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Journalismus und Wissenschaft – ein erstes Fazit

Die Attacken des Boulevard auf die Wissenschaft im Allgemeinen und den Virologen Christian Drosten treffen auch unsere Autorin. In einer subjektiven Bilanz geht sie auf die wichtigsten Irrtümer und Missverständnisse der Debatte ein.

Jetzt, wo Deutschland in der Corona-Pandemie im Vergleich zu anderen Ländern für den Moment glimpflich davongekommen scheint, ist eine teils wütende öffentliche Debatte über die Pandemiebegrenzungsmaßnahmen im Land entbrannt. Die Redaktion der „Bild“ hatte Ende Mai eine Kampagne [1] gegen [2] einen vermeintlich Schuldigen [3] gestartet [4], der der Bevölkerung unnötige Maßnahmen beschert haben soll: Professor Christian Drosten, einer der wichtigsten internationalen Experten für Coronaviren.

Der Sturm um „Bild“ vs. Drosten hat sich scheinbar gelegt. Doch die Falschinformationen, die im Zuge der Kampagne in die Öffentlichkeit gelangt sind, kursieren weiter. Es geht bei der Kampagne nicht nur um ein Boulevardblatt, das Kritik an der Politik ausgerechnet an einem renommierten Wissenschaftler festmachen will – es geht um einen Angriff gegen die Wissenschaft als solche.

Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Die Kampagne gegen Drosten trifft mich persönlich. Auch wenn alles gesagt scheint, sind viele Zusammenhänge in der Diskussion untergegangen. Für Menschen, die mit dem Wissenschaftsbetrieb nicht vertraut sind und die die Geschehnisse und die Mediendiskussion der letzten Monate nicht genau verfolgt haben, war und ist die Berichterstattung um Drosten womöglich schwer einzuordnen.

Dieser Text wird im Folgenden erklären:

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Was Drosten auszeichnet, ist ausgerechnet seine Bescheidenheit

Drosten ist ein international renommierter Virologe und einer der wichtigsten Experten zu Coronaviren weltweit. Seit dem Beginn der Coronakrise fasst er in seinem NDR-Podcast alle neuen wissenschaftlichen Entwicklungen zum Thema leicht verständlich zusammen [5] – und erspart damit den Zuhörern den Aufwand, die komplizierten wissenschaftlichen Daten selbst lesen und einordnen zu müssen. Er tut das ohne Honorar und neben seiner eigentlichen Arbeit. Im Podcast erklärte er, warum: weil er die Literatur zum Thema Coronaviren beruflich bedingt so gut überblickt, fühlte er sich in Anbetracht der Pandemie verpflichtet, die Öffentlichkeit über neue wissenschaftliche Erkenntnisse aufzuklären. Gleichzeitig betonte er, dass er sich keinen Podcast zu irgendeinem anderen Virus zutrauen würde, nicht einmal zur Influenza. Weil ich mich schon im Studium auf Virologie spezialisiert habe, speziell auf Coronaviren, habe ich jeden einzelnen der fast 50 Podcasts angehört. Auffällig an der Art, wie er sich dort gibt: trotz seiner beeindruckenden Liste an Publikationen, trotz seiner internationalen Bekanntheit in Forscherkreisen, trotz seiner Position als Leiter einer renommierten Forschungseinrichtung tritt er sehr vorsichtig und selbstkritisch auf.

Das Gegenteil einer Rampensau

Drosten stellt häufig sogenannte Preprints, also Vorveröffentlichungen vor. Er sucht diejenigen aus, die er für qualitativ hochwertig hält. Die meisten dieser Preprints haben nachträglich einem strengen Begutachtungsprozess anderer Experten standgehalten und sind inzwischen in den renommiertesten Fachzeitschriften der Welt veröffentlicht. Sein guter Riecher bei der Auswahl der Publikationen ist kein Zufall, immerhin ist er selbst Gutachter für wissenschaftliche Publikationen aus seinem Fachbereich. Trotz des Erfolgs des Podcasts hat sich Drosten immer wieder fast dafür entschuldigt, ihn überhaupt zu machen. Er ist keine Rampensau.

