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Lügenpresse? Da ist was dran

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Propaganda schämt sich nicht mehr ihrer selbst. Was der mächtigste Mann der Welt unverhohlen treibt, das wird man den Schmuddelkindern der AfD nicht verwehren können. Oder?

Den populistischen Bewegungen ist eine ablehnende Haltung gegenüber den herrschenden Medien gemein; man spricht vorwurfsvoll von „Systempresse“ und meint damit, dass die inkriminierten Medien Teil staatlicher Herrschaft seien, der man kritisch gegenüberzustehen habe. Man sieht sich in Opposition dazu als Stimme des wirklichen Volkes, das ansonsten nicht zu Wort komme. Nicht nur auf den Dresdener Demonstrationen der faschistoiden Pegida, nicht nur in den ausgefeilten Agitationen der „Freiheitlichen“ in Österreich, nicht nur bei den Neu-Konservativen in den USA, die als „Anti-Establishment“ regelrecht die „Dekonstruktion des Staatsapparates“ fordern, sondern auch in dem politisch weniger engagierten Jargon der eher naiven Social-Media-Nutzer wird das Schlagwort von der „Lügenpresse“ zur gängigen Münze.

Man kann den darin formulierten Vorwurf der vorsätzlichen Täuschung nicht verstehen, wenn man ihn sofort und mit moralischem Unterton tabuisiert. Das gilt für alle rhetorischen Figuren des linken wie des rechten Populismus: Man muss sie zu Ende denken, bevor die Stigmatisierung einsetzt, die immer kontraproduktiv ist, weil sie den politischen Zwecken des Populismus unfreiwillig dient. Man nehme „Lügenpresse“ als Kampfansage ernst. Lügenpresse ist eine ideologische Inversion, eine Replik; sie repliziert auf einen unausgesprochenen Anspruch von Medien, „Wahrheitspresse“ zu sein. Man kennt dies aus Diktaturen und erinnert sich, dass Prawda das russische Wort für Wahrheit ist.

Aber das Selbstverständnis des Journalismus als aufklärerische Vierte Gewalt gehört eigentlich zur DNA demokratischer Kulturen. Man wähnt sich in der schwarzen Kunst der Gutenberg-Galaxie, dem Journalismus, als Instrument der Aufklärung. Bis heute leiten Journalisten, insbesondere wenn sie sich als „investigativ“ verstehen, daraus Sonderrechte ab. Wer in der staatlichen Gewaltenteilung neben Legislative, Exekutive und Judikative ohne jede demokratische Legitimation eine vierte Gewalt für sich selbst reklamiert, stellt sich über die anderen, zumindest aber gleichberechtigt neben sie. Ohne eine freie Presse, so glaubt sie selbst, gibt es keine Demokratie; diesen Anspruch hat sie aber nicht zu legitimieren, es reichen pragmatisch ein Presseausweis und eine journalistische „Haltung“.

Haltung ist ein diffuses, aber komplexes Ideologem der Selbstüberhöhung zur moralischen Erhabenheit. Journalistische Standesmoral ist immer usurpatorisch. Sie hat die Ansprüche der Inquisition in die Aufklärung hinüber gerettet. Und genau dieser Eigenlegitimation eines Gewerbes als Wahrheitspresse verweigern Populisten die Gefolgschaft. Traditionelle „Gatekeeper“ der Meinungsbildung verlieren den Nimbus der sakrosankten Sinnstiftung. Das ist vielleicht im Kern gar nicht so dumm, wie es vorderhand als verwerflich erscheint.

Die eine Wahrheit ist immer eine Lüge

Der Tübinger Publizist Bernhard Pörksen, einer der gebildetesten, den das Fach heute aufweist, hat lange Interviews mit Heinz von Foerster geführt, um die Urgründe dessen aufzuspüren, was in der Philosophie Konstruktivismus genannt wird. In der Soziologie ist dies die Luhmann-Schule, vulgo Systemtheorie. Hartes Brot. Bekannt ist das Motto von Foerster: „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ Und der Satz geht so weiter, dass sie damit nach Krieg verlange. Man kann sich diesem kontraintuitiven Lehrsatz assoziativ nähern, indem man zunächst darauf achtet, dass die Wahrheit hier mit einem bestimmten Artikel und im Singular steht.

Die Wahrheit im Singular hat einen inquisitorischen Anspruch: Es ist meine Wahrheit, deren Verbindlichkeit zu behaupten ich bereit bin, aber strikt vermeide, sie als willkürlich oder subjektiv zu kennzeichnen. Dazu hypostasiere ich „meine Wahrheit“ als „die Wahrheit“, der nur Irrtum oder Lüge entgegenstehen können. Und schon riecht es nach Kontroverse, wenn nicht nach Krieg. In der Vorstellung einer verbindlichen Wahrheit steckt der kalte Wille, jene, die sich ihrer Geltung entziehen wollen, zu missionieren oder zu vernichten.

Die Wahrheit als Leitvorstellung öffentlicher Kommunikation hat, wenn sie schon nicht mehr inquisitorisch ist, so doch eine böse Luther’ische Entschiedenheit. Etwas Apodiktisches spricht aus ihr und eine unhinterfragbare Legitimation, sozusagen a priori. Wahrheitspresse ist ein zutiefst fundamentaler Anspruch. Denn Wahrheit ist ein religiöser Begriff, und zwar im bösen Sinn des Wortes.

