In den Tunneln der Hamas
Der Israeli Eli Sharabi hat ein Buch über seine Geiselhaft in den Händen der Hamas geschrieben. Es ist ein Buch über Verzweiflung und Hoffnung. Und es bietet einen Einblick in die Ideologie der Geiselnehmer.
Das ist kein Buch wie andere Bücher. Zum ersten Mal erfuhr die deutsche Öffentlichkeit von „491 Tage – In den Tunneln der Hamas“ im Herbst vergangenen Jahres in einer kleinen Notiz auf Spiegelonline: Da habe eine von der Hamas freigelassene Geisel, Eli Sharabi, eine Art Memoir über ihre Gefangenschaft in den Tunneln von Gaza geschrieben. Und dann kam der vergiftete Nachtrag: Das Buch sei in einem rechten israelischen Verlag erschienen. Im Sport würde man hier von einem groben Foul sprechen. Denn bei dieser Anmerkung, die nichts über Anlass und Inhalt des Buches aussagt, ging es offensichtlich darum, das Buch a priori als unglaubwürdig zu diskreditieren und den Autor klammheimlich der Propaganda zu bezichtigen. Nun ist die deutsche Fassung, die zeigt, wie viel Wichtiges der Autor zu berichten hat, in einem Verlag erschienen, dem man nicht das Attribut „rechts“ anhängen kann, nämlich Suhrkamp; allerdings gehört zu dem auch der Jüdische Verlag mit so berühmten Autoren wie Stefan Zweig, Martin Buber, Gershom Sholem, Franz Kafka – und Sharabi jetzt noch einmal zu diskreditieren hätte wohl die schäbige Weltanschauung ungefiltert offengelegt, mit der viele Journalisten und „Kulturschaffende“ in Deutschland seit einiger Zeit kaum noch hinterm Berg halten wollen.
Eli Sharabi ist einer der rund zweihundertfünfzig Menschen, die am 7. Oktober 2023 von Palästinensern in den Gazastreifen verschleppt worden sind. Sein Bericht ist bedrückend und beklemmend. Wie sollte es auch anders sein unter Bedingungen, die der reine Horror sind, die den Geiseln ihre Würde rauben, sie in Dunkelheit zwingen, in Hunger, Schmerz und Verzweiflung.
Sharabi beschreibt zunächst, wie er mit seiner Familie den Überfall der Palästinenser in seinem Kibbuz erlebt, wie sie versuchen, sich in einem Schutzraum vor den Eindringlingen zu verbergen. Es gelingt ihnen nicht. Sharabi wird von seiner Familie getrennt und in den Gazastreifen verschleppt.
Er kommt, gefesselt, mit anderen Geiseln zunächst in ein Wohnhaus zu einer Familie, die sie mit der Hamas bewacht und notdürftig versorgt. Was die Gefangenen schnell erkennen müssen: Sie sind fortan reduziert auf den Charakter einer Tauschware, aber mit hohem Wert. Schließlich lassen sich für eine israelische Geisel gleich Hunderte palästinensische Gefangene freipressen – ein Fakt, der noch nie von der Öffentlichkeit im Westen kritisiert wurde, und eine Wahrheit, die so viel aussagt über die Deals im Nahen Osten, die für Israel meist teurer sind als für ihre Feinde. Außerdem – so möglicherweise das Kalkül der Hamas – könnten die vielen Geiseln, die über den Gazastreifen verteilt werden, Israel vielleicht davon abhalten, in die Enklave einzumarschieren oder Häuser zu bombardieren. Ein Trugschluss.
Nach einigen Wochen, nach einem Angriff der Israel Defence Forces (IDF), werden die Geiseln 40 bis 50 Meter tief in einen unterirdischen Tunnel verbracht:
„Wir steigen eine lange Leiter hinunter, in den Schacht hinein. Ich fürchte mich. Jeder Albtraum, jede Angst, jeder schaurige Fiebertraum steigt mit mir die Leiter hinab, Schritt für Schritt. (…) Jeden Moment wird sich die Falltür über mir schließen und mich im Tunnel begraben.“
Es gibt irgendwann einen gefliesten Raum mit Licht, Sharabi ist mit einer anderen Geisel zusammen, später kommen noch zwei weitere Israelis hinzu. Die Entführer hausen in einem Raum nebenan; sie sind nicht von der Außenwelt abgeschnitten. Manchmal jubeln sie bei einer vermeintlichen Erfolgsmeldung, die zu ihnen dringt, und glauben, den Krieg zu gewinnen. Dann schlägt bei Verlustmeldungen die Stimmung um, und sie lassen es die Geiseln spüren.
Sharabi wird schnell klar, dass er diesen wahrgewordenen Albtraum nur überlebt, wenn er sich immer wieder mantraartig versichert, dass er überleben will, überleben kann, überleben wird. Er trainiert seine Hoffnung mit Gedanken an seine Familie, er stellt sich vor, wie sie auf ihn warten, und er verbietet sich aufzugeben.