Hörbar verletzt schilderte er schon Ende März, dass Medien seine Aussagen bis zur Unkenntlichkeit verkürzt oder teilweise grob falsch darstellen und ihn das zu einer öffentlichen Projektionsfläche macht. Er erzählte von Hassnachrichten von Unbekannten, davon, wie ihn jemand für den Selbstmord des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht hat, wie es ihn schockiert, wenn er im Internet Karikaturen seiner selbst sieht. Inzwischen erhält Drosten auch Morddrohungen [6].

Am 30. März übte er scharfe Kritik an den Darstellungen mancher Medien, die Virologen politische Einmischung unterstellen oder vermeintliche Streitereien zwischen Wissenschaftlern konstruieren. Wörtlich sagte er [7]:

„…die Wissenschaft kann auch versuchen zu erklären, und zwar einer breiten, aufgeschlossenen und interessierten Bevölkerungsschicht. Das ist ja das, was im Moment Wissenschaftler auch vielfach tun, und dafür dann leider auch überzeichnet werden (…) Wir sind hier langsam an einem Punkt, wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört (…) Genau diese Überzeichnung, dieses immer noch provozieren wollen von einem Konflikt, der so gar nicht existiert, das zeigt doch, dass es uns gesellschaftlich immer noch ziemlich gut geht (…) Ich möchte da einfach auffordern, dass vielleicht auch die Medien sich klarmachen, wie ihre Verantwortung ist und Leute wie mich zum Beispiel, die sich nicht exponieren müssten in der Öffentlichkeit – ich brauche das nicht – es gibt kein Erfolgsmaß in der Wissenschaft, in Form von Podcasts oder Twitterfollowern. Im Gegenteil, für einen Wissenschaftler ist es gefährlich. Es kann wirklich karriereschädigend sein, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben.“

Christian Drosten

Fehlbarkeit und Trennung von Wissenschaft und Politik

Dass Drosten ein Wissenschaftler ist, der sich von neuer Evidenz umstimmen lässt und Fehleinschätzungen zugeben kann, bewies er schon in den ersten Folgen seines Podcasts. Zunächst äußerte er sich kritisch über Schulschließungen. Er hielt es aus virologischer Sicht für plausibel, dass Kinder nicht mehr Virus übertragen als Erwachsene und eben keine „Virenschleudern“ sind, wie viele Befürworter von Schulschließungen es damals befürchteten. Gleichzeitig sah er die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche sich im Fall von Schulschließungen an anderen Orten sammeln (Stichwort: Corona-Parties), bei Großeltern (Risikogruppen) „abgestellt“ werden und Eltern mit systemrelevanten Berufen wegen der Aufsichtspflicht für die eigenen Kinder im Fall von Schulschließungen nicht arbeiten könnten. Nachdem Kollegen ihn aber darauf hingewiesen hatten, dass es wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass Schulschließungen die Reproduktionszahl deutlich senken können, korrigierte er sich öffentlich. Er gab zu, in seiner Einschätzung zu voreilig gewesen zu sein und präsentierte die Evidenz, die seinen eigenen Punkt widerlegte.

Wertschätzend äußerte er sich immer wieder über Kollegen, die andere Aspekte in die Diskussion einbrachten, sogar andere Schlussfolgerungen zogen. Z.B. Kinderärzte, die jüngst Schulöffnungen forderten, während er vor ihnen warnte. Er erklärte, wie wichtig es sei, dass verschiedene Disziplinen zu Wort kommen und unterschiedliche wissenschaftliche Aspekte beleuchten. Und dass es Aufgabe der Politik sei, all diese Aspekte zu berücksichtigen und geeignete Maßnahmen zu schaffen. Er als Corona-Experte würde zwar von der Politik nach seiner fachlichen Einschätzung gefragt, könne aber lediglich eine virologische äußern.

