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In der Brandzone

Die Buschfeuer bedrohen die Existenz Tausender Australier. Über die Ursache der Katastrophe wird auf dem fünften Kontinent indes noch gestritten. Ein Besuch in der Gefahrenzone.

Sydney (Batemans Bay) – Der Mond ist gelb vom Rauch, drei Kilometer entfernt lodert ein Buschfeuer, Asche regnet. Es ist Freitagabend, in ein Motel evakuierte Bewohner trinken, feiern ausgelassen. Weltuntergangsstimmung im Hafenstädtchen Batemans Bay (11.000 Einwohner), vier Autostunden südlich von Sydney, der ersten britischen Siedlung auf dem 5. Kontinent, benannt nach Lord Sydney.

Polizisten sind aus der Großstadt gekommen, denn es gibt Plünderungen, auch sie sind im Motel untergebracht. Nur die Kneipe unter einem Billighotel hat noch auf. Frauen kreischen aufgekratzt, Männer brüllen entrückt, während im Hintergrund Sirenen heulen, die in die Wälder rasen.

Der nächster Mittag, es ist kühler geworden, der Asche-Regen ist vorbei. Ein Motelgast, Matt (46), besitzt nur noch Motorrad und Rucksack. Haus und Auto verbrannten weiter südlich, er konnte nichts mehr retten, nur noch mit seiner Maschine durch die Flammen ins Freie rasen. Alles ist weg.

Er ist betrunken, hört laut Musik, mal Drum n’ Base, mal Reggae, Daydrinking ist seine Art das Überleben zu feiern und das Verlorene zu vergessen. Er erzählt von seinen deutschen Vorfahren, die im 19. Jahrhundert nach Australien kamen. „Man kann alles wieder aufbauen, ich bin versichert“, sagt er. „Aber in Zukunft will ich auf einem Boot leben.“ Da komme kein Waldbrand hin.

Eine Milliarde Tiere verendet

Der Südosten Australiens brennt, eine Fläche größer als die Schweiz ist betroffen. 23 Menschen starben, etwa 1500 Häuser verbrannten, eine Milliarde Tiere könnte verendet sein.

In der ganzen Gegend liegt ein Geruch von Kaminfeuer in der Luft. Die Eukalyptusbäume, sind unten rum abgebrannt, schwarz verkohlt. Aber viele haben überlebt, die Kronen noch intakt. Hierhin konnten sich einige der Koalas retten und zusammengerollt die Flammen überleben, das Fell versengt.

Ein Buschkänguru hat die Flammen überlebt und sucht nach Wasser Til Biermann

Schnell sind diese gutmütigen Beuteltiere nicht: Sie ernähren sich von bestimmten Eukalyptusblattarten und da dort nur sehr wenig Nährstoffe enthalten sind, müssen sie 18 Stunden am Tag schlafen. Werden verwaiste Babys von Menschen großgezogen, muss man sie regelrecht entwöhnen, da sie ihre Retter für ihre Mütter halten.

Die Einheimischen haben fast alle die interaktive App „Fires near me“ auf dem Handy, welche außer Kontrolle geratene Buschfeuer mit kleinen Flämmchen auf einer Karte anzeigt. Es sind verdammt viele Flammen hier unten.

Ende des 18. Jahrhunderts landeten im Bundesstaat New South Wales die ersten Segelschiffe mit Gefangenen aus England, die in der neuen Kolonie ihre Strafe abackern und dem Staat nicht mehr auf der Tasche liegen sollten.

Wie Thomas Keneally in seinem hervorragenden Buch „A Commonwealth of Thieves“ über diese Zeit schreibt, waren es hauptsächlich Prostituierte, Marine-Soldaten und Kleinganoven aus dem damaligen Kriminalitäts-Moloch London, welche die Keimzelle des heutigen Australiens bildeten.

Mache Zweifeln am Klimawandel

Manche Einwohner im Feuergebiet geben nicht dem Klimawandel die Schuld (auch der rechts-konservative Premierminister Scott Morisson zweifelt daran), den wir mit unseren 22 Stunden Netto-Flugzeit vorangetrieben haben könnten, sondern den „Greenies“, den Grünen.

