An Karfreitag unerwünscht: große Feierlichkeiten Club Skirts Dinah Shore Weekend – CC BY-SA 3.0

Keine Stille am stillen Feiertag

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Ostern ist das wichtigste Fest des Christentums: An Karfreitag wird der Tod Jesu Christi betrauert, an Ostersonntag seine Auferstehung gefeiert. Die Feiertage sollen still verbracht werden, in Deutschland gilt ein bundesweites Tanzverbot. Doch Ungläubige, Gottlose und Tanzwütige wollen sich nicht an die gesetzlich verordnete Stille halten.

Christinnen und Christen denken am Karfreitag an einem Mann aus Nazareth, der vor rund zweitausend Jahren am Kreuz hingerichtet wurde. Der Tag dient dem Gedenken an sein Leiden und Sterben. An Karfreitag ist es üblich, den Altar nicht zu schmücken; auch die Kirchenglocken verstummen. Zur Todesstunde von Jesus, um 15 Uhr, versammeln sich gläubige Christen zum Karfreitags-Gottesdienst. Für die evangelische Kirche stellt der Karfreitag sogar einen der höchsten Feiertage des Kirchenjahrs dar. Zudem zählt er zu den sogenannten »stillen Tagen« des Kirchenjahres. Davon gibt es viele: den Volkstrauertag, den Buß- und Bettag, den Totensonntag, Heiligabend, Aschermittwoch, Gründonnerstag sowie Karfreitag und Karsamstag.

An diesen »stillen Feiertagen« sind laut Gesetz sämtliche Veranstaltungen, die über den „Schank- und Speisebetrieb hinausgehen“ verboten. So gibt es – mit unterschiedlichen Sonderregelungen in den Bundesländern – auch ein bundesweites Tanzverbot. Ebenso bleiben die Geschäfte zu, auch Wettbüros. Es dürfen außerdem keine Wochenmärkte, gewerbliche Ausstellungen, Briefmarkentauschbörsen, Zirkusaufführungen oder Volksfeste stattfinden. Zwar gibt es  in einzelnen Bundesländer einige Sonderregelungen, grundsätzlich aber gilt: Kollektive Stille legt sich über das Land.

Harter Rock ist nicht erwünscht

Besonders restriktiv sind die Einschränkungen am Karfreitag, an dem die Behörden keinerlei Ausnahmen zulassen. Das betrifft selbst das Musik-Programm in den öffentlich-rechtlichen Funkhäusern, bei dem darauf geachtet wird, dass eine Auswahl stiller, ruhiger Titel gespielt wird, „die zum Charakter des stillen Tages passen“, wie es auf der Internetseite des Bayerischen Rundfunks heißt. Die Programm-Macher – nicht nur im Bayerischen Rundfunk –  halten sich  im vorauseilenden Gehorsam daran. Alle ARD-Sender zügeln Sound und Rhythmus. Die Vorgabe: »Jazz ja, Hardrock nein!«.

Doch Ungläubige, Gottlose und Nicht-Christliche wollen solcherlei Bevormundung durch ein christlich geprägte Feiertagsgesetz nicht mehr akzeptieren und sich nicht an die gesetzlich verordnete Stille halten. In Stuttgart und an zahlreichen anderen Orten laden tanzfreudige Atheisten zur säkularen Karfreitags-Party ein. Die Veranstaltung soll in ihrer Gesamtheit auch ein „Ausdruck des Protests gegen das nicht mehr zeitgemäße und unverhältnismäßig einschränkende Feiertagsgesetz“ sein. Die Veranstalter verweisen dabei auf  ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das bereits 2016 das Verbot einer Münchener „Heidenspaß-Party“ für verfassungswidrig erklärt  hatte.

Ausnahmen werden die Regel

Ohnehin gehen Experten davon aus, dass die mehr oder weniger strikten Tanzverbote an Karfreitag im Zuge der schwindenden – vor allem konfessionell gebundenen – Religiosität in Deutschland durch Ausnahmeregelungen zunehmend zurückgenommen werden. Menschen, die sich an diesen Tagen laut vergnügen wollen, würden in ihrer Freiheit eingeschränkt. Auch wenn die Christengemeinde am Karfreitag zur stillen Einkehr aufruft, könne es keinen gesetzlichen Zwang zur Trauer für ungläubige und gottlose Bürgerinnen und Bürger geben. Keine Frage: Es ist höchste Zeit für eine gesetzliche Änderung. Wir leben in keinem christlichen Gottesstaat, sondern in einem säkularen Verfassungsstaat.

Jeder Bürgerin und jeder Bürger darf seinen Gott – gerne auch mehreren Göttern und Göttinnen – huldigen. Menschen dürfen inbrünstig an eine heilige Jungfrau Maria, die »Unbefleckte«, glauben, gehorsam gegenüber ihrem Gott sein, der den Menschen so sehr misstraut, dass er ihnen die Vernunft verbietet. Der Glaube kann Gläubige im Sinne des Wortes »glück-selig« machen. Er kann für Menschen etwas Wunderbares sein: als Privatsache. Am Karfreitag und allen anderen »stillen Feiertagen« aber muss gelten: Erst der Bürger, dann der Gläubige. 




Jahrgang 1950, hat mehr als 90 nationale und internationale Zeitschriften und Zeitschriften entwickelt und relauncht. Darunter Magazine wie Focus, Cicero, chrismon und The European sowie eine Vielzahl natiuonaler und internationaler Tageszeitungen. Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet. Daneben schrieb er zahlreiche Bücher, die bislang in 14 Sprachen übersetzt wurden, zuletzt »Dumme Wut, kluger Zorn« (2018) und »EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen. Eine Abrechnung«. Er ist Beiratsmitglied der Giordano Bruno-Stiftung und einfaches Mitglied bei Amnesty International. Neben der Schreiberei tritt er (mittlerweile nur mehr bei schönem Wetter...) als ambitionierter Rennradfahrer in die Pedale, ist begeisterter Eintracht-Frankfurt-Fan und Pat Metheny-Endlos-Hörer... Helmut Ortner lebt und arbeitet in Frankfurt und Darmstadt.