Am 30. März sagte er: „Die Entscheidungen sind in der Politik zu treffen, und zwar auch anhand einer Gesamtschau verschiedener Wissenschaftsdisziplinen“ und weiter, dass „die Wissenschaft erstens überfordert wäre, Entscheidungen zu treffen. Denn die Wissenschaft generiert nur Daten und kann sagen, wie sicher diese Daten sind und kann auch sagen, wo die Sicherheit aufhört, mehr aber auch nicht.“. Weiter: „Eine Sache kann und darf die Wissenschaft nicht und hat die Wissenschaft nicht, nämlich die Wissenschaft hat kein demokratisches Mandat. Ein Wissenschaftler ist kein Politiker, der wurde nicht gewählt und der muss nicht zurücktreten. Kein Wissenschaftler will überhaupt so Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung, die war richtig. Oder diese politische Entscheidung, die war falsch.“

Am gleichen Tag beklagte er, dass Medien Wissenschaftlern häufig eine politische Einmischung unterstellen, die gar nicht besteht: „Dennoch wird weiterhin immer weiter dieses Bild des entscheidungstreffenden Wissenschaftlers in den Medien produziert.“

Einmal kritisierte [8] Drosten selbst einen Kollegen in der Öffentlichkeit: und zwar als sich sein Bonner Instituts-Nachfolger Streeck in seinen Augen zu sehr in die Politik eingemischt hatte. HIV-Experte Streeck hatte eine Studie zur Dunkelziffer von Coronainfektionen in einem Hochprävalenzgebiet durchgeführt und die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz mit dem Ministerpräsidenten Laschet präsentiert [9], der daraufhin Lockerungen von politischen Maßnahmen ankündigte. Streeck veröffentliche zunächst kein Preprint für wissenschaftliche Kollegen, lediglich eine Pressemitteilung. Nach der Pressekonferenz wurde in Zeitungen fälschlicherweise suggeriert, es könnten schon 15% der deutschen Bevölkerung mit dem Virus infiziert gewesen sein. Drosten hatte zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Wochen selbst Antikörpertests durchgeführt und nahm an, dass die Studienergebnisse nicht für ganz Deutschland repräsentativ sind und die tatsächliche Dunkelziffer viel niedriger ist, als Streeck im Hochprävalenzgebiet gemessen hatte. Tatsächlich errechnete Streeck später anhand der festgestellten Infektionen im Hochprävalenzgebiet eine Sterblichkeit der Virusinfektion und schätzte dann aus der Zahl der Corona-Toten in Deutschland eine Prävalenz für ganz Deutschland – die wiederrum lag bei etwa 2%, weit entfernt von der Zahl aus dem Hochprävalenzgebiet. Da auch diese Schätzung ungenau ist, wurde sie von Experten kritisier [10]t.

Drosten kritisierte damals die Präsentation der wissenschaftlichen Daten: nämlich, dass Streeck kein Preprint für die Wissenschaft veröffentlicht hatte, sondern die Daten zuerst in einer Pressekonferenz mit einem Ministerpräsidenten vorgestellt hatte, der daraufhin Lockerungen von Maßnahmen ankündige. Streecks wissenschaftliche Arbeit, die anschließend veröffentlichte Studie, besprach Drosten und hatte methodisch nichts daran auszusetzen.

