"Fridays for Future"-Demo in Berlin Leonhard Lenz (CC0 1.0)

Liebe Millennials, …

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Die solide Verachtung, mit der die Millennials auf die Babyboomer schauen, hat unseren Autor zu einem offenen Brief veranlasst.

… sieh an! Ihr könnt also doch aufbegehren! Wer hätte das von euch gedacht? Uns Babyboomern kommen die um die Jahrtausendwende Geborenen nämlich immer so vor, wie der dauerhöfliche Prinz Charles – eigentlich einer aus unserer Generation. Dennoch: Mit knurrendem Lächeln mimt der nun schon seit 70 Jahren den Kronprinzen und wartet artig, dass seine Mutter, die britische Queen, endlich abtritt. Er bleibt der ewige Praktikant, der zu allem Ja und Amen sagt. Und wenn er dann tatsächlich endlich mal an die Reihe kommen sollte, ist es zu spät – für ihn und für die Welt. Denn die hat schon längst dessen Sohn William im Blick, er ist jung und flexibel. 

Nicht zuletzt deshalb, weil wir mit unseren Eltern den Generationenkonflikt suchten, haben wir Babyboomer uns als Protestgeneration einen Platz in der Geschichtsschreibung gesichert. Was ist euer Markenzeichen? Die Soziologen finden nicht einmal einen Namen für euch, man nennt euch die Generationen, X, Y, Z – ihr seid offenkundig so unscheinbar, dass man euch nur noch einfach durchbuchstabiert.  

Ihr ahnt: hier schreibt ein grauhaariger Mann, um die Sechzig. Einer dieser grauen Herren, wie ihr ihn aus „Momo“, eurem Lieblingsjugendbuch von Michael Ende kennt. Diese grauen Herren besetzen alle Posten und stehlen euch jungen Menschen wertvolle Lebenszeit. Und genau solchen Grauhaarigen wie mir, wollt ihr eigentlich gar nicht mehr zuhören. Wie immer wir uns euch nähern, ihr unterstellt uns sofort einen altväterlichen Unterton – egal ob bei Gehaltsverhandlungen oder im Privatgespräch: stets fühlt ihr euch von uns über den Tisch gezogen.

Ideologische Differenzen

Aber stimmt das wirklich? Nehmen wir uns also die Zeit und hecheln der Reihe nach die wesentlichen Vorwürfe durch, die ihr uns, den Babyboomern, macht. Erstens: Die Alterssicherung. Die großen Jahrgänge der Babyboomer werden bald in Rente gehen. Wir führen, ganz nebenbei bemerkt, ohne zu lamentieren, die Rentenbeiträge für unsere Eltern ab. Obwohl wir sie womöglich wegen ideologischer Differenzen weniger leiden können, als ihr uns, die ihr unsere gesellschaftlichen Grundwerte ja größtenteils teilt. Unbestritten gerät das Rentensystem damit unter Druck – dass der Bundestag die Mütterrente und die „Rente mit 63“ beschloss, erhöht die Misere in euren Augen, obwohl ihr gleichzeitig hofft, möglichst schnell in unsere Positionen zu kommen. Darin liegt ein Widerspruch. Einerseits fordert eure Generation, dass sich das Renteneintrittsalter der steigenden Lebenserwartung anpassen soll, was auch getan ist, mit der auf 67 Jahre hochgesetzten Regelaltersrente. Andrerseits durchkreuzt das euern Wunsch, dass wir endlich unseren Platz für euch räumen. Würden wir jetzt schon abtreten, käme erst recht etwas auf euch zu: Ihr müsstet noch früher und umfänglicher für unsere Altersversorgung aufkommen. Oder glaubt ihr wirklich, dass es möglich ist, dass die dann noch aktiven Babyboomer ihre schwächelnden Altersgenossen mitfinanzieren? 

