Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat

Der deutsche Verwaltungsapparat schafft es, die kultiviertesten und besonnensten Menschen in Wutbürger zu verwandeln. Ein Kollege, der ohne jeden Zweifel zu diesem Kreis der kultiviertesten und besonnensten Menschen gehört, berichtet, dass er ein Angebot für eine Bevölkerungsumfrage an eine Behörde geschickt hatte. Als Reaktion darauf bekam er die Aufforderung, zu erklären, wie er die Datenschutzregeln einzuhalten gedächte, ein Anforderungskatalog mit 18 Punkten beigefügt, die jeweils einzeln zu belegen und zu erläutern seien. Ich zitiere aus diesem Dokument: „Maßnahmen der Pseudonymisierung und Verschlüsselung personenbezogener Daten“, „Maßnahmen zur fortdauernden Sicherstellung der Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit und Belastbarkeit der Systeme und Dienste im Zusammenhang mit der Verarbeitung“, „Maßnahmen zur Sicherstellung der Fähigkeit, die Verfügbarkeit der personenbezogenen Daten und den Zugang zu ihnen bei einem physischen oder technischen Zwischenfall rasch wiederherzustellen“, „Verfahren zur regelmäßigen Überprüfung, Bewertung und Evaluierung der Wirksamkeit der technischen und organisatorischen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der Verarbeitung“, „Maßnahmen zur Identifizierung und Autorisierung der Nutzer“, „Maßnahmen zum Schutz der Daten während der Speicherung“, „Maßnahmen zur Gewährleistung der Systemkonfiguration, einschließlich der Standardkonfiguration“, „Maßnahmen zur Zertifizierung/Qualitätssicherung von Prozessen und Produkten“. Das waren jetzt acht Punkte, es gibt noch zehn weitere. Nun fallen bei dieser Umfrage gar keine personenbezogenen Daten an, denn Namen und Kontaktdaten der Befragten werden überhaupt nicht ermittelt. Doch der Kollege klärte mich auf, dass sich die Sachbearbeiterin mit diesem Hinweis nicht zufriedengegeben habe. Er werde ihr nun schreiben, dass sie entweder die die Standardinformationen des Instituts über den Umgang mit personenbezogenen Daten zu akzeptieren habe oder die Umfrage eben nicht zustande komme. Und weiter: „Ich habe besseres zu tun, als Besinnungsaufsätze für eine halbirre Verwaltungsmamsell zu schreiben. Was Nietzsche als den ‚Sklavenaufstand in der Moral‘ beschreibt, findet heute (u.a.) durch den Datenschutz statt: die Unfähigen und Unselbständigen haben einen Weg gefunden, die Produktiven und Selbständigen zu knechten.“

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In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erinnert der Leser Hartmut Ploehn an die Reaktion Stalins, als er erfuhr, dass der Papst ihn kritisierte: „Der Papst? Wie viele Divisionen hat er?“ Ein schönes Dokument der Engstirnigkeit und des Hochmutes von Despoten. Vier Jahrzehnte später kannte man die Antwort: Die Divisionen umfassten damals zusammengenommen etwa 800 Millionen Menschen, und die machten sich nun daran, Stalins Nachfolger zu stürzen.

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Walter Krämer weist mich als Reaktion auf meinen Blogeintrag vom 15 April, in dem ich von der verbreiteten Methode Intellektueller berichtete, durch Unverständlichkeit Eindruck zu schinden, auf eine Bemerkung von Karl Popper zu diesem Thema hin: „Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er seinen Mitmenschen (…), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste (…) ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“ Dieses Zitat gehört gerahmt an die Wand jedes – zumindest jedes sozialwissenschaftlichen – Forschungsinstituts.

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Dazu passt die Geschichte eines Soziologen, der vor Jahren auf einer Tagung, die ich mitorganisiert hatte, einen sehr interessanten Vortrag hielt. Also luden wir ihn nachher ein, einen Beitrag für den Tagungsband zu schreiben. Als ich das Manuskript erhielt, erschrak ich. Es war, ganz anders als der Vortrag, in grotesk aufgeblasener, verquaster Sprache verfasst und deswegen vollkommen unverständlich. Mit dem Mut der Verzweiflung übersetzte ich den Text mühsam vom Soziologischen ins Deutsche. Schließlich zeigte ich dem Autor das Ergebnis. Ich fürchtete, er könnte beleidigt sein, doch er war umgekehrt ganz zerknirscht, dankte mir und bat mich um Entschuldigung: Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass das Buch für Leser geschrieben werden sollte.

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Eine unerfreuliche Zeiterscheinung ist, dass man neuerdings an vielen Orten – Geschäften, Gastwirtschaften – direkt geduzt wird. Bedauernswert, wer deswegen pikiert reagiert, denn es ist ja nicht böse gemeint, im Gegenteil: Es soll wahrscheinlich eine Atmosphäre freundlicher Zwanglosigkeit schaffen. Doch es bleibt ein Befremden, wenn die Bedienung im Gasthaus, die halb so alt ist, wie man selbst, einem fröhlich zuruft: „Was darf’s für Dich sein?“ Vor allem aber geht ein Stück Kultur verloren: Das „Sie“ ist nicht einfach ein alter Zopf, sondern Ausdruck des Respekts vor dem Gegenüber, das ungefragte „Du“ eigentlich eine Unhöflichkeit. Nach alter hanseatischer Sitte siezen sich auch langjährige Freunde, gerade, wenn sie sich gegenseitig besonders wertschätzen. Nun ändert sich das Sprachgefühl ständig, und man sollte nicht zwanghaft an alten Formen festhalten. Doch der Verlust an Differenzierung ist offensichtlich. Und auch junge Leute, denen das „Sie“ verstaubt erscheinen mag, dürften sich abgestoßen fühlen, wenn sie von Menschen, die sie vorher noch nie gesehen haben, ungefragt angekumpelt werden.

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Wie leicht auch minimale Veränderungen des Sprachgefühls zu Missverständnissen und manchmal auch zu unfreiwilliger Komik führen können, zeigt eine kurze Passage in dem lesenswerten Buch „Frühling der Revolution“, in dem der Historiker Christopher Clark sehr ausführlich die Geschichte der Revolutionen der Jahre 1848/49 in Europa nachzeichnet. Er beschreibt darin unter anderem eine Szene, die sich im Frühjahr 1847 in Landsberg an der Warthe zutrug: Ein aufgebrachter Mob plünderte die Kartoffelvorräte eines örtlichen Kaufmanns. Noch während die Plünderung andauerte, schrieb der Bürgermeister einen Brief an die Provinzregierung in Frankfurt an der Oder, in dem es hieß: „Wie es verlautet, beabsichtigen die Aufrührer nach Befriedigung ihres Bedürfnisses nach Rosswiese hinauszuziehen, um hier die dem Louis Boas gehörige Brennerei zu zerstören (…). Vorläufig werden wir versuchen, ob es uns gelingen wird, mithilfe unserer Bürgerschaft das erregte Volk zu beschwichtigen. Gebe uns der Himmel, dass die Spirituslager, auf die man Sturm macht, nicht erbrochen werden.“