Die Warnung vor Schulöffnungen

Ende April äußerte sich Drosten für seine Verhältnisse überraschend politisch. Aus virologischer Sicht könne er Schulöffnungen, die zu dieser Zeit ausführlich in den Medien und der Politik diskutiert wurden, nicht für unbedenklich erklären. Über mehrere Folgen fasste er detailliert alle wichtigen Corona-Studien zum Thema Kinder und Schule zusammen. Manche zeigten, dass Kinder eine untergeordnete Rolle beim Infektionsgeschehen spielen, andere, dass sich das Virus in Schulen besonders gut ausbreitet. Er fasste zusammen, dass die Frage, welche Rolle Schulschließungen bei der Eindämmung des Infektionsgeschehens spielen und wie riskant die Schulöffnungen sind, derzeit nicht eindeutig beantwortet werden kann und dass er im Zweifel lieber vorsichtig vorgehen würde.

Zu dieser Zeit stellte er eine sogenannte Vorveröffentlichung auf die Website der Charité [11]. In dieser Studie geht es um die Frage, welche Viruslast Personen verschiedenen Alters im Rachen tragen. Ein Teil dieser Studie ist virologisch: aus Probandenproben wurde Virus isoliert, nachgewiesen und quantifiziert. Der andere ist statistisch: dort sollte untersucht werden, ob die ermittelten Zahlen sich statistisch signifikant unterscheiden. Aus seinen Daten folgerte Drosten, dass Kinder so ansteckend wie Erwachsene sein könnten und vorsichtig mit Schulöffnungen umgegangen werden sollte. Der vielkritisierte Satz aus der Vorveröffentlichung lautete wörtlich: “These data indicate that viral loads in the very young do not differ significantly from those of adults. Based on these results, we have to caution against an unlimited re-opening of schools and kindergartens in the present situation. Children may be as infectious as adults.”

In den Folgen über die virologischen Aspekte der Schulöffnungen hob er besonders eine andere Studie hervor, die zeigt, dass sich Kinder seltener als Erwachsene mit dem Virus infizieren. Er teilte sie mit lobenden Worten auch auf Twitter. Drostens Fazit war: Kinder sind vermutlich genauso ansteckend wie Erwachsene, WENN sie denn infiziert sind – sie infizieren sich wohl aber seltener als Erwachsene.

Am 30. April sagte er über seine eigene Vorveröffentlichung [12]: „Ich muss dazu erst mal sagen: Das ist sicherlich nicht die normale Art von Studie, die man machen würde, um die Frage nach der Übertragung von und durch Kinder zu beantworten. Diese Art der Auswertung, das ist eigentlich eher eine Labordatenauswertung, die kann auch nur indirekte Hinweise geben. Diese Studie kann nicht sagen: Kinder sind so und so empfänglich für die Erkrankung, oder Kinder geben so und so häufig diese Erkrankung weiter (…) Children may be as infectious as adults. Und das ist eigentlich, was wir hier sagen: Es könnte gut sein. Es könnte deswegen gut sein, weil sie die gleiche Viruskonzentration haben oder eine nicht unterscheidbare Viruskonzentration. Auch das ist wichtig, das so rum zu sagen, wir können das statistisch nicht unterscheiden. Jetzt muss man weiter nachschauen.“

Drosten wies sogar darauf hin, dass er aufgrund der Dringlichkeit der Thematik schnell mit seinem Mitarbeiter die Daten ausgewertet hatte und anderen Kollegen per Twitter aufgefordert hat, Feedback dazu zu geben: „Ich habe mit einem Mathematiker, der bei mir im Institut arbeitet, Terry Jones, am Dienstagnachmittag und am ganzen Mittwoch die Daten analysiert. Wir haben die am Mittwochnachmittag, das war gestern, zusammengeschrieben, das Manuskript, das wir dann veröffentlicht haben. Wir haben das auf unsere eigene Homepage gestellt, das ist aber ein vollständiges wissenschaftliches Manuskript. Ich habe abends getwittert, dass man das anschauen kann auf Englisch, sodass viele Wissenschaftler weltweit das schon gesehen und mir auch Rückmeldung gegeben haben.“