Zweitens: Bildung. Strebsam wie keine andere Generation vor euch seit dem Untergang Preußens habt ihr im Sturmlauf euren Bachelor und euren Master gemacht, saht über euren Büchern weder nach links noch rechts, wenn ihr euch einen Energieriegel reinschobt. Ihr habt euch die Verschulung eures Studiums – Stichwort Bologna – gefallen lassen, und nicht wie wir oder nur selten gegen Hochschulreformen gestreikt.  Damit habt ihr die wertvollste Zeit, die ein junger Mensch für seine Persönlichkeitsbildung hat, einem kapitalistischen Effizienzdenken geopfert, preisgegeben für die billige Aussicht „überall studieren zu können“. Das bedeutete in Wahrheit, nur woanders im selben Stress zu versinken. Euer Pech war: Wo ihr sonst immer zu wenige seid und es von uns Babyboomern zu viele gibt, läuft es im Bildungssektor genau umgekehrt: 1972 lag die Studienanfängerquote in der Bundesrepublik in der Bundesrepublik bei 15 Prozent, 2014 bei 58,2 Prozent. In Babyboomerzeiten erhielt man mit einem guten Hauptschulabschluss noch einen Ausbildungsplatz in einem Handwerksberuf, mit mittlerer Reife konnte man Bankangestellter oder Verwaltungsbeamter werden. Zumindest in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern gab es viel mehr studentische Mitbestimmung in der Ausgestaltung des Lehrplans, das Studium war breiter aufgestellt, die Regelstudienzeit dauerte länger und war ausdehnbar. 

Nennt es ruhig Verhängnis, dass Ende der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine flächendeckende Bildungskampagne auch Arbeiter- und Bauernkindern die Tore zu einer höheren Bildung öffnete. Dass das die Massenuniversität zur Folge hatte, die immer schwerer zu finanzieren war, solltet ihr nicht zynisch gegenrechnen, es war ein längst fälliger Akt sozialer Gleichstellung. Falls ihr Kinder solch begünstigter Eltern seid, begegnet ihnen mit Nachsicht, denn sie haben auch auf eure Bildung sehr viel Mühe verwandt.

Warum nur Jura und BWL?

Euch hat das ungebremste neoliberale Denken, unter dem ihr sozialisiert wurdet, eingeredet, dass Bildung nichts zählt, wenn sie sich nicht später in einem gehobenen Lebensstandard auszahlt. Warum bloß studiert ihr alle nur Jura und Betriebswirtschaft, oder wollt „irgendwas mit Medien“ machen? Von den Börsengurus hättet ihr abgucken können, dass nur der einen Gewinn abschöpft, der gegen den Mainstream agiert. Warum verirrten sich so wenige von euch in Orchideenfächer, widmeten sich exotischen Studien, die euch unterscheidbar machen von den Kohorten, deren Lebensläufe offenbar aus einem einzigen Kopiergerät stammen? Warum werdet ihr immer nur befristet beschäftigt und unterbezahlt, was völlig ungerecht ist? Ihr unterzieht euch, auf Erfolg gebürstet freiwillig aufwendiger Einstellungstests und Tierversuchen am eigenen Leibe in den Assessment-Centern der Konzerne, und traut euch eher selten, eure Individualität auszuspielen. Dann müsst ihr auch in Kauf nehmen, dass man euch immerfort weiter austestet und ausbeutet. Wir würden gerne wissen: Wie klingt die Stimme eurer Generation? Seid ihr polyphon? Habt ihr irgendein Alleinstellungsmerkmal? Und vor allem: Könnt ihr – außer von einigen kurzlebigen Start-Up-Ideen einmal abgesehen – für irgendwas irgendeinen geistigen Urheberrechtsanspruch anmelden? 

