Aus dem Weg! Die ostdeutsche Identität muss gerettet werden. Lear 21

Im Osten nichts Neues

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Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und heutige Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, beklagt einen „kulturellen Kolonialismus“ von Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen. Diese Kampfrhetorik ist Wasser auf die Mühlen des Ressentiments und schadet vor allem den Ostdeutschen selbst.

Es gibt mal wieder eine neue Ost-West-Debatte. Auslöser ist diesmal die Veröffentlichung einer Bestandsaufnahme, die Forscher aus Leipzig und Jena bei einer Tagung der „Deutschen Gesellschaft“ im Frühjahr präsentiert haben und die nun veröffentlicht wurde. Ihr Ergebnis: Die Eliten in Ostdeutschland seien zu einem Großteil „Westimporte“ – Angela Merkel und Joachim Gauck zum Trotz. Vor allem in der Verwaltung und in der Justiz seien Ostdeutsche noch immer unterrepräsentiert. Eine Veränderung dieser Entwicklung sei nicht absehbar, da „perpetuierender westdeutscher Netzwerke in Ostdeutschland“ bestehen, die tendenziell Ostdeutsche ausschließen würden.

Es lohnt sich sicherlich, diese Ergebnisse nüchtern zu betrachten und nach den Gründen zu fragen, warum Ostdeutsche – die Wissenschaftler grenzen den Begriff auf den Personenkreis der bis zu 1976 Geborenen ein – weitaus weniger gesellschaftlichen Führungspositionen innehalten als Westdeutsche. Gesellschaftliche Anpassungsprozesse mögen hierfür mit ursächlich sein, ebenso das mangelnde Vertrauen West- und Ostdeutscher in die „ostdeutschen Eliten“.

Ostdeutsche Mythenbildung

Die Autoren der Studie unterschlagen jedoch eine grundsätzliche Dimension: Die Wirkmächtigkeit sich perpetuierender Mythen der Ostdeutschen über sich selbst, die eine Distanz gegenüber den „westdeutschen Eliten“ erst verstetigen. Thomas Krüger spricht in Reaktion auf die Befunde von dem Erleben eines „kulturellen Kolonialismus“ und frei nach Antonio Gramsci von einer westlichen „Hegemonie“ und „Dominanz“. Vielen Ostdeutschen der Generation 40+ mag der frühere SPD-Politiker mit solchen Schlagwörtern aus der Seele sprechen, bestätigen diese doch das Zerrbild vom Ostdeutschen als Opfer westlicher Invasion. Doch auch jüngere Ostdeutsche und selbst jene, die erst nach der Wende geboren wurden, dürften für eine solche Re-Kulturalisierung der Ost-West-Debatte empfänglich sein.

Denn eine solche Legendenbildung ist im ostdeutschen Alltag allgegenwärtig. Wer beispielsweise ein Heimspiel des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin besucht, wird vor dem Anpfiff die Vereinshymne der eisernen Frontfrau Nina Hagen hören. Dort heißt es traditionsbewusst: „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn Schulter an Schulter für Eisern Union/Hart sind die Zeiten und hart ist das Team (…) Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union (…).“ Man kann diese Zeilen als bloße Folklore abtun, doch bestätigen diese, dass auch fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit weiterhin oftmals die Differenz betont, statt Normalität gelebt wird.

Nährboden für autoritäre Populisten

Spätestens nach der Bundestagswahl und den besonders hohen AfD-Zustimmungswerten in weiten Teilen Ostdeutschlands ist die Frage nach den Befindlichkeiten der Ostdeutschen wieder auf der Tagesordnung. Ohne auf die AfD direkt einzugehen, macht Krüger die Unterrepräsentanz ostdeutscher Eliten für die fehlende „positive Aneignung von Institutionen“, gemeint ist damit die Demokratie und die offene Gesellschaft, verantwortlich. Es brauche daher mehr Übersetzer „kultureller Differenzen“, um der Entfremdung der Ostdeutschen von der Demokratie entgegenzuwirken. Welche Unterschiede, bzw. welche kulturellen Eigenarten Krüger tatsächlich übersetzt haben will, bleibt sein Geheimnis.

Doch genau diese immer wiederkehrende Differenz-Rhetorik ist der Nährboden, von dem Linke („Unsere Identität wird von den Neoliberalen bedroht“) und AFD/Pegida („Unsere Identität wird vom Fremden bedroht“) profitieren können. Wer Ostdeutschen tatsächlich mit Wertschätzung begegnen will, sollte ihnen Gelegenheit geben, sich aus der Geiselhaft eigener Mythen zu befreien. Dies ist, selbst vier Jahrzehnte nach der Vereinigung, schmerzhaft, doch notwendig.


Zum vermeintlichen Kolonialismus gibt es auch noch den Podcast „Legitime Ostdeutschlandkritik“ von den Salonkolumnisten:




Fabian Weißbarth ist Politikwissenschaftler aus Berlin, koordiniert in einer Nichtregierungsorganisation die Kommunikations- und Kampagnenarbeit gegen Antisemitismus und Extremismus. Spielt wahnsinnig schlechten Fußball in der Kreisklasse. Sozialdemokrat in keiner Schublade.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com