Das Monopol der Presse ist gefallen

Wahrheitspresse zu sein ist zum Grundgesetz der Gutenberg-Galaxie geworden, das heute aber durch zwei Bewegungen angegriffen scheint. Zur Aversion der Populisten ist schon etwas gesagt; das ist eine politische Aversion gegen das Establishment der Sinnstifter, gegen „ideologische Staatsapparate“. Hinzu kommt eine technikgeschichtliche Wende: Mit dem Internet ist das Kommunikationsmonopol der Drucker aufgehoben. Was früher zwischen zwei Buchdeckeln gefangen gehalten werden konnte oder auf dem Papier der Rotation, das ist heute raumzeitlich befreit, wirkt also im Zweifel immer und überall; es ist zudem auch ökonomisch freigeschlagen. Machte für den Manchesterkapitalismus die Frage nach dem Besitz an Produktionsmitteln noch Sinn, so gehört heute einem Kommunikator im Internet-Café mit „free WiFi“ für einen Becher Kaffee das Ohr der Welt. Wahrheitspresse war gestern.

Amoralität einer untergehenden Zunft

Die Selbstheilungskräfte des redaktionellen Journalismus sollten früher darin bestehen, dass der Redakteur Berichte über unerhörte Ereignisse gegebenenfalls am Rand mit einem „nt“ versieht, dem Vermerk also „non testatum“ (nicht bezeugt). Von diesem „nt“ leitet sich der umgangssprachliche Begriff der Ente oder Zeitungsente für eine Falschmeldung ab. Es gibt die Problemstellung der „Fake News“ also deutlich länger, als die „Facebook-Generation“ meint. Und gegen Enten sollten kritische Redakteure helfen.

Es ist aber nicht so, dass die Wahrheitspresse immer durch ihre Selbstheilungskräfte genesen wäre. Als der „stern“ behauptete, dass Teile der deutschen Geschichte revidiert werden müssten, weil er die authentischen Tagebücher Adolf Hitlers entdeckt habe und publizieren werde (es handelte sich um eine plumpe Fälschung, die der Fälscher Konrad Kujau für 1,6 Millionen DM geliefert hatte), war es nicht die hauseigene Publizistik, die dem Spuk ein Ende bereitete, sondern das Bundesamt für Materialprüfung, das in den Hitler’schen Tagebüchern Polyesterfäden entdeckte, also einen Werkstoff, der zu Zeiten des „Führers“ noch nicht erfunden war. Die „stern“-Chefredakteure hätten schon früher stutzen können, dazu hätte es nicht mal historischer Bildung bedurft. Ein Laie hätte schon beim Anblick der Deckel der vermeintlichen Tagebücher stutzen müssen, weil die vermeintlich authentischen Kladden ostentativ mit den Initialien FH versehen waren; dem Fälscher hatte leider kein passendes A vorgelegen.

Die historische Wahrheitspresse hatte sich systematische Selbstauflagen gegeben. Sie hat sich selbst zwei Trennungsgebote auferlegt, die helfen sollten, systematische Verzerrungen zu verhindern. Die Trennung von Redaktion und Werbung ist verlegerischer, sprich ökonomischer, Natur. Und die Trennung von Meldung (Bericht) und Kommentar (Meinung) ist redaktioneller Natur. Beide Trennungen sind mittlerweile gefallen, am deutlichsten die zwischen Wirklichkeitsbezug (Bericht) und Wahrheitsanspruch (Meinung). In der heute gängigen Form des „Features“ mischen sich bunt Bericht und Erlebniserzählung, die Meinung mit der Tatsache. Die Vierte Gewalt übt sich in Volkspädagogik und hebt die Stimmungskommunikation der Leserbriefe und „Shitstorms“ in eine redaktionelle Praxis. Redaktionelle Dienstleistungen werden abgebaut und auf die PR-Anbieter von Ersatz-Redaktion transferiert.

Dabei wissen die Verleger natürlich, dass mit der Externalisierung von Redaktion auf Gratisanbieter deren eigentliche Finanzierer Zugang und Einfluss erhalten. Man nimmt Propaganda, da sie gratis ist. Der Kern propagandistischen Wirkens ist der Spin geworden, die Verdrehung der Tatsachen bis zu ihrer Wahrheitsadäquanz. In den Worten Bert Brechts: „Und kann man den Tatsachen nicht mehr glauben, so müssen halt die Tatsachen dran glauben“. Die kommunikative Disziplin der Spin-Doctoren ist eine Reaktion auf die Perversion der Wirklichkeitspresse zur Wahrheitspresse. Propaganda widerlegt man nur mit dem Blick auf das wirkliche Leben.




Klaus Kocks ist Literatur- und Sozialwissenschaftler, entstammt der Montankultur an der Ruhr, lebt in Berlin und im Westerwald. Im Broterwerb selbständiger Meinungsforscher und Kommunikationsberater und im Übrigen Publizist an der Uni wie als Kolumnist. Also wechselweise der Gegenaufklärung wie der Aufklärung verpflichtet. Gemütszustand: gelassen, aber finster zur Aufrichtigkeit entschlossen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com