Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat.

Laut krähend und kichernd breitet sie ihrer Freundin in der Bahn ihr Privatleben aus, so dass der ganze Wagen mithören muss. Er hat sie eingeladen und mit dem Auto abgeholt, ihr die Tür aufgehalten. Zusammen haben sie ferngesehen. Dann hat er sie geküsst, ist riesige Umwege gefahren, um sie nach Hause zu bringen. Am Valentinstag hat er ihr einen wunderschönen Blumenstrauß vor die Tür gelegt. Hoffentlich gibt sie ihm bald den Laufpass. Sonst wird der arme Kerl im Leben nicht mehr glücklich.

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Israel und die Vereinigten Staaten greifen den Iran an. Helle Aufregung in der Redaktion: Live-Schaltung zum Korrespondenten in Washington. Der sagt, er wisse noch nichts Genaues. Es heißt, der Präsident wolle sich im Laufe des späteren Tages äußern. Aktuell sei die Lage völlig unklar. Wechsel zur Korrespondentin in Tel Aviv. Die sagt, sie wisse noch nichts Genaues. Es heißt, der Ministerpräsident wolle sich im Laufe des Tages äußern. Aktuell sei die Lage völlig unklar. Der Fachredakteur des Senders wird zugeschaltet. Wer den Ort kennt, sieht, dass er sich im selben Haus befindet, wie das Studio. Man fragt sich, warum er nicht einfach dorthin geht. Er sagt, er wisse noch nichts Genaues, aktuell sei die Lage völlig unklar. Ein Experte irgendeiner Universität erscheint auf dem Bildschirm, mit imposanter Bücherwand im Hintergrund. Er verkündet, dass er noch nichts Genaues wisse und die Lage aktuell völlig unklar sei. Dann folgt das erste Statement eines Fachpolitikers, den man anscheinend aufgescheucht und der den Computer in der Eile in seiner Küche aufgestellt hat. Er sagt, dass er noch nichts Genaues wisse und die Lage aktuell völlig unklar sei. Stunden später werden noch immer dieselben Äußerungen gesendet. So füllt der Sender den Tag mit nichts und der Zuschauer fühlt sich informiert.

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Es war ein kurzer Dialog, der mich vor ungefähr zwei Jahrzehnten zu dem Entschluss brachte, keine Talkshows mehr im Fernsehen anzuschauen: „Du hast jetzt ja auch eine neue Sendung?“ „Ja, nächsten Donnerstag geht‘s los. Ich habe superinteressante Gäste dort. Du kommst ja auch.“ Als ich das hörte, kam ich zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnt, zuzuschauen, wie sich Moderatoren gegenseitig interviewen, weil sie anscheinend ihresgleichen für die interessantesten Menschen halten. Eine seltsame Befriedigung ziehe ich allerdings daraus, Berichte über Talkshows, besonderes politische Talkshows, nachträglich im Internet zu lesen. Fast immer denke ich bei der Lektüre: Gut, dass ich das nicht gesehen habe.

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Dem CDU-Spitzenkandidaten bei der Baden-Württembergischen Landtagswahl, Manuel Hagel, wird vorgehalten, er habe sich „sexistisch“ geäußert. Sein Gegenkandidat, Cem Özdemir von den Grünen, nimmt ihn mit großherziger Geste in Schutz, nicht allerdings, ohne zu betonen, dass ein solches Verhalten „gar nicht“ gehe. Der Angeklagte kriecht zu Kreuze und verkündet, er bereue sein Verhalten von ganzem Herzen. Was hatte er verbrochen? Er hatte in einem Fernsehinterview vor neun Jahren von den schönen braunen Augen einer Schülerin geschwärmt. Die Geschichte lehrt einen einiges über Heuchelei, Feigheit und die Unanständigkeit des politischen Kampfes. Sie lehrt einen außerdem, dass wir anscheinend wieder in der Prüderie des wilhelminischen Zeitalters angekommen sind. Vor allem aber lehrt sie einen etwas über die erstickende, freudlose Sinnesfeindlichkeit einer Gouvernantengesellschaft.

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Ein prominenter Unternehmer in Baden-Württemberg erklärt, er würde ja gerne die FDP wählen, aber er fürchte, dass angesichts der Schwäche der Partei seine Stimme verloren gehen könnte. Die Argumentation macht keinen Sinn. Seine Stimme kann nur in seinem Sinne zählen, wenn er sie der Partei gibt, die seine Überzeugungen vertritt. Wenn er sie einer anderen Partei gibt, ist sie auf jeden Fall verloren.

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Kürzlich hielt der Vertreter einer süddeutschen Mittelstadt, die zuvor öffentlichkeitswirksam den „Klimanotstand“ ausgerufen hatte, einen Vortrag darüber, welche Maßnahmen die Stadt nun als Konsequenz dieses „Notstandes“ plante. Er berichtete über ein ganzes Bündel von Abgaben und Einschränkungen vor allem für Autofahrer, aber auch für Hausbesitzer. Auf Nachfrage räumte er freimütig ein, dass all diese Maßnahmen keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima hätten. Doch weil die westlichen Länder in den vergangenen Jahrhunderten sehr viel fossile Energie verbraucht hätten und damit der Welt geschadet hätten, seien sie heute moralisch zu diesen Maßnahmen verpflichtet. Mit anderen Worten: Weil die Urgroßväter Dinge getan hatten, die sich im Nachhinein als problematisch erwiesen haben, seien wir heute verpflichtet, offensichtlichen Unsinn zu tun, um diese Schuld wieder abzutragen. Eine solche Argumentation hat mit der Frage, wie man etwas zum Umwelt- oder Klimaschutz beitragen kann, nichts zu tun. Sie ist nur noch mit religiösen Kategorien zu verstehen. Es handelt sich um nichts anderes als um eine Bußpredigt.

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Dann sagte der Vertreter der süddeutschen Mittelstadt noch, man müsse dies alles tun, um für den Rest der Welt ein Vorbild zu sein. Er schaute recht irritiert, als ein Teilnehmer der Veranstaltung leise aber vernehmlich sagte: „Der Rest der Welt lacht sich tot.“

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Focus Online, sonst eine eher wenig erbauliche Informationsquelle, listet dankenswerterweise auf, wie sich der Benzinpreis in Deutschland zusammensetzt: Bei einem Preis von 70 Dollar pro Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent entfallen pro Liter Benzin etwa 44 Cent auf die Kosten der Gewinnung des Rohstoffes. Dazu kommen 50,1 Cent Mineralölsteuer, 15,4 Cent Ökosteuer, 15,7 Cent CO2-Abgabe und 0,3 Cent Erdölbevorratungsabgabe. 44 Cent Rohstoffkosten stehen damit 81,50 Cent Steuern gegenüber. Hinzu kommt, was die Mineralölkonzerne für Raffinerieleistung und Logistik berechnen. Nehmen wir einmal an, es seien 30 Cent. Dann kommt man auf einen Gesamtpreis von 1,56 Euro. Darauf wird dann noch die Mehrwertsteuer von 19 Prozent aufgeschlagen, in diesem Fall 30 Cent. Da der Steueranteil des besteuerten Produktes größer ist als der Anteil, der auf die Kosten seiner Her- und Bereitstellung entfällt, handelt es sich dabei überwiegend um eine auf eine Steuer anfallende Steuersteuer. So kommt dann ein Gesamtpreis von 1.86 Euro pro Liter zustande. Nun las ich, dass die Wirtschaftsministerin prüfen lasse, ob sich jemand auf unanständige Weise an den wegen des Iran-Krieges gestiegenen Ölpreisen bereichere. Mir fällt da sofort jemand ein.