15. September 2026

Mein Book of Kells – Folge 30

Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat Wer Reiche aus dem Land treibt, treibt Reichtum aus dem Land. Zurück bleibt Armut. *** Umfragen zeigen, dass weite Teile der Bevölkerung durchaus erkennen, welche Sozialreformen nötig wären, um das Land wieder voranzubringen. Gleichzeitig ist die große Mehrheit aber nicht bereit, diese Reformen zu akzeptieren. Matthias Alexander hat dies kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung so zusammengefasst: „Die Botschaft einer Mehrheit an die Politik lautet: Lasst mich in Ruhe. Und sorgt für ein Wunder oder lasst die anderen bluten.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Kein Wunder, dass sich Politikverdrossenheit

Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat

Wer Reiche aus dem Land treibt, treibt Reichtum aus dem Land. Zurück bleibt Armut.

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Umfragen zeigen, dass weite Teile der Bevölkerung durchaus erkennen, welche Sozialreformen nötig wären, um das Land wieder voranzubringen. Gleichzeitig ist die große Mehrheit aber nicht bereit, diese Reformen zu akzeptieren. Matthias Alexander hat dies kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung so zusammengefasst: „Die Botschaft einer Mehrheit an die Politik lautet: Lasst mich in Ruhe. Und sorgt für ein Wunder oder lasst die anderen bluten.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Kein Wunder, dass sich Politikverdrossenheit breitmacht. Wer von seiner Regierung Unmögliches verlangt, kann nur enttäuscht werden.

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Ein schönes Zitat von Rainer Zitelmann: „Früher galt Neid als eine der sieben Todsünden, doch dann wurde sie umbenannt in ‚soziale Gerechtigkeit‘ und gilt seitdem als Tugend. Wir alle sind zuweilen neidisch. Aber oft wird Neid absichtlich geschürt, etwa um damit Wähler zu ködern. Der Neider schadet am Ende auch sich selbst, denn Neid ist eine destruktive Emotion und – anders als etwa die Todsünden der Wollust oder Völlerei – ausschließlich unangenehm.“

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Großes Misstrauen ist geboten, wenn jemand „unsere Demokratie“ beschwört, denn mit „unsere“ sind in aller Regel nicht alle gemeint, sondern nur das politische Lager desjenigen, der den Begriff verwendet. Dieser steht damit nur scheinbar für Integration. Tatsächlich ist er Ausdruck eines undemokratischen Herrschaftsanspruchs.

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Die FAZ bejubelt einen Neubau in Berlin: Der Baukörper sei „einfach, abstrakt und plastisch. Die Wandelemente aus Weißbeton haben gesäuerte Oberflächen. Das wechselnde Licht- und Schattenspiel auf den vor- und zurückspringenden sowie offenen und geschlossenen Flächen ist reizvoll.“ Es sei ein „komplexes und verdichtetes Gebäude“ das „aber ohne jegliche Verrenkung auskommt und auch nicht auf skulpturale Wirkung schielt.“ Auch das Innere setzt den Autor in Entzücken: Das „Ineinanderübergehen der türlosen Räume“ sorge für ein Gefühl von Großzügigkeit. Es stimme einfach alles. Die Außenaufnahme zeigt einen grauen Kasten, die Innenaufnahme komplett weiße, kahle Wände, Fußboden und Decken. Vielleicht wäre es ein sinnvoller Selbsttest für Feuilleton-Redakteure, vor dem Verfassen solcher Texte zu überlegen, ob sie in einem solchen Haus allen Ernstes gerne wohnen würden.

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Jede Zeit hat ihren eigenen Klang. Mein Vater wuchs in der Hamburger Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Meßbergs auf, der damals, in den 30er und frühen 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, ein riesiger Marktplatz war. Er erzählte einmal, das auffallendste, lauteste Geräusch in jener Zeit sei das ohrenbetäubende Knallen der eisenbeschlagenen Räder der Pferdefuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster gewesen. Der Soundtrack meiner Kindheit ist dagegen das damals allgegenwärtige heisere Schnattern der Volkswagen-Motoren. Wer in der DDR aufgewachsen ist, dürfte ähnlich einprägsame Erinnerungen an das „Räm-bäm-bäm-bäm“ der Trabant- und Wartburg-Zweitakter haben. Heute werden Cafébesuche und Bahnreisen fortwährend akustisch unterlegt von dem unverwechselbaren Poltern herunterfallender Mobiltelefone.

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Auf der Startseite der FAZ im Internet lese ich, ganz oben, als wichtigste Schlagzeilen: „Die verlorene Jugend“, „Ist das Ende vom Lesen nah?“, „Das Spiel mit dem KI-Feuer“ und „Bringt die KI uns alle um?“ Der Leser bekommt den Eindruck, die größte Gefahr für die Zukunft Deutschlands sei die technische Entwicklung. Doch die wesentlich größere Gefahr geht wahrscheinlich von einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Kulturpessimismus aus, der nahezu jegliche Veränderung als Vorboten der Apokalypse auffasst. Man denkt an Franklin D. Roosevelts berühmtes Zitat aus der Rede zu seiner Amtseinführung am 4. März 1933: „The only thing we have to fear is fear itself.“ Das war natürlich übertrieben. Aber es wäre vermutlich viel geholfen, wenn es heute in Deutschland gelänge, zumindest ein wenig von diesem Geist zu erwecken.

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Wenn Schauspieler und Musiker ihr Publikum über Politik belehren, ist das meist ebenso überzeugend, wie wenn Politiker tanzen und singen.

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Ja, der penetrante Diversitäts-Aktivismus in der Medienwelt kann einem schon auf die Nerven gehen. Ich habe auch nicht verstanden, warum die Helena in der – übrigens sehr sehenswerten – neuen Odyssee-Verfilmung unbedingt eine Schwarze, oder warum unter den Ruderern auf Odysseus‘ Schiff ein Asiate sein musste. Doch man kann es mit dem Furor gegen die politische Korrektheit auch übertreiben: Kürzlich las ich, dass gefordert wurde, gleichsam als Gegenentwurf zum aktuellen Film, eine historisch korrekte Odyssee-Verfilmung zu verwirklichen. In bin nun sehr gespannt auf die historisch korrekte Darstellung von Zyklopen, siebenköpfigen Ungeheuern und Hexen, die Seemänner in Schweine verwandeln.

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Ein Autorenblog für alle, die gern streiten und nicht an den Weltuntergang glauben. Die Salonkolumnisten schreiben über Politik und Kultur – klug, pointiert und in vielen Stimmen, die sich oft uneins sind. Verteidiger der offenen Gesellschaft, Gegner jeder Schwarzmalerei.

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