Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat

Freiburg, Europapark-Stadion, Halbzeit. Der FC St. Pauli liegt völlig verdient 0:1 zurück. Unverdrossen werden im Gästeblock die Che-Guevara-Fahnen geschwenkt und der ganze Block skandiert inbrünstig: „Ganz Hamburg hasst die AfD!“ Ich habe es wohl leider übersehen, aber gewiss werden all die Journalisten, Beauftragten, „Aktivisten“ und sonstigen Mahner, die sich so selbstlos für „unsere Demokratie“ einsetzen, sich auch bei dieser Gelegenheit lautstark über „Fake News“ sowie „Hass und Hetze“ empört haben.

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Ein seltsamer, wenig beachteter Aspekt des Themas „Fake News“ sind Zitate, die Persönlichkeiten in die Schuhe geschoben werden, von denen sie gar nicht stammen, und die dennoch dauerhaft mit ihnen verbunden bleiben. Vermutlich steckt noch nicht einmal böser Wille dahinter. Meist haben die Betreffenden etwas Ähnliches gesagt oder geschrieben, und ein wohlmeinender Chronist hat die Aussage dann nur noch auf den Punkt gebracht. Die Sätze sind so prägnant, dass sie ein Eigenleben entwickeln. Sie werden wieder und wieder zitiert. Dabei schreibt der eine Autor vom anderen ab und kopiert die falsche Quellenangabe gleich mit. Irgendwann gelten die Zitate dann als Gemeingut und niemand kommt mehr auf den Gedanken, ihrem Ursprung nachzugehen. Zwei solcher Zitate sind mir in letzter Zeit begegnet: Dem britischen Schriftsteller G. K. Chesterton wird der Satz nachgesagt: „Wenn die Menschen aufhören, an Gott zu glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche.“ Und George Orwell wird fälschlicherweise die Aussage zugeschrieben: „Manche Ideen sind so dumm, dass nur Intellektuelle an sie glauben.“ Man wünscht sich, die tatsächlichen Autoren zu kennen, denn die Zitate werden durch die falschen Quellenangaben ja nicht schlechter, und man würde den Urhebern gerne die Ehre erweisen, die ihnen zusteht.

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Ein Zitat, das – wie so viele andere – fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben wird, lautet: „Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben.“ Die Aussage klingt herablassend, war wohl auch so gemeint, doch tatsächlich beschreibt sie eine ungeheure Stärke, vermutlich eine der wichtigsten Ursachen des amerikanischen Erfolgs: Lernen durch Versuch und Irrtum ist die Grundlage jedes wissenschaftlichen wie auch sonstigen Fortschritts. Es setzt voraus, dass man bereit ist, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen und Fehler zu korrigieren. Dies unterscheidet Amerika von Deutschland. In Deutschland tut man nach sehr gründlicher Überlegung das Falsche und hält bis zum bitteren Ende daran fest, denn man kann bestens begründen, warum die Wirklichkeit Unrecht hat.

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Über das Zitat ist außerdem zu sagen, dass man in diesen Tagen nur hoffen kann, dass es noch immer zutrifft.

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In Berlin werden neuerdings Anschläge auf eine Kaffeehauskette verübt, weil sie sehr preisgünstig Kaffee von vernünftiger Qualität anbietet. Weil dies angeblich die Kaffeehauskultur zerstöre, bewerfen „Aktivisten“ die Filialen mit Farbbeuteln. Kann es noch größeren Snobismus geben? Ich empfehle die Parole: „Sollen sie doch Kuchen essen!“

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Ernst Peter Fischer schreibt: „Zu den durchgängigen Dummheiten der abendländischen Kultur gehört die Gewohnheit, sich das Fortschreiten der Naturwissenschaften von Leuten erklären zu lassen, die sie selbst nicht betreiben und nur wenig … von ihr kennen.“ Diese Beobachtung hat vermutlich einiges mit der oben beschriebenen Neigung zu tun, sich die Theorie nicht durch die Wirklichkeit kaputt machen lassen zu wollen. Wer mit Wissenschaftlern spricht, die beispielsweise auf den Gebieten der Kernphysik, Gentechnik, Starkstromtechnik oder Agrarchemie forschen, wird verblüfft feststellen, dass das, was sie zu berichten haben, keinerlei Ähnlichkeit hat mit dem hat, was einem über diese Fachgebiete in den Medien mitgeteilt wird. Ähnliches gilt übrigens auch für die Wirtschaftswissenschaften.

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Nach aktuellen Schätzungen verfügen die reichsten 25 Personen bzw. Familien in Deutschland zusammengenommen über ein Vermögen von rund 410 Mrd. Dollar. Einmal angenommen, man nähme ihnen das Geld komplett weg: Sie müssten ihre Unternehmen auflösen, ihre Grundstücke versilbern usw., so dass tatsächlich die 410 Mrd. Dollar flüssig gemacht werden. Danach würde dieses Geld gleichmäßig unter das Volk verteilt. Jeder Bürger erhielte dann etwas mehr als 4.900 Dollar, das entspricht nach dem aktuellen Umtauschkurs etwa 4.200 Euro. Ein hübscher Batzen. Man sollte ihn sich allerdings gut einteilen, denn es kommt nichts mehr nach. Die ehemals Reichen sind ja dann arm, ihre Unternehmen aufgelöst, ihre Mitarbeiter stehen auf der Straße. Alternativ könnte man für das Geld etwa zwei Jahre lang die derzeitigen Ausgaben des Arbeitsministeriums finanzieren. Tatsächlich wäre das Polster allerdings schon früher aufgebraucht, denn durch die Entlassung der Mitarbeiter von Unternehmen wie BMW, Lidl, Kühne & Nagel usw. würde die Zahl der Leistungsempfänger stark steigen. Die Zeit danach würde dann eine gewisse finanzielle Herausforderung für das Sozialsystem bedeuten, denn bedauerlicherweise können Unternehmen, die nicht mehr existieren, auch keine Steuern mehr zahlen. Aber das müsste man wohl in Kauf nehmen. Am Ende wären zwar alle arm, aber sie wären immerhin alle gleich arm, und das wäre ja sozial gerecht. Und deswegen bin ich sicher, dass dann auch alle ganz glücklich sein würden.

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Vor einigen Monaten interviewte die ARD-Journalistin Sandra Maischberger den Bundeskanzler. Wohl in dem Bemühen, dem Gespräch eine heitere Note zu geben, fragte sie ihn, ob er Berlin vermisse, wenn er die Wochenenden im Sauerland verbringe. Merz antwortete, es sei gerade umgekehrt: Wenn er unter der Woche in Berlin sei, vermisse er das Sauerland. An die Möglichkeit dieser Antwort hatte Maischberger offensichtlich nicht gedacht. Wieso wird eigentlich immer nur Politikern mangelnde Bodenhaftung vorgeworfen?

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„Türkischen Mokka mag ich ich nicht so“, sagte Ich. „Doch!“ antwortete die Freundin wie aus der Pistole geschossen. Erstaunlich, was Leute so über einen wissen.