dem das betrieben wird, eben stärker, bei dem anderen weniger stark ausgeprägt. Es ist übrigens nicht besonders glorreich, „Opfer“ zu sein, es ist nichts, wozu man sich stilisieren muss oder auch will. So habe ich lange überlegt und gezögert, ob ich meine eigenen Erfahrungen mit einem „#metoo“ versehen teilen will – und mich dagegen entschieden. Dazu später noch mehr.

Die immer gleichen Diskreditierungsmechanismen

Das Ausmaß dessen, was ich in meiner Timeline zu dem Thema gelesen habe, macht mich wütend, traurig, betroffen. Schockieren tut es mich nicht. Vielmehr lese ich die vielen „ich auchs“ und werde mir einmal mehr der Reichweite bewusst, die Sexismus hat, über Schichten, Länder, Altersgrenzen hinweg.  Ich wünschte, ich könnte sagen, ich sei überrascht, aber vielleicht trifft es „entsetzt“ eher. Ebenso entsetzend finde ich, dass wir im Jahr 2017 anscheinend immer noch nicht in einer Zeit angekommen sind, in der die Benennung von Sexismus in all seinen Nuancen nicht sofort als Hysterie und Wichtigtuerei von Seiten der Opfer diskreditiert wird.

Mich schockiert nur die Rigorosität, mit der Frauen wie Sawsan Chebli bewertet werden. Zu laut, zu eitel, zu sehr auf mediale Aufmerksamkeit aus, sie trägt eine dicke Rolex (habe ich so auf Facebook gelesen) – wenn man liest, was ihr da alles zum Vorwurf gemacht wird, fragt man sich, wie denn ein glaubwürdiges Opfer aussieht. Unattraktiv, schlau aber nicht zu schlagfertig, und am Besten ohne Migrationshintergrund? Mein (subjektives) Gefühl ist, dass ein solches Maß an öffentlicher Empörung wie das über Cheblis vermeintliche Sensationsgier da fehlt, wo es wesentlich angebrachter wäre: Zum Beispiel, wenn neue Vorwürfe gegen Regisseure wie Roman Polanski oder Woody Allen bekannt werden. Letzterer fürchtet nach Weinstein übrigens eine „Hexenjagd“. Ähm, warum wohl?

Bildet Banden!

Eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Wenn man sich ansieht, wie lange Weinstein ungehindert Frauen belästigen konnte, wird auch klar: Dieses Patriarchat ist verdammt gut organisiert. Das Rudel muckt nicht gegen den Leitwolf auf, ab einem gewissen Status kann man sich quasi ungehindert an Schwächeren vergehen, ohne soziale (und juristische) Repressalien zu fürchten. Vielleicht können wir Feministen uns von diesem Zusammenhalt, diesem „eine Hand wäscht die andere“-Spiel zumindest eines abgucken: Banden bilden. Zusammen stehen, auch wenn uns die Frau, die gerade zur Galionsfigur gemacht wird (oder sich selber dazu macht), nicht besonders sympathisch ist. Weil es um die Sache geht.

Dem Missbrauch mit all seinen Grauzonen, den Selbstzweifeln, die es schwer machen, ihn als solchen zu benennen, ist die Schauspielerin Lupita Nyong’o mehr als gerecht geworden. Ihre Erfahrungen mit Weinstein hat sie in einem sehr lesenswerten  Bericht für die New York Times aufgeschrieben. „Ich hoffe, es gelingt uns eines Tages in einer Gemeinschaft zu leben, wo Frauen öffentlich über Missbrauch sprechen können,  ohne erneut missbraucht zu werden, weil man ihnen nicht glaubt und sie stattdessen verspottet“, schreibt sie dort. Amen. Warum ich das in einem Atemzug mit der deutschen Debatte nenne? Auch wenn der Vorfall um Chebli in einer anderen Liga spielt: Es ist der gleiche Sport.

Wie wir reden

Denn in dieser Altherren-Rhetorik offenbart sich, wie sehr wir immer noch in einem System leben, in dem Männer sich sicher fühlen und oftmals gar nicht realisieren, wie privilegiert sie immer noch sind, wie maßgeblich sie die Spielregeln gestalten und den Diskurs darüber, was angemessen ist und was nicht, prägen und bestimmen. Die Reaktionen in meinem Umfeld machen mich fassungslos. Da sind die, die sich fragen, ob man denn Frauen gar keine Komplimente mehr machen dürfte. Kleiner Life-Hack: In der Bar ja, im Büro eher nicht. Oder loben Sie den Handwerker, der ihren Kleiderschrank aufbaut, auch für seine muskulösen Oberarme? Na also.