STREIT UND KLAUSTROPHOBISCHE ENGE
Sharabi hat den Vorteil, dass er, als Sohn eines jemenitischen Vaters und einer marokkanischen Mutter, auch Arabisch spricht. Er unterhält sich mit den Bewachern, man tauscht Geschichten über die Familien aus, Belanglosigkeiten. Sharabi hütet sich vor Politischem. Trotzdem brechen auch immer wieder Parolen aus den Hamas-Leuten heraus:
„Ganz Palästina gehört uns und nur uns. Es gibt keinen Platz für einen Staat Israel, und so etwas existiert auch gar nicht. Geht dorthin zurück, wo Eure Eltern oder Großeltern herkamen. Bibi will uns alle töten.“
Es sind Sätze, wie man sie genau so oder ähnlich auch auf Hunderten Demos in Berlin hören und lesen konnte.
Sie bekommen am Anfang zweimal am Tag zu essen: Pitabrot, Bohnen, Hummus; nur selten gibt es etwas Anderes wie Nudeln. Die Geiseln müssen lernen, die Menge zu teilen, damit keiner zu kurz kommt. Bald gehen sie einander auf die Nerven, streiten sich, manchmal so sehr, dass die Entführer dazwischen gehen müssen. Sharabi geht mit seiner Reflexion soweit, dass er sich eingesteht, von sich selbst enttäuscht zu sein, weil er ungeduldig ist oder unwirsch.
Sie streiten über Essen oder Seife. Die Streitigkeiten und die klaustrophobische Enge zehren die letzten Kräfte auf:
„Wir bilden Lager. Es ist verblüffend, dass vier Menschen, die unter unmöglichen Bedingungen festgehalten werden, sich noch aufspalten können. In Stämme. Kleine Clans der Verachtung und der Regellosigkeit.“
Dann reißen sie sich wieder zusammen, die Stärkeren helfen den Schwächeren, Verzweifelten, die, die sich aufgeben. Irgendwann beschließen sie, sich immer an etwas zu klammern, und wenn es nur Winzigkeiten sind, die sie einander abends als etwas Positives bekräftigen wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit. Irgendetwas. Jüdische Gesänge oder Segenssprüche. Kleine erfreuliche Sachen. Jeden Abend.
Als sie den Tunnel wechseln, beginnt der richtige Hunger. Alles wird von diesem bohrenden, zehrenden, schmerzenden Hunger bestimmt und der Tatsache, dass sie keine Matratzen mehr haben und auf dem nackten Boden schlafen müssen.
Die Bewacher kochen etwas für sich und geben ihnen nichts davon.
An anderen Tagen steckt der eine oder andere ihnen etwas zu: einen Brocken Halwa oder ein paar Sesamkörner.
Ist ein Entführer allein, dann kann man mit ihm reden; sind sie in der Gruppe zusammen, will jeder den anderen in seiner Radikalität und Bosheit übertreffen.
Die hygienischen Bedingungen werden immer prekärer: Sie können sich irgendwann nicht mehr reinigen, alles ist dreckig, sie verschmutzen wie Obdachlose im Keller einer Ruine und stinken bestialisch. Durchfall, Erbrechen, Pilzinfektionen, Schwindel, Schwäche kommen hinzu.
EIN BLICK IN DAS DENKEN DER HAMAS
Das Buch ist, wie es in der Verlagswerbung heißt, ein „Zeugnis des Leidens und der Hoffnung“. Es ist aber auch ein Blick in das Bewusstsein, in die Weltanschauung der Hamas, denn die Bewacher glauben, dass alle Israelis Millionäre sind, ein altes antisemitisches Motiv:
„Ich erkenne, dass sie Jahre der Gehirnwäsche und der Ahnungslosigkeit als Ballast mit sich herumschleppen. (…) Manchmal spüren wir, das sie uns hassen, nur weil wir Juden sind. Wir hören, wie sie uns voller Abscheu und Verachtung als ‚jüdische Schweine’ verhöhnen. Manche von ihnen sind extremer oder vielleicht auch nur ehrlicher, wenn sie sagen, dass ihre Mission nicht auf dem Territorium zwischen Jordan und Mittelmeer endet. Sie träumen von einem islamischen Weltreich.“
Als er erfährt, dass er im Tausch gegen Hunderte Palästinenser freigelassen werden soll, muss Sharabi für einen weiteren Propaganda-Film Fragen im Sinne der Hamas beantworten. Dann zieht sich die Freilassung noch weitere Tage in die Länge. Die Ungewissheit darüber, ob das alles nicht eine Täuschung ist, wird immer quälender. Dann ist es jedoch soweit. Aber bevor man ihn dem Roten Kreuz übergibt, wird er vor einer grölenden Menschenmenge im Gazastreifen zur Schau gestellt. Sharabi denkt nur an das Wiedersehen mit seiner Familie.
Erst als er in einem IDF-Camp in Sicherheit ist, erfährt er das Schrecklichste: Seine Frau und seine Töchter sind am 7. Oktober, wahrscheinlich kurz nach seiner Entführung, ermordet worden.
Eli Sharabi, 491 Tage – In den Tunneln der Hamas, Suhrkamp Verlag, Berlin 2026