Einige internationale Statistik-Experten erkannten Verbesserungsbedarf am statistischen Teil der Arbeit. Sie veröffentlichten diese Kritik oder kontaktierten Drosten direkt. Drosten hat inzwischen eine überarbeitete Version der Vorveröffentlichung ins Netz gestellt [13]. Die Kernaussage ist geblieben: „In particular, there is little evidence from the present study to support suggestions that children may not be as infectious as adults“, in seinem Podcast erklärte Drosten ausführlich die Überarbeitung und sagte sogar [14]: “Die Studie ist in ihrer Interpretation unverändert und geschärft”.  Das Wort Schule ist inzwischen gestrichen, stattdessen wird allgemein von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen gesprochen: „we recommend caution and careful monitoring during gradual lifting of non-pharmaceutical interventions.“Außerdem enthält das Manuskript nun die ausdrückliche Erklärung, dass es sich um eine Vorveröffentlichung handelt: „This document is a snapshot of research work in progress. It is released to provide an impression of viral loads based on diagnostic testing. It reports new medical research that has yet to be evaluated. As with other preprints, it should not be used to guide clinical practice.”

Was ist eine Vorveröffentlichung eigentlich?

Wenn Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse mit anderen teilen wollen, fassen sie sie in sogenannten Manuskripten zusammen und reichen diese normalerweise bei wissenschaftlichen Journalen zur Veröffentlichung ein. Gutachter beurteilen dann, ob das Manuskript von Relevanz für die wissenschaftliche Gemeinschaft ist und vor allem, ob es den Qualitätsansprüchen des Journals entspricht. Diese Gutachter sind Experten aus exakt dem Themenbereich des Manuskripts. Stellen sie fest, dass noch weitere Experimente oder Rechnungen notwendig sind, um eine Hypothese wirklich zu belegen, geben sie dieses Feedback an die Autoren weiter. Die bekommen dann einige Wochen oder Monate Zeit, um neue Daten zu sammeln oder Analysen durchzuführen und nachzureichen. Wurde die Kritik überzeugend umgesetzt, kommt es zur Publikation. Wenn nicht, wird das Manuskript nicht veröffentlicht, in der Regel gibt es dann auch keine Chance mehr für weitere Verbesserungen.

Dieser Veröffentlichungsprozess dauert in der Regel viele Monate und ist nicht öffentlich. In der aktuellen Pandemie möchten viele Wissenschaftler der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft ihre Ergebnisse aber nicht über Monate vorenthalten. Denn diese Ergebnisse könnten andere Wissenschaftler in ihrer Forschung weiterbringen und so Leben retten. Sie veröffentlichen die Ergebnisse auf sogenannten Preprint-Servern. Drosten hatte seine Vorveröffentlichung sogar nicht einmal auf einem Preprint-Server hochgeladen, sondern „nur“ auf seiner Website und anschließend auf Twitter um Feedback gegeben. Das schwächt den Preprint-Charakter sogar noch weiter ab und lässt das Manuskript noch vorläufiger erscheinen.

Drostens Manuskript wird bald einem wissenschaftlichen Journal zur Veröffentlichung angeboten. Dann durchläuft es diesen Begutachtungsprozess und muss zeigen, ob es sich in einer strengen Begutachtung von Experten behaupten kann.

Kritik an wissenschaftlichem Alltag und Dämonisierung von Wissenschaftlern

Wenn Wissenschaftler Daten zur Verfügung stellen, die den beschriebenen Review-Prozess noch nicht durchlaufen haben, passiert etwas, wovon die Öffentlichkeit sonst nichts mitbekommt: die Kritik, die sonst im Review-Prozess aufgekommen wäre, wird öffentlich. Das ist das banale Ereignis, das BILD zum Skandal stilisiert.

Bezeichnend ist, dass sich alle von Drostens Kritikern, die BILD zitiert hatte, ausdrücklich von der verzerrten Berichterstattung von BILD distanziert und hinter ihn gestellt haben. Kein Wunder: BILD hat den Wissenschaftsbetrieb solchen angegriffen. Kritik und interdisziplinärer Austausch sind Kernelemente der Wissenschaft.