Die hätten um Tiere und Bäume zu schützen die Praxis des „Backfires“ verboten, des kontrollierten Abbrennens von Unterholz in feuchten Monaten. Dadurch hätten sich über Jahre knochentrockene Brennstoffe für die Flammen angesammelt, die nun zum Inferno führten.

Tatsächlich war das kontrollierte Abbrennen seit Jahrtausenden auch eine Praxis der Ureinwohner, der Aborigines (von „ab origine“ – von Anfang an), um Tiere zu fangen und im Wald aufzuräumen. Der Apnoe-Abalone-Muscheltaucher Les (48), schwarze Sonnenbrille, dicke Armbanduhr, amerikanische Hip-Hop-Klamotten, aus der Goldgräberstadt Mogo, zehn Kilometer landeinwärts von Batemans Bay entfernt, harrte während des Feuers aus, während seine Nachbarn alles verloren.

Er sagt: „Man hätte es machen sollen, wie meine Vorfahren, die schwarzen Leute – kontrolliertes Abbrennen von Unterholz. Dann wäre das alles nicht passiert.“

Les (48) hatte Glück. Sein Haus blieb in all der Zerstörung stehen... Til Biermann

... und so hat auch seine Familie noch ein Dach über dem Kopf Til Biermann

Aber gleichzeitig sagen fast alle (außer einer Frau, die sagte: „I don’t know about climate change. I remember it was hotter, when I was a girl“) und das zeigen auch die wissenschaftlichen Aufzeichnungen, dass es noch nie so trocken war.

Richtig geregnet habe es schon Jahre nicht mehr. Das sagt auch Worzil (37), der sein Haus in Mogo mit einem selbstgebauten roten Löschwagen aus einem alten japanischen Pickup und einem 1000-Liter-Wassertank rettete.

Gegen 4 Uhr morgens röhrte der Wald

Er rast noch traumatisiert rund zwei Wochen nach dem Inferno mit einem alten Toyota-Jeep über Bergstraßen durch den verbrannten Bergwald hinter Mogo.

Um 4 Uhr am Tag vor Neujahr wachte seine Frau Naomi (35) vom einem lauten Röhren auf, es war das Feuer aus dem Wald. Sie und die beiden Kinder flohen an den acht Kilomter entfernten Strand. Worzil blieb und bot der Feuerwand die Stirn, die gegen 11 Uhr über sein Grundstück rollte. Da war die Feuerwehr, die ihm gesagt hatte „get the fuck out of here, do you want to die?“ schon längst weg.

Seine Ohrenspitzen wurden gegrillt, er konnte vom Qualm kaum atmen und der Himmel war nachtschwarz, aber er schaffte es. Das weiße Holzhaus steht noch, auch die Häuser der Nachbarn konnte er so retten, Worzil gilt nun als Held.

Worzil (37) mit Frau Naomi (35) und seinen Kindern Xanthe (10) und Pheonix (12)

Worzil (37) mit Frau Naomi (35) und seinen Kindern Xanthe (10) und Pheonix (12) (Foto: Til Biermann)

Sieben seiner zehn Schweine verendeten elendlich, wie ein Mensch habe seine 160 Kilo schwere Muttersau vor Schmerzen geschrien, als sie vor ihm zusammenbrach und ihn mit panischen Augen anstarrte, erzählt er. Die Kadaver begannen in den Tagen danach in der Hitze zu stinken, nicht mal zu zweit konnte man die bewegen, ein Freund kam und half mit einer Erdmaschine beim Begraben.

„Jack of all trades, master of none“

Worzil, schlank, wacher Blick, weiße Zähne, lockige Vokuhila unter der Schiebermütze ist eine Mischung aus Staat ablehnendem Reichsbürger, Redneck, Prepper, barfüßiger Naturbursche und Hillibillie. Während er den Jeep steuert, nimmt er ab und zu einen Schluck aus einer Flasche Rotwein und kaut hervorragende selbstgetrocknete Mango.

