Wer Hilfe sucht, der sollte bereit sein, den Blick zu heben: Bucheinband von "Robinson Crusoe" 1920 (Ausschnitt) N.C. Wyeth

Lesestoff für Schiffbrüchige

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Jan Roß breitet in seinem Buch „Bildung“ vor uns aus, was zum Leben notwendig ist.

Nachdem Robinson Crusoe schiffbrüchig geworden ist – alle seine Reisegefährten sind ertrunken, er findet sich auf einer tropischen Insel wieder, auf der (wie er glaubt) außer ihm kein Mensch lebt – bastelt unser Held sich ein Floß. Damit will er ein paar nützliche Sachen aus dem Wrack des Schiffes bergen, das ihn zu der Insel gebracht hat, und an Land holen. „Zuerst holte ich drei von den Seemannskisten, die ich aufgebrochen und geleert hatte“, notiert Crusoe, „und senkte sie auf mein Floß nieder. Die erste füllte ich mit Proviant – nämlich mit Brot, Reis, drei Laib Holländerkäse, fünf Stück getrocknetem Ziegenfleisch … und ein kleiner Rest von europäischem Getreide, das wir für Geflügel beiseitegelegt hatten, das mit uns auf See gefahren war … Was Alkohol betrifft, so fand ich ein paar Kasten voller Flaschen, die unserem Kapitän gehörten und voller Lebenswasser waren, und im ganzen fünf oder sechs Gallonen Arak. Diese lagerte ich für sich selbst, da es keine Notwendigkeit gab, sie in der Seemannskiste zu verstauen … Während ich das tat, lief das Wasser auf, wenn auch sehr sanft, und ich sah das demütigende Schauspiel, wie meine Jacke, mein Hemd und mein Mantel wegschwammen, die ich am Sandstrand abgelegt hatte … aber nach langem Suchen fand ich die Kiste des Zimmermanns, die für mich wertvoller war als Gold.“

In den Stürmen der Zeit

Vielleicht fühlen wir uns in diesen Tagen alle ein bisschen wie Daniel Defoes schiffbrüchiger Held: von den Stürmen der Zeit auf eine einsame Insel verschlagen, ohne Orientierung und Landkarte. Das alte Koordinatensystem stimmt nicht mehr; und haben wir nicht alle Gefährten verloren, die zwar nicht gerade ertrunken, aber doch rechtsradikal geworden sind? Also versuchen wir, das Lebensnotwendige aus dem Wrack unserer Überzeugungen zu bergen (das, wie wir schon dunkel ahnen, nie mehr flott durch die Weltmeere segeln wird) – aber was könnte dieses Lebensnotwendige sein? Wo sind unser Ziegenfleisch und unser Holländerkäse, wo der Alkohol, mit dem wir uns beduseln können, wo der Werkzeugkasten mit Hammer und Meißel und Säge, der wertvoller ist als alle Schätze? Eine mögliche Antwort hält Jan Roß für uns bereit. Der frühere FAZ- und jetzige ZEIT-Redakteur, der gerade eben von einem längeren Aufenthalt in Indien zurückgekehrt ist, hat ein Buch mit dem Titel „Bildung – eine Anleitung“ geschrieben. Ein langer Essay; eine Mischung aus intellektueller Autobiografie und begeistert-erstaunten Betrachtungen zur Literatur- und Musik- und Kunstgeschichte.