Wenn es der BILD um Inhalte gegangen wäre, hätte die Redaktion abwarten können, ob und wie Drosten die Kritik seiner Kollegen in sein Manuskript einarbeitet. Für die Bild ist er eine Symbolfigur deutscher Politik geworden, die vor allem der Chefredakteur regelmäßig heftig kritisiert. Dass gerade Drosten immer wieder betont hat, „nur“ einen virologischen Standpunkt abgeben zu können, die Politik aber Standpunkte aus verschiedenen Fachdisziplinen bündeln und abwägen muss, ignoriert die Redaktion dabei vollkommen.

Und selbst wenn sich später, anzunehmen ist es allerdings nicht, herausstellen sollte, dass Drostens Manuskript einem Begutachtungsprozess nicht standhält und nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird – wo wäre eigentlich das Problem? Dürfen Wissenschaftler niemals falsch liegen? Überhöht hier nicht die Bild die Wissenschaftler zu Unfehlbaren, tut also genau das, was sie anderen unterstellt?

Eine Pandemie hätte Anlass für die Wertschätzung der Wissenschaft sein können. Menschen wie Drosten sind es, die versuchen mit ihrer Forschung Leben zu retten. Tatsächlich wird nun – wie so oft in der Geschichte – ein Wissenschaftler dämonisiert: wider besseren Wissens soll er mutwillig Fehlinformationen verbreiten, um andere zu manipulieren und einen diabolischen politischen Plan umzusetzen.

Grade während Impfgegner und Coronaleugner uns demonstrieren, wie schlecht die medizinische Bildung in der Bevölkerung ist, und wie sehr es an qualifizierten Wissenschaftsjournalisten mangelt, wird ausgerechnet der Mann angegriffen, der seit Monaten unbezahlt auf höchstem Niveau die Bevölkerung über neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Corona aufklärt. Statt eine Kampagne gegen Drosten zu fahren, hätte die Bild auch einfach titeln können: „Danke Christian, dass du uns Laien so viel von deinem Fachgebiet erklärst!“

Drosten-Kritik von Kekulé und Streeck – was ist da los?

Nach der Berichterstattung der BILD stellten sich viele Wissenschaftler, sogar jene, die Drosten kritisiert hatten, hinter ihn. Doch dann äußerten plötzlich auch die Professoren Kekulé und Streeck [15] Kritik [16] an Drostens Studie – obwohl sie vorher einen ganzen Monat hierfür Zeit gehabt hätten.l [17] Wie sehr dieser Zeitpunkt BILD in die Karten spielt, sollte vor allem Streeck wissen: immerhin lässt er sich von der PR-Agentur des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Diekmann beraten [18].

Kekulé und Streeck haben die Öffentlichkeit gesucht und sich laut politisch geäußert. Drosten hingegen wurde aktiv von Medien und Politikern aufgesucht, weil er der wichtigste Corona-Experte in Deutschland ist, und äußerte sich sehr zurückhaltend. HIV-Experte Streeck polarisierte nicht nur mit der Präsentation seiner Gangelt-Studie, sondern auch mit Aussagen wie der, dass am Ende des Jahres möglicherweise nicht mehr Menschen in Deutschland gestorben sein werden, oder der, dass Modellrechnungen zum Pandemiegeschehen wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen können [19]. Jüngst sagte er in einem Interview, dass Deutschland „zu schnell in den Lockdown gegangen“ sei – kurz nachdem Mathematiker vom renommierten Imperial College London in der Fachzeitschrift Nature Modellrechnungen veröffentlicht hatten, aus denen hervorgeht, dass durch den Lockdown in Deutschland über 550.000 Menschenleben gerettet worden sein könnten. Dass Streeck äußert, der Lockdown sei in diesem Ausmaß womöglich nicht nötig gewesen, ist aus wissenschaftlicher Sicht eine erstaunliche Aussage. Da niemand mit Sicherheit weiß, wie es ohne Lockdown gekommen wäre, ist sie nicht falsifizierbar – normalerweise eines der wichtigsten Kriterien einer wissenschaftlichen Hypothese. Tatsächlich weisen Studienergebnisse wie die aus London in eine entgegengesetzte Richtung.