Er sagt über sich: „I’m a Jack of all trades, master of none“. Bei der Bekämpfung des Feuers zeigte er unzweifelhaft großen Mut. Seinen Plan B, in einen Regenabfluss unter der Straße zu rutschen, sollte sein Haus in einem Feuerball aufgehen, musste er nicht befolgen.

Worzil ist Selbstversorger (Foto: Til Biermann)

Worzil ist Selbstversorger (Foto: Til Biermann)

Manche Stämme glühen und rauchen noch, hier und da liegen tote Kängurus und Wallabies, denen das Feuer die Pfoten verbrannte und die so keine Nahrung mehr suchen konnten. Manchmal sind schon wieder grüne Gräser zu sehen, die durch die fruchtbare Asche auf dem Waldboden stechen. Worzil regt sich über einen vom Bürgermeister beauftragten Holzarbeiter auf, der mit schwerem Gerät halb verbrannte Bäume umgestoßen hat.

Man solle das alles die Natur regeln lassen, sagt er. „Dieses Land gehört den Aborigines, die drei Viertel der Bewohner von Mogo ausmachen. Der Staat hat hier nichts zu suchen!“ Mit den Aborigines, von denen viele Meth rauchen würden, habe er allerdings ein angespanntes Verhältnis, seit er zum Nationalfeiertag „Australia Day“ einmal mit einem Union-Jack-Hosenträger aufkreuzte.

Dieses Symbol der einstigen britischen Herrschaft über die halbe Welt gefiel den Ureinwohnern nicht, denen ihr Land gestohlen wurde. Sie wollten ihn verprügeln, aber dann trank man doch zusammen, erzählt Worzil.

Worzil wuchs im Busch auf

Wahrscheinlich rührt seine Ablehnung von Beamten, Offiziellen und Regierungen daher, dass er mit einer verrückten Mutter 20 Kilometer weit von jeglicher Zivilisation entfernt im Busch aufwuchs. Er weiß, wie man sich von Wurzeln, Wasserpflanzen, Flussgetier und Waldtieren ernährt. Sein von der Mutter getrennt lebender Vater Ray (56), der gerade zu Besuch ist, Vollbart, schwer, dicht tätowiert, wurde auf Sylt geboren und 1956 von Engländern adoptiert, die dann 1970 nach Australien auswanderten.

Ray glaubt, sein „half German“ Sohn habe einfach verdammtes Glück gehabt, da der Wind drehte und die Flammen nach etwa einer halben Stunde weitertrieb. Vermisst er eigentlich manchmal England, wo so etwas nicht passieren würde? „No, whats good about England? Nobody wants to live there. It’s cold, rainy and full of English people.“

Worzil, sein Vater benannte ihn offenbar nach der britischen Kinder-TV-Vogelscheuchen-Figur Worzel Gummidge, fährt mit dem Jeep, dessen erster Gang kaputt ist und knallt, zu einem Wasserreservoir, das die ganze Gegend mit Frischwasser beliefert. Es ist fast leer und das Wasser grünlich, Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Auch hier sind Tiere verendet und verfaulen, wahrscheinlich durch Rauchvergiftung. Sehen kann man sie nicht, sie hatten sich zum Sterben in Höhlen zurückgezogen.

Es sprießt schon wieder etwas Grün durch die Asche (Foto: Til Biermann)

Es sprießt schon wieder etwas Grün durch die Asche (Foto: Til Biermann)

Die Gefahr ist nicht vorbei, sagt Worzil. Sollten Feuerwolken, die durch erhitzte Gase in der Atmosphäre manchmal bis zu 30 Kilometer weit Feuerblitze schießen können, die Baumwipfel entzünden und sollte so ein Baumwipfel-Brand entstehen, kämen die Flammen von oben und dann könnte auch er sein Haus nicht mehr retten.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Reportage-Reise für BILD, bei der auch dieser [1], dieser [2], dieser [3] und dieser [4] Artikel entstanden.