Mein Book of Kells – Folge 25
Ich komme langsam in ein Alter, in dem mehr und mehr Menschen im persönlichen Umfeld über grauenhafte Krankheiten oder andere Schicksalsschläge berichten. Das wirft die fast nicht zu beantwortende Frage auf, wie man in einer solchen Situation angemessen reagiert. Bohrendes Mitleid („Du Ärmster. Das muss ja ganz schrecklich für dich sein, wie fühlst du dich […]
Ich komme langsam in ein Alter, in dem mehr und mehr Menschen im persönlichen Umfeld über grauenhafte Krankheiten oder andere Schicksalsschläge berichten. Das wirft die fast nicht zu beantwortende Frage auf, wie man in einer solchen Situation angemessen reagiert. Bohrendes Mitleid („Du Ärmster. Das muss ja ganz schrecklich für dich sein, wie fühlst du dich denn jetzt so?“) dürfte meist als ebenso unerträglich empfunden werden wie sinnlose Aufmunterungsversuche („Krebs im Endstadium? Kopf hoch, das wird schon“). Weil fast alles, was man sagen kann, falsch, hohl und phrasenhaft klingt, gerät man in Versuchung, lieber gar nichts zu sagen. Das aber kann einem wiederum als Teilnahmslosigkeit ausgelegt werden. Dieser Effekt wird in dem sehr vergnüglichen Buch „Entschuldigen Sie, sind Sie die Wurst?“ illustriert, das den folgenden, in Heidelberg aufgeschnappten kleinen Dialog enthält: „Wie geht es denn so?“ „Leider net so gut.“ „Alla, na dann noch’n schönen Sunndag!“ Die wohl erfolgversprechendste Methode hat 1997 Johannes Gross beschrieben, der sich, damals selbst schwer krank, sehr über den Anruf eines Kölner Unternehmers freute, der schimpfte: „Warum trifft dat jerade Sie, et jibt doch keine Jereschigkeit!“
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Manche Schriftsteller haben bringen es fertig, dass die Leser tiefe Gefühle zu ihren Romanfiguren entwickeln. J. K. Rowling hat weltweit Millionen von Menschen in, wie es die Medienpsychologen nennen, parasoziale Beziehungen zu Harry Potter und seinen Freunden getrieben. Aktuell arbeitet sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith an einem Projekt von nahezu Proust‘schen Dimensionen: Ein zehntausendseitiger Entwicklungsroman, untergliedert in zehn ungeheuer spannende und ziemlich blutige Krimis. Acht davon sind bereits erschienen. Sie habe ich in den letzten Wochen auf Empfehlung einer Bekannten hin verschlungen. Nun mache ich mir mehr Sorgen um das Schicksal der beiden Hauptfiguren als um das mancher echter Menschen. Gesund ist das, glaube ich, nicht.
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Interessant finde ich an diesen Büchern übrigens den Einsatz verschiedener Schrifttypen als Element der Erzählung, den ich so sonst noch nicht gesehen habe. Manches wirkt dabei wie eine unnötige Spielerei, etwa wenn Briefe oder handschriftliche Notizen in einer anderen Schrifttype gedruckt werden als der übrige Text. Manches scheint mir auch Effekthascherei zu sein. Sofort überzeugt hat mich dagegen der Einsatz von Kursivschrift als Kennzeichen für spontane, nicht ausgesprochene Gedanken. Rowling übernimmt damit ein Element aus dem Comic, in dem ja auch einfache, intuitiv zu verstehende grafische Elemente umständliche Erklärungen ersetzen. Man denke an den Unterschied zwischen Sprech- und Denkblasen. Sie nutzt das Mittel, um gelegentlich einen trockenen Humor unterzubringen, der bei üblicher Erzähltechnik schwerfälliger und damit weniger witzig wäre. Die Wirkung der Methode zeigt der folgende, von mir sehr grob aus der Erinnerung rekonstruierte Textabschnitt (ich habe die Bücher inzwischen verliehen). Das Szenario ist das Folgende: Der Held, ein etwas griesgrämiger Privatdetektiv, hat sich einige Prominenz erworben, weil er im vorigen Band einen berüchtigten Serienmörder zur Strecke gebracht hat. Nun nimmt er widerwillig an einer Party teil. Angeödet davon, dass er fortwährend angestarrt und in dümmlichen Smalltalk verwickelt wird, kann er sich nur mühsam beherrschen. Es entsteht der folgende Dialog: „Und Sie haben den Ripper mit eigenen Händen überwältigt?“ Nein, das macht man heute mit Telepathie. „Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss nach meinem Neffen schauen.“ Mir scheint das eine echte Innovation der Erzähltechnik zu sein.
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Ich mag Berlin und nutze jeden Vorwand, dorthin zu fahren. Allein schon der Buchladen in der Reinhardtstraße gegenüber der FDP-Zentrale ist die Reise wert. Aber die Stadt hat unbestritten auch negative Züge. Einer davon ist die Schnodderigkeit, mit der viele Berliner versuchen, einem ihre Wohlstandsverwahrlosung als Tugend zu verkaufen. Anders, als man vermuten könnte, ist dies keineswegs ein neues Phänomen. Vor Jahrzehnten war bereits der Satz im Umlauf: „Der Berliner hat ja Herz mit Schnauze.“ Der Spruch hat mich damals schon geärgert, denn wenn man der Sache nachging, war es in den meisten Fällen tatsächlich nur Schnauze.
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In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gibt es ein schönes und informatives Stück zur Geschichte der Fastnacht. Dort heißt es: „Die Vorläufer des heutigen Karnevals waren Feste, die dazu dienten, den Winter aus der Welt zu treiben, der kalten Jahreszeit mit farben- und lebensfrohen Gestalten entgegenzutreten und sie so zu besiegen. Ein Ansinnen, das genau genommen einer Anmaßung gleichkommt – wer kann schon behaupten, der Winter ließe sich von ein paar Kostümen beeindrucken?“ Was unterscheidet dieses Verhalten eigentlich von unserer heutigen Klimaschutzpolitik?
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München, Glockenbachviertel, der Endpunkt der Gentrifizierung. Zwei Drittel der am Straßenrand geparkten Autos sind teure Elektroautos. Im Supermarkt gibt es kein Produkt, mit dem man nicht angeblich die Welt rettet. Die Fußgängerampel zeigt als Ampelmännchen schwule Pärchen. Am Straßenrand Wahlplakate der Grünen, der einzigen Partei, die im öffentlichen Raum sichtbar ist. Eines davon zeigt mit einer seltsam altmodisch wirkenden Ästhetik, die an den Beatles-Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ erinnert, eine Idealgesellschaft, wie sie sich die Münchner Grünen anscheinend vorstellen: Menschen aller Hautfarben, Behinderte und Nichtbehinderte, stehen friedlich und glücklich beieinander. Über der Zeichnung der Slogan „Mehr Farbe, weniger Faschos“. Darunter: „Da geht noch mehr.“ Bin ich eigentlich der einzige, den beim Anblick dieses Plakats das Grauen packt? Man fragt sich, was in dieser multikulturellen und inklusiven Idylle wohl aus all den „Faschos“ geworden sein mag. Und was genau bitte ist mit „da geht noch mehr“ gemeint? Eine menschenfeindlichere, totalitärere Botschaft habe ich auf Wahlplakaten noch nicht gesehen.
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Intoleranz im Namen der Toleranz bleibt Intoleranz.







