Mein Book of Kells – Folge 27
Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat
„Die Angst, Fehler zu machen, ist die Wiege der Bürokratie und der Feind jeglicher Entwicklung.“ 1976 schrieb der IKEA-Gründer Ingvar Kamprad diesen Satz in ein kurzes Papier, in dem er die Grundsätze seines Unternehmens zusammenfasste. Er konnte nicht ahnen, dass er damit treffsicher den Kern der deutschen Misere in halbes Jahrhundert später beschrieb.
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Fromme Wünsche: Ein Tag, an dem mir nicht Analysen von Marcel Fratzscher präsentiert werden, in denen dieser einfachste ökonomische Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf stellt und dies der Journalist, der darüber berichtet, auch noch für schlau hält. Ein Tag, an dem keine marktschreierische Schlagzeile erscheint, die geringfügige Zufallsschwankungen von Umfragen als „Umfrage-Hammer“ zu verkaufen versucht. Ein Tag, an dem ich nicht lesen muss, dass Markus Lanz wegen irgendeiner Äußerung eines Studiogastes fassungslos gewesen sei. Ein Tag, an dem man mir nicht berichten will, was Ricarda Lang gerade so macht.
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Eine der unerfreulichen Begleiterscheinungen einer Zeit, in der alle mit dem Megaphon zu kommunizieren scheinen, ist, dass die Kunst der subtilen Gemeinheit verloren geht. Gerne denke ich an den großen, meist weit unterschätzten Fernsehjournalisten Robert Lembke zurück, der, mit dicker Hornbrille und grauem Haarkranz sichtlich längst im Rentenalter angekommen, der koketten alternden Diva in seiner Sendung treuherzig gestand, er verehre sie schon seit seiner Kindheit.
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In Goethes „Faust“ findet sich der wunderbare Satz „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Er beschreibt das Prinzip, auf dem viele Starkarrieren deutscher Intellektueller beruhen. Je wirrer und geschraubter die Abhandlungen sind, um so mehr glaubt das Publikum, sie müssten ungeheuer klug sein. Dementsprechend größer werden die Jubelarien in den Feuilletons und damit der Druck auf diejenigen, die dazugehören wollen, nicht zuzugeben, dass sie die konfusen Texte nicht verstehen. Der kürzlich verstorbene Jürgen Habermas war ein Virtuose auf diesem Gebiet. Praktisch niemand ist so selbstbewusst, wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der kürzlich in den Salonkolumnisten freimütig berichtete, dass sich 117 Zentimeter Habermas-Bücher in seinem Regal befänden, von denen er vermutlich nicht einmal 17 Zentimeter verstanden hätte. Der unübertroffene Meister in dieser Hinsicht aber war Niklas Luhmann, dessen Anhänger sich bis heute in einer Sprache unterhalten, die Normalsterblichen außerhalb ihres Kosmos‘ gänzlich verschlossen bleibt. Eines Tages, es ist ungefähr 30 Jahre her, veröffentlichte Luhmann einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er hatte eine überschaubare Länge: Eine Spalte, ich schätze 3.000 bis höchstens 4.000 Zeichen, also etwa doppelt so lang, wie dieser Text. Ich las den Artikel. Dann las ich ihn noch einmal. Dann noch einmal. Dann sagte ich mir, es müsse doch irgendwie möglich sein, herauszufinden, was dort stand. Ich beschloss – ich hatte zufällig Zeit –, diesen Artikel so lange zu lesen, Satz für Satz, notfalls tausendmal, bis ich ihn schließlich wirklich verstanden hatte. Ich brauchte ungefähr vier Stunden dafür. Der Inhalt ließ sich in einem Satz zusammenfassen. Er lautet: „Alles ist relativ.“
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Nicht immer, aber meistens muss man zwei Arten von Design streng voneinander unterscheiden: Das, das Preise gewinnt, und jenes, das Kunden gewinnt.
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In dem großartigen Film „Blues Brothers“ gibt es eine Szene, in der Ray Charles einen etwas windigen Musikinstrumentenhändler spielt, der seinem Kunden anbietet, Gitarrenverstärker, die dieser kurz zuvor gekauft hatte, für 350 Dollar pro Stück zurückzunehmen. Der Kunde reagiert irritiert: „350? Ich habe mehr als 800 bezahlt vor nicht einmal sechs Monaten.“ Antwort: „Aah, Sie wissen ja, die Wertminderung, Mann!“ An diese Szene muss ich seit einigen Jahren oft denken, etwa wenn in der Öffentlichkeit über die Preise von Kaffee, Schokolade oder Benzin diskutiert wird. Immer wieder habe ich Ray Charles (bzw. seinen Synchronsprecher Heinz Petruo) im Ohr: „Aah, Sie wissen ja, die Lieferketten, Mann!“
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Nachdem sich die Evangelische Kirche in jahrzehntelanger intensiver Arbeit als Glaubensgemeinschaft aufgelöst hat und praktisch vollständig in eine gesellschaftlich irrelevante politische Vorfeldorganisation linker Parteien überführt worden ist, bemüht sich nun die Katholische Kirche in Deutschland, diesem glänzenden Vorbild nachzueifern. Ein katholischer Bekannter nannte diesen Vorgang den „suizidalen Weg“.
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In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschäftigen sich Hans Michael Heinig, Christoph Markschies und Stephan Schaede in einem sehr lesenswerten Artikel mit der Frage, wie man in Zeiten rückläufiger Religiosität und rapide sinkender Studentenzahlen künftig mit den Theologischen Fakultäten an den deutschen Universitäten umgehen sollte. Die Probleme mit den wenigen verbliebenen Studienanfängern beschreiben sie polemisch, aber auch unterhaltsam, wie folgt: „Während sich früher die gebildeten Bürgertumskinder nahezu gleichmäßig auf die Gründungsfakultäten verteilten, immatrikulieren sich im Bereich der Theologie immer mehr fromme Menschen, die glauben, eigentlich gar kein Studium zu brauchen, oder aber Menschen ohne alle religiösen Hintergründe, die sich verwundert fragen, wieso Jesus von Nazareth zur Zeit des Kaisers Augustus geboren wurde.“ Man weiß ja, was mit dem letzten Satz gemeint ist, aber ich finde die Frage gar nicht so dumm: Ja, warum eigentlich zur Zeit des Kaisers Augustus und nicht beispielsweise 600 Jahre vorher, während der Babylonischen Gefangenschaft, oder 70 Jahre später, nach der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels? Gründe für einen Erlöser hätte es da allemal gegeben. Warum also just zu diesem Zeitpunkt? Das scheint mir eine keinesfalls banale und auch eine theologisch nicht uninteressante Frage zu sein.