Die Klassiker

Was also bleibt, wenn man Jan Roß trauen darf? Erstens natürlich: die alten Griechen. Homer. Thukydides. Sophokles. Die Entdeckung der schnörkellosen Einfachheit, des Wesentlichen, des Kerns der Sache, im Guten wie im Bösen. Ferner: die hebräische Bibel, die Wucht der Moral, die Urgewalt der Prophetensprache. Die Literatur natürlich, das Eintauchen in erfundene Welten. Aber auch die Naturwissenschaften bleiben: Newton, Darwin, Einstein. Wenn man das Ganze so auf- und nacherzählt, könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um eine staubtrockene und im Übrigen etwas konservative Angelegenheit. Das Erstaunliche ist aber, dass das gar nicht stimmt. Jan Roß gelingt es, plausibel zu machen, wie sehr ihn Bildungserlebnisse angerührt und aufgewühlt haben; er erzählt in seinem Buch, dass man durch die Beschäftigung mit Kunst und Literatur und Wissenschaft und nicht zuletzt Musik tatsächlich zu einem besseren Menschen werden kann. In einer der schönsten Passagen ist vom Schlusschoral der Johannespassion von Johann Sebastian Bach die Rede, die Roß als Schüler in der St.-Michaelis-Kirche in Hamburg hörte. „Man kann dieses musikalische Gebet auf verschiedene Weise singen, beschaulicher oder angespannter, hier war es eine einzige, ununterbrochene Steigerung. Als die Choristen die Zeile erreicht hatten: ‚Alsdann vom Tod erwecke mich, dass meine Augen sehen dich‘, da sangen sie schon, als ginge es um ihr Leben. Dann holten sie noch einmal Atem und endeten, halb bittend und halb fordernd, in siegreichem Zweikampf mit der donnernden Orgel, in triumphaler Bedürftigkeit: ‚Herr Jesu, erhöre mich, erhöre mich. Ich will dich preisen ewiglich.‘ Es war, als würde die Musik mit voller Kraft ans Tor des Himmelreichs hämmern.“ Jan Roß‘ blasphemisch-witzig-tiefgläubige Pointe: „In der Haut eines Gottes, der in diesem Augenblick nicht öffnet, hätte man nicht stecken mögen.“

Deutscher, Europäer, Kantianer – und offen

Aber ist der Kanon, den Jan Roß uns hier präsentiert, nicht furchtbar eurozentrisch? Nein. Der ZEIT-Reisende hat uns aus Indien wichtige Bildungsschätze mitgebracht: So lernen wir von ihm, dass zu den Helden der Freiheit nicht nur John Stuart Mill und Adam Smith gehören, sondern auch B. R. Ambedkar, der Vater der indischen Verfassung (der wahrscheinlich in seinem Grab rotiert, wenn er sieht, was der Hindufaschist Narendra Modi zurzeit aus seinem säkularen Indien macht). Roß ist nun mal Deutscher, er ist Europäer, er ist Kantianer und will das nicht verstecken – aber gerade dass er die europäische Tradition kennt, macht es ihm möglich, die Augen zu öffnen für die Welt außerhalb Europas.

Wo steht dieser Jan Roß politisch? Er ist wahrscheinlich ein im besten Sinn eher langweiliger bildungsbürgerlicher Liberaler. Zu den besten Passagen seines Buches gehören aber gerade jene, in denen er über die „Klassiker der Rebellion“ schreibt, linke und linkradikale Denker würdigt: Roß schmiert den tiefen Graben nicht zu, der ihn von Karl Marx, Rosa Luxemburg und Co. trennt, und gerade das befähigt ihn, sie zu würdigen.

Das Schönste an diesem Buch ist aber vielleicht, dass man als Leser Zeuge wird, wie dem Autor sein Hemd, sein Mantel und seine Jacke am Strand von der Flut weggespült werden. Die FAZ-Redaktion, aus der Jan Roß stammt, war – formulieren wir vorsichtig – nicht gerade eine Schule der Bescheidenheit. Ein Buch über Bildung könnte ein Anlass sein, arrogant herumzustolzieren und mit seiner Belesenheit zu prahlen. Aber das tut Jan Roß zum Glück überhaupt nicht. Er gibt nicht an; stattdessen erzählt er, wie Bücher und Bilder und Statuen und Wagners „Tristan und Isolde“ ihn umgehauen haben – und ihm dadurch halfen, das Leben auszuhalten, was ja nicht immer ganz leicht ist.

Der kluge katholische Reaktionär Gilbert Keith Chesterton antwortete auf die Frage, welches Buch er mitnehmen würde, wenn es ihn je auf eine einsame Insel verschlagen sollte: „Ein Buch über Schiffbau.“ Vielleicht hat der Hamburger Jan Roß ja just dieses Buch geschrieben.

 Jan Roß: Bildung – eine Anleitung.
Rowohlt Berlin, 319 Seiten, 22 Euro.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".