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Rezension: Léon Werths Tagebuch der deutschen Okkupationsjahre

Léon Werth, gestorben 1955, ein französicher Schriftsteller aus einer säkularen jüdischen Familie, hat über die Zeit der deutschen Besatzung Tagebuch geschrieben. Jetzt endlich ist es im S. Fischer Verlag erschienen.

Als im Juni 1940 die deutschen Truppen Paris überrannten, befand sich unter den Abertausenden Flüchtlingen, die südwärts in die vorerst unbesetzte Zone flohen, auch das Ehepaar Suzanne und Léon Werth. Schließlich in einem kleinen Städtchen im Jura angekommen, schrieb Werth über diese Flucht den Bericht „33 Tage“, den er seinem Freund Antoine de Saint-Exupéry übergab.

Aus dem Dunkel der Vergessenheit wieder zurück ins Licht

Die beiden Schriftsteller kannten sich bereits seit 1931; Léon Werth, der 1878 in einer säkularen jüdschen Familie geboren wurde, ist auch „Der kleine Prinz“ gewidmet. Nach dem Krieg schien es dann fast so, als sei der Nachruhm Werths vor allem der anrührenden Widmung zu Beginn jenes zeitlosen Buchs zu verdanken, denn Saint-Exupéry, inzwischen aus Frankreich entkommen, um sich de Gaulles Armee anzuschließen, war es in New York nicht gelungen, einen Verleger für das ebenso poetische wie präzise Zeitdokument seines Freundes zu finden. Léon Werth starb 1955 und geriet als Schriftsteller in Vergessenheit, woran leider auch die deutsche Publikation der „33 Tage“ im Jahre 2016 nicht allzu viel änderte.

Der S. Fischer Verlag ist deshalb gar nicht hoch genug zu loben, dass er nun auch Werths Tagebuch der Jahre 1940 bis 1944 publiziert. Ein literarisches Ereignis, besitzt dieses Buch doch den gleichen Rang wie Marc Blochs berühmte „Seltsame Niederlage“. Werth, befreundet mit Blochs Kollegen Lucien Febvre aus der berühmten Historiker-Schule der „Annales“, schreibt als erschütterter und zugleich verständlicher Zeitdiagnostiker, der nicht nur sein Land, sondern ein ganzes Wertesystem am Ende sieht. „Hitler hat der Welt gezeigt, wie überflüssig das ist, was man als die hohen Werte der Zivilisation bezeichnen kann.“

Besatzung führte zu Demoralisierung und Anpassung

Obwohl Werths nichtjüdische Frau Suzanne in der Résistance aktiv ist und er selbst unter den Vichy-Gesetzen auch in der abgelegenen Provinz höchst gefährdet ist, sieht er von sich selbst eher ab und beschreibt stattdesen über Hunderte von Seiten hinweg ein demoralisiertes Frankreich, das sich in falsche Idylle und pauschales Räsonieren flüchtet, stillen Widerstand übt oder auch eilfertige Anpassung betreibt. Szenen wie von Simenon oder Chabrol, grundiert von einer Analyse, die längst wieder aktuell ist.

„Der Internationalismus konnte nur für armselige Köpfe eine vollkommene Negation von Vaterländern darstellen. Aber er sprach den Vaterländern nur das Recht ab, nicht zu Rechtfertigendes zu rechtfertigen. Indem er die Unterdrückung vom Patriotismus abzog, reduzierte er ihn auf seine höchsten Werte.“ Inzwischen sind sogenannte „globalistische Eliten“ das Feindbild von Populisten dies- und jenseits des Rheins, und den erklärten Pro-Europäer, Antinazi, Kolonialismus- und Stalinismuskritiker Léon Werth zu lesen bedeutet, ein wertvolles Antidot in die Hand zu bekommen.

Von links nach rechts gewanderte Publizisten und Faschismus als moralische Droge

„Die Nationalisten haben die Nation verraten, die Revolutionäre haben die Revolution verraten.“ So gedieh auch im besetzen Frankreich das Geschwätz von Publizisten und Kollaborations-Literaten, die oftmals mühelos von links nach rechts gewechselt waren, und ihr „Gemisch aus Hass und intellektuellen Albernheiten“ unters Volk brachten, während in den Schulen „die faschistische Droge als traditionelle Moral“ feilgeboten wurde.

Georges-Arthur Goldschmidt, der als Hamburger Junge diese Zeit in einem französischen Versteck überlebt hatte, beschreibt in seinem Vorwort Léon Werths Stil zu Recht als „objektive Melancholie“, als ein permanentes Beobachten, das die humanistische Phrase ebenso scheut wie die Ausflucht in den Zynismus. Je dramatischer die Kriegs-Ereignisse ab 1943 werden, je absehbarer seit Stalingrad Hitlers Niederlage, je näher schließlich die amerikanischen und französischen Befreier rücken, umso „objektiver“ wird Werths Beschreibung.

Aber auch das ist Widerstand: Rekurs auf eine Vernunft, welche die Ethik auf ihrer Seite hat und nicht vor blutigem Irrationalismus kapituliert. Und doch, so ist seine Befürchtung zu lesen, wird selbst bei einem Sieg über Hitlers Drittes Reich nichts auf ewig gewonnen sein, werden die Schlächter und die Biedermänner immer wieder auftauchen, um ihr Werk auf andere Weise fortzusetzen. Aber auch dieses Buch wird bleiben, in seiner unprätentiösen Anständigkeit und intellektuellen Brillanz. Wir müssen uns diesen Léon Werth als einen verdammt guten Menschen vorstellen.

Léon Werth: Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940-1944. Mit einem Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2017, 944 S., geb., 36 €.