Ein Beispiel: Aus der Generation der Babyboomer stammen die Song-Klassiker, die die Millennials covern und mit ihren Computerprogrammen verfremden. Mit Rap und Hip-Hop, mit Techno- und Poetry-Slam ahmen sie das Klappern einer untergegangenen Maschinenwelt nach, die wir noch erlebten. Nachmachen, das könnt ihr. In den Karaoke-Bars beweist ihr einmal mehr, dass ihr genau die Protagonisten aus dem Zeitalter der Simulation seid, vor der uns der Philosoph Jean Baudrillard in den Seminaren der Achtziger Jahre immer warnte. Die Lebenswirklichkeit wird fortwährend entstellt durch künstlich erzeugte soziale, ökonomische und politische Simulationshandlungen, die sich als Realität ausgeben und neue Wirklichkeiten schaffen. Was ist Pose an euch, was Haltung? 

Drittens werft ihr uns vor, wir hätten zu wenig Kinder gezeugt, aus purem Eigennutz die Reproduktion verweigert, stattdessen Wohlstand angehäuft, nicht an Vorsorge noch an Fürsorge für die Nachwelt gedacht. 1965 führte die Zulassung der Anti-Babypille zum Pillenknick, der das Ende des Babybooms bedeutete. Ihr werdet euren Müttern, die die gesellschaftliche Emanzipation der Frau entscheidend auch für euch voranbrachten, doch nicht allen Ernstes vorwerfen, dass sie die Abkoppelung von Sexualität und Schwangerschaft als Befreiung empfanden? Die selbstbestimmte Familienplanung in eurer Generation wird von dieser Freiheit schließlich mitbestimmt. Wie sonst ließen sich Beruf und Familie miteinander verbinden? 

Dosenpfand – bitte, gerne geschehen!

Anklagepunkt 4: Wir übergeben euch die Natur in einem zerstörten Zustand. Müsste sich dieser Vorwurf nicht an Eure Großeltern richten? Es waren nämlich wir, die bei aller naiven Technikeuphorie unserer Altvorderen gegen die Atomkraftwerke Sturm liefen. Dosenpfand und Mülltrennung, Windenergie – bitte, gerne geschehen! Euer Obst und Gemüse aus dem Bioladen ist auf unserem ideologischen Öko-Mist gewachsen, die Grünen sind unsere Erfindung! Da bleibt euch nur noch, die Tofu-Rezepte etwas zu verfeinern. Im Übrigen nennt man nicht uns, sondern euch die „Generation Easy-Jet“ – nach einem Billigflieger. Den nehmt ihr so locker wie früher den Schulbus, um eure Internet-Amouren in Barcelona und London zu besuchen. Ihr kritisiert zurecht Diesel-Lobby und Feinstaub-Leugner. Aber was ist mit eurem eigenen ökologischen Fußabdruck? 

Verdenkt uns nicht, dass wir erstmal noch ein bisschen weitermachen wollen. Ihr könnt solange weiter an eurer Selbstoptimierung arbeiten. Kann schon sein, dass wir unser Geld selbst verknuspern müssen, um euch später nicht auf der Tasche zu liegen. Jede Wette, das kommt euch billiger. Es gibt nun mal keinen Rechtsanspruch auf vererbtes Vermögen. Wie sieht wohl eure Zukunft aus, so ohne uns? Ihr werdet mehr Fahrrad fahren und kein Fleisch mehr essen der Umwelt und der Figur zuliebe. Ihr werdet euch weitere elektronische Annehmlichkeiten schaffen und dafür nach seltenen Erden schürfen, der Umwelt zum Schaden. Und ihr lasst Traditionen wieder aufleben vom Abi-Ball, über das Doktorhütewerfen im Talar, bis zur Luxus-Hochzeitsfeier ganz in Weiß. Vielleicht ladet ihr uns Babyboomer dann ein. Das Graumelierte schmückt solche Events ungemein. Immerhin das.




Redakteur bei CHRIST&WELT in der ZEIT, Essayist bei der KNA, Feuilletonistischer Hütchenspieler und Bandleader von "Öhlers Roadshow"