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In Bolsonaros Brasilien

Die einen sehen den neuen Präsidenten als Faschisten, einige als notwendiges Übel und andere als Retter.

In Rios zentralem, hochgelegenem Stadtteil Santa Teresa weht ein leichter Wind. Hier oben wohnt Alvaro Augusto (73, Foto), ein Chemiker. Er steht neben seinem 1985er-VW-Gol, das ist die brasilianische Kleinwagen-Variante von VW, und drei Käferwracks, die er als Ersatzteillager für einen guten Käfer in der Garage nutzt.

„Der Ölkonzern Petrobras war mal Nummer vier der Welt, jetzt ist er Nummer 34. Die Sozialisten haben das Land kaputt gemacht“, findet er.

Er sagt, wie es seiner Ansicht nach zur Wahl Jair Messias Bolsonaros (63) kam: „25 Prozent haben ihn gewählt, weil sie wirklich für ihn sind. Der Rest der 55 Prozent wählte ihn so wie ich, weil es keinen anderen gab. Die Alternative, der Sozialist Haddad, war zu schlecht. Schau, was in Venezuela passiert.“ Dann hebt er die Hände und schüttelt den Kopf. „Was soll man machen, er ist Hauptmann der Armee, kein Nuklearphysiker wie eure Merkel.“

Sein Nachbar, ein alter Emigrant aus Deutschland, versteht die Aufregung über den neuen Präsidenten nicht. Die sei „hysterisch“, ein „Faschist“ sei er nicht. Bolsonaro sei vor allem gewählt worden, um die siechende Wirtschaft wieder voranzubringen. „Was übrig bleibt, sind seine Machosprüche über Frauen und Schwule. Aber solange da keine politischen Maßnahmen draus werden, sorgt mich das nicht.“

Dass der von Bolsonaro geförderter Gouverneur nun entschieden hat, dass Zivilisten in Rio de Janeiro ohne Prozess oder Warnung erschossen werden dürfen, sei der extremen Gewalt geschuldet. Der Deutsche: „Die entscheidenden Werte sind Wohlstand und Sicherheit. Alles andere kommt danach.“

„Bolsonaro hat die Probleme gerochen“

Im Süden von Rio hausen Cariocas aus dem Mittelstand und der Oberschicht am Ozean in ummauerten Wohntürmen und im Hinterland in Einfamilienhäusern, umgeben vom Dschungel. Der Präsident wohnt hier im Stadtteil Tijuca. So wie die Statistikerin Marceli (53).

Sie gab Bolsonaro ihre Stimme nicht, versteht aber, wie es zu seiner Wahl kam: „Unter den sozialistischen Vorgängern hat die Mittelklasse gelitten. Die Reichen wurden reicher, die Armen bekamen ihre Sozialabgaben, die Mittelklasse, wir, zahlten. Die Leute wollten einen Wechsel. Der Justizminister, der Lula verurteilte, und der Wirtschaftsminister sind fähig. Wir hoffen jetzt, dass sie die Dinge in Ordnung bringen und dass dann ein besserer Präsident kommt, denn Bolsonaro ist ein Dummkopf – auch wenn er die Probleme gerochen hat.“

Sie hat Besuch von ihrem Neffen Mario (28), seinem Freund Thomas (29) und einer befreundeten Anwältin. „Andere Länder sind ärmer, aber in Südamerika herrscht die Gewalt. Vielleicht liegt es am Kokain, 99 Prozent davon werden hier produziert und verfrachtet“, sagt Mario.

Mario ist homosexuell, gehört also zu einer Minderheit, die der evangelikale Bolsonaro verachtet: „Wenn ich sehe, wie zwei Männer auf der Straße sich küssen, werde ich sie schlagen. Ich würde es vorziehen, dass mein Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt, als dass er hier mit einem Typen mit Schnurrbart auftaucht“, sagte der neue Präsident.

Mario wählte ihn nicht, stattdessen den Kandidaten der Arbeiterpartei. Die Linke habe zwar die Wirtschaft kaputt gemacht, aber Bolsonaro habe er nicht wählen können.

Er macht sich Sorgen, denkt etwa an den Iran. Das Land sei auch korrupt gewesen unter dem Schah, den die Bürger Satt hatten. Und dann sei mit den religiösen Fanatikern und der Revolution ein schrecklicher Gottesstaat entstanden. Er hofft, dass nichts Ähnliches mit Bolsonaro und den ihn unterstützenden Evangelikalen passieren wird.

Die Familienministerin Damares Alves (54) sei ein Beispiel, sagt er: „Sie wurde als Zwölfjährige von einem Pastor vergewaltigt, sah danach Jesus auf einem Baum und brachte sich nur deshalb nicht um.“ Seitdem sei sie Fanatikerin. „Sie ist leider durch diese schreckliche Erfahrung vollkommen verrückt geworden.“

Die beschaulichen Wohnviertel in Barra de Tijuca sind meistens mit Toren und Zäunen gesichert Foto: Til Biermann

Die beschaulichen Wohnviertel in Barra de Tijuca sind meistens mit Toren und Zäunen gesichert. Til Biermann

Sein Freund Thomas hingegen hat Bolsonaro gewählt, der Vater besitzt eine große Firma. Die Familie erhofft sich ein freieres Wirtschaftsklima, mehr Rechte für Arbeitgeber, die Sprüche über Homosexuelle schluckt er da wie giftige Kröten. Seine Begründung: „Die letzten Jahre waren die korrupteste Zeit unserer Geschichte. Die Korruption war schon institutionalisiert.“

Die befreundete Anwältin hat eine klare Haltung zu Bolsonaro: „Wenn eine Mikrowelle gegen ihn zur Wahl gestanden hätte, hätte ich die Mikrowelle gewählt.“ Sie schüttelt den Kopf über den neuen Präsidenten und seine Sprüche: „Zum Frauentag sagte er Brasilien, zwei seiner 22 Minister sind weiblich und damit sei Brasilien doch das Land mit der größten Gleichberechtigung – zumal seine zwei Ministerinnen arbeiten würden wie zehn Männer.“

So ist das zurzeit in Brasilien, erzählen alle hier: Ein Bruch geht durch das ganze Land. Im Privaten versuchen viele schon, gar nicht mehr über die politische Situation zu reden, um Streit zu vermeiden, da im Endeffekt sowieso jeder bei seiner Meinung bleibe. In sozialen Netzwerken seien die Meinungsverschiedenheiten dafür umso extremer.

Die ganze Reportage mit Besuchen bei Gangstern in Favelas und aus Pommern eingewanderten Deutsch-Brasilianern im Süden finden Sie hier [1]