Pandemie-Experte Kekulé war von der ersten Stunde einer der lautesten Kritiker der Politik und warf ihr Versagen in der Pandemiebekämpfung [20] vor, forderte etwa schnelle Schulschließungen [21], dann stellte er sich plötzlich auf die Seite derjenigen, die bestimmte [22] Maßnahmen zu hart finden.

Drosten hatte Streeck in der Vergangenheit öffentlich kritisiert. Drosten nimmt die Rolle des politischen Beraters ein, die Kekulé nicht mehr innehat und ist im Gegensatz zu Kekulé zum aktuellen Zeitpunkt wissenschaftlich voll aktiv. Dass Kekulé und Streeck sich ausgerechnet in der Woche der Bild-Kampagne äußerten, sich aber gleichzeitig von dieser distanzieren wollten, überzeugt nicht. Es wirkt, als würde es beiden um eine persönliche Rechnung gehen – und das hat im wissenschaftlichen Diskurs nichts zu suchen.

Im Gespräch mit der FAZ sagte Kekulé [23]: „Wenn Drosten die Studie zurückgezogen hätte, hätte er der Bildzeitung keine Breitseite gegeben“, im Deutschlandfunk brachte er Drosten sogar indirekt mit Verschwörungstheorien in Verbindung: „Das muss man in Zeiten von Fake Facts ganz dringend auseinanderhalten und darum habe ich gesagt, das muss man noch mal besprechen, das kann man nicht so stehen lassen (…) Ich glaube, das beste Mittel gegen Verschwörungstheorien ist tatsächlich die Offenlegung von Fakten, und dazu gehört auch, dass selbst bei berühmten Virologen oder in Deutschland sehr angesehenen Virologen es nicht die heilige Kuh sein darf, dass man die Daten nicht bespricht.“

Im Deutschlandfunk sagte er [24]: „Wir wissen durch die Studie weder mehr noch weniger“.

Noch vor der Veröffentlichung des überarbeiteten Manuskripts urteilte Kekulé im Gespräch mit der FAZ darüber: „Wenn die Daten anders sind, die Auswertung anders ist und das Ergebnis nicht mehr das gleiche, ist, dann ist es eine andere Studie.“ Jetzt, wo er die neuen Daten tatsächlich kennt, findet er sie „sehr gut“ [25].

Wissenschaftler sollten wissenschaftliche Erkenntnisse generieren und ihre Arbeit nicht davon beeinflussen lassen, dass sie von einer Boulevardzeitung angegriffen werden könnten. Auch sollten Wissenschaftler nicht zu heiligen Kühen, Unfehlbaren oder politischen Strippenziehern erklärt werden. Drosten hat seine Grenzen immer wieder aufgezeigt und sich klar von einer Rolle als politischer Entscheider distanziert – überhöht haben ihn nur seine Gegner.

Auf die Spekulationen anderer sind Sie gar nicht angewiesen

Wer sich eine Meinung über Drosten bilden will, ist nicht auf die Einschätzung anderer angewiesen, nicht auf die der Bild, nicht auf die Kekulés oder selbsternannter Experten aus dem Internet – auch nicht auf meine. Drosten spricht seit Monaten einen Podcast. Stundenlanges Material, das frei zugänglich ist, dokumentiert, wie der Mann tickt, wie er sich gibt und was er tatsächlich behauptet. Wenn Sie wissen wollen, wer der Mann ist, dann hören Sie ihm einfach zu.