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„Liebe Anita“ Die Standard-Briefformel als Anmache und Übergriff

Was grade noch eine standardisierte, höfliche Anrede war, wird plötzlich als übergriffig empfunden.

Unlängst berichtete Sepp Gumbrecht, Literatur-Professor in Stanford , wie er unwissentlich und unwillkürlich eine „Mikro Aggression“ ausgelöst hatte. Er hatte auf dem Campus seiner Tochter und der Tochter eines Kollegen bewundernd entgegengerufen:“You look gorgeous“. Andere Frauen, die sich nicht als hinreißend und bezaubernd sahen, müssten sich herabgewürdigt fühlen, lautete die Anklage. Die Causa landete beim Dekan. Die Amis sind verrückt, denkt man hier; so ein Quatsch könnte hier nicht passieren.

Kann es doch. Ein junger Mann, Mitarbeiter in einer IT-Finanz-Firma , schrieb innerhalb des Hauses an eine Kollegin eine Email mit derAllerweltsanrede „Liebe Anita“. Kurz darauf wurde er zu seiner Vorgesetzten zitiert. Die „liebe Anita“ hatte sich beschwert, weil sie die Anrede als übergriffig empfunden hatte. Der junge Mann hatte Glück, denn die Vorgesetzte war eher belustigt und nicht bereit, in der formelhaften Anrede eine Mikroaggression zu erkennen. Was hatte die gute Anita so in Rage versetzt? Ihre Logik lief so: „Liebe“ dürfe man nur schreiben, wenn man „miteinander im Bett gewesen sei, zumindest aber einen Abend lang in der Bar.“

Was wollte sie stattdessen hören? „Hi, Anita oder „Hallo, Anita“ hätte sie als korrekt empfunden. Der junge Mann erklärte ihr, dass er aus der Briefkultur käme und da würde man nun mal „Liebe… „ schreiben, was bestimmt keine Liebeserklärung sei. Anita aber beharrte auf Mikro-Aggression und sah sich weiter als beklagenswertes Opfer einer Anmache.