- Salonkolumnisten - https://www.salonkolumnisten.com -

Mehr Spaltung bitte!

Krawalle rechter und linker Radikalinskis, Wutbürger, Pöbel-Talkshows, aufgeregte Feuilletondebatten: Leben wir in einem gespaltenen Land? Im Gegenteil: In Deutschland geht es viel zu harmonisch zu.

Häufig wird in letzter Zeit beklagt, dass die Flüchtlingsfrage die Gesellschaft spalte. Die einen sehen nur arme verfolgte Opfer, die anderen kriminelle Banden und Terroristen. Weil der Konflikt um diese Frage so kompromisslos wirkt, gerät in den Hintergrund, dass Deutschland nach wie vor ein Land des ganz großen Konsenses ist. Ein öko-konservativ-protestantisches Weltbild gehört zur Nationalkultur. Die bürgerliche Mehrheit hat es kritiklos verinnerlicht und ist sich darin so einig wie die Bundesversammlung bei der jüngsten Präsidentenwahl.

Deshalb frage ich mich, ob man nicht eher den Konsens als den Dissens bedauern sollte. Eine harte kontroverse Debatte, wie in der Flüchtlingsfrage, würde bei anderen Themen möglicherweise der Wahrheitsfindung gut tun.

Unentwegtes Geblubber

Zur Veranschaulichung habe ich einmal eine kleine Liste von Sätzen aufgeschrieben, welche in fast jeder beliebigen deutschen Runde gesagt werden können – ohne dass mit ernsthaftem Widerspruch zu rechen ist. Sätze, zu denen die meisten Grünwähler ebenso nicken, wie AfD-Anhänger, CSU-Mitglieder oder Sozialdemokraten. Man kennt sie aus Talkshows und Bierzelten, von Kirchentagen und Vernissagen. Sie sind Teil des des unentwegten Geblubbers, an dem jeder teilhaben kann:

So reden die Diederich Heßlings unserer Zeit. Früher musste man sich noch entscheiden: Systemopposition oder Bausparvertrag. Heute geht beides zusammen und bringt einen Typus hervor, der larmoyante Unzufriedenheit und rebellische Rhetorik mit Risikoscheu, Bequemlichkeit und dem Streben nach Geld und Status verbindet. Diese neue Spießerkultur wähnt sich nonkonformistisch. Jeder möchte, dass sich alles radikal ändert  – abgesehen von den eigenen Privilegien versteht sich.