“Aber Männer freuen sich doch auch über Komplimente”. Mag sein. Das hat auch etwas mit Machtstrukturen zu tun. Natürlich freut sich ein in der Hierarchie weiter oben stehender Mann über die schmeichelhafte Bemerkung einer Kollegin, weil er überhaupt nicht in die Verlegenheit kommt, etwas zu befürchten, wenn er diese nicht lächelnd annimmt. Wenn er sagt, sie sei unpassend. Als Volontärin, die hofft, nach ihrer Ausbildung einen Arbeitsvertrag zu bekommen, ist die Gemengelage schon eine andere.

Übrigens: Diese Bemerkungen, diese „Komplimente“, geschehen nicht in einem Vakuum. Sie reihen sich ein in eine Vielzahl von doofen Sprüchen, die jede Frau von Männern hört, immer und immer wieder, spätestens ab der Pubertät, bis zu dem Alter, in dem Frauen dann für die meisten Männer unsichtbar werden (variiert). Irgendwann nervt es einfach tierisch.

Ich auch? Ich auch!

Warum zögere ich, meine Erfahrungen zu teilen? Warum kein #metoo auf meiner Facebook-Seite, wenn ich die Sache doch so gut finde? Ganz ehrlich: Weil ich Angst davor habe, mit der gleichen Rigorosität bewertet zu werden wie Chebli und die vielen anderen. Wenn ich schreibe, dass mich auf einer Party mal ein Mann beschlafen hat, obwohl ich nicht mal mehr in der Lage war, mir die Schuhe auszuziehen und auch nicht mehr so richtig weiß, wie wir überhaupt im Bett gelandet sind, was wirft das dann für ein Licht auf mich? Natürlich gar keins, weil man halb bewusstlose Menschen nicht ins Bett zerrt, und man sich ja als Frau Anfang 30 im privaten Kontext auch mal die Lichter ausschießen dürfen sollte, ohne befürchten zu müssen, dass das jemand gnadenlos ausnutzt. Wenn ich schreibe, dass mir unwohl war, als ein Fotograf mich bei einem Termin, bei dem es um den Vorwurf der Vergewaltigung eines fünfzehnjähriges Mädchens ging, mal fragte, wann ich denn meine Sexualität entdeckt habe (ich saß in seinem Auto), bin ich dann ein Kollegenschwein, weil ich mit diesem Mann auch andere, gute Termine hatte und er mich nie unsittlich berührt hat, immerhin? Wenn ich schreibe, dass mehrere Kollegen Mitte 40 zu einer Praktikantin Anfang 20 mal sagten, sie könne sich ruhig länger bücken, das sei ein schöner Anblick, bin ich dann die Spielverderberin, die keinen Spaß versteht, obwohl ich in dem gequälten Lachen der Frau sehe, dass sie es gar nicht so wirklich lustig findet? Wenn ich schreibe, dass mir  schon mehrmals Szenarien geschildert wurden, in denen bekannte Medienmänner junge Frauen Bewerbungsgespräche bei sich zuhause angeboten hatten, abends, bin ich dann prüde und verspannt, wenn ich sage: Geht’s noch? Nein, natürlich nicht. Aber Vorwürfe dieser Art werden kommen. Die muss man aushalten. Deswegen hat jedes #metoo meinen vollen Respekt.

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Von der fränkischen Provinz zog Sarah Borufka noch als Küken nach Amerika. Nach fünf Jahren in New York und New Orleans ging es zurück an den Anfang: nach Prag, in das Land, aus dem ihre Eltern einst flohen. Dort lebte sie weitere fünf Jahre, arbeitete für englischsprachige Medien wie The Prague Post und Radio Prague und trank das berühmte Bier zuviel, mehrmals. Schließlich kehrte sie dem Post-Kommunismus den Rücken und zog 2012 nach Berlin. Dort arbeitete sie für die Late-Night-Show “Stuckrad-Barre”, ehe sie im biblischen Alter von 30 Jahren als Volontärin bei B.Z./Bild Berlin noch einmal die Schulbank drückte.Vom glitzernden Boulevard ging es dann zur Berliner Morgenpost. Dort schreibt sie eher über das kleine Besondere, hier in Zukunft über das große Ganze. Darunter versteht sie: Feminismus, Katzen, Pop-Kultur, Schönheit, Gegenwartsdiskurse, amerikanische Literatur, und warum Nicki Minaj ihr Vorbild ist.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com