Was sich in meinem Notizbuch angesammelt hat

Schwungvoll begrüßte er die Parteiversammlung mit den Worten „Liebe Delegierte und Delegiertinnen“. Da wird es schwer, denen zu widersprechen, die das Lied von der Verblödung des Volkes singen.

***

Seit drei Jahrzehnten beobachte ich mit Bedauern den steten journalistischen Niedergang des ZDF. In welchem Zustand es sich organisatorisch befindet, habe ich vor ein paar Jahren erlebt, als ich im Sendezentrum in Mainz einen Vortrag hielt. Meine jüngere Tochter war noch recht klein, also beschloss ich, ihr ein Mainzelmännchen mitzubringen. Im Sendezentrum gab es ein kleines Geschäft, wo man es kaufen konnte: Der „schlaue Det“, etwa vier Zentimeter groß, Preis knapp fünf Euro. Die sehr nette Mitarbeiterin, die mich bei meinem Besuch betreute, sagte, ich bräuchte die Figur nicht zu bezahlen, die würde mir das ZDF schenken. Sie teilte der Verkäuferin mit, dass die Kosten auf ihr Redaktionskonto gebucht werden sollten. Die Verkäuferin fand aber die entsprechende Abrechnungsnummer nicht. Nachfrage beim Geschäftsführer, wie man in einem solch komplizierten Fall vorzugehen habe. Der wusste es auch nicht. Nachfrage in der Redaktion, was man nun tun solle, ebenfalls keine brauchbare Antwort. Die Verhandlungen über die Modalitäten der Abwicklung des Vorgangs dauerten mindestens eine halbe Stunde und führten zu keinem Ergebnis. Alle meine Hinweise darauf, dass mich die fünf Euro finanziell nicht überforderten und ich die Figur gerne selbst bezahlen könne, wurden abgewiesen. Sie wollten sie mir schenken, was natürlich sehr nett war, aber allmählich lief die Zeit für meine Rückfahrt davon. Schließlich wurde die Lösung dieses ungeheuer schwierigen Problems vertagt und die Betreuerin bezahlte das Männchen gegen meinen Protest selbst. Ich bezweifle, dass sie ihr Geld je erstattet bekommen hat. Vermutlich verwaltet der Apparat bis heute daran herum.

***

In Erfurt veranstalten linkextremistische Demonstranten eine Hetzjagd auf Journalisten, die ihnen nicht genehm sind, schlagen und treten sie. Einige Veranstalter der Demonstration rechtfertigen das damit, dass es sich bei diesen Journalisten um Faschisten handele. Offensichtlich sind sie der Ansicht, es sei gerechtfertigt, Menschen brutal zusammenzutreten, wenn es nur die richtigen sind. So weit, so erwartbar. Mit Recht empören sich andere Journalisten darüber. Fassungslos macht allerdings ihre Begründung: Die Attacken seien ein Angriff auf die Pressefreiheit gewesen, schließlich seien Journalisten durch das Grundgesetz geschützt. Geht es noch selbstbezogener? Soll das heißen, es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn es keine Journalisten getroffen hätte? Es war vor allem erst einmal ein Angriff auf die Menschenwürde. Auch, wenn es sich viele Journalisten anscheinend nicht vorstellen können: Grundrechte gelten nicht nur für nur für sie, sondern für alle Menschen, auch die ohne Presseausweis.

***

„Es steht weder Ihnen noch mir zu, zu entscheiden, welche Meinungen in einer Demokratie geduldet werden und welche nicht“ sagte ich in der Diskussion nach dem Vortrag. „Doch“ antwortete der Student. Unterschätze niemand das Ausmaß autoritären Denkens an den Universitäten.

***

Vor der Tür von Downing Street No. 10 hielt der neue britische Premierminister eine kurze Ansprache. Er sagte unter anderem: „Wir werden diesen Moment nutzen, um für Großbritannien eine echte Wende herbeizuführen und die umfassendsten Veränderungen der letzten vierzig Jahre auf den Weg zu bringen. Ein neues politisches und ein neues wirtschaftliches Modell. In den 1980er Jahren hat Großbritannien einige falsche Weichenstellungen vorgenommen (…). Wirtschaftliche Macht (wurde) privatisiert und weite Teile des Landes wurden deindustrialisiert – und sie haben sich davon bis heute nicht erholt (…). Deshalb werden wir die Politik verändern (…). Wir schaffen eine neue Wirtschaft, in der wir die lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen wieder stärker unter öffentliche Kontrolle stellen, damit sie für Sie wieder bezahlbar werden.“ Man muss diese Rede als Drohung auffassen. Wer die Ursache der wirtschaftlichen Misere Großbritanniens in den 80er Jahren sucht, hat weder etwas von Wirtschaft begriffen noch versteht er etwas von britischer Geschichte. Wann und wo immer in der Weltgeschichte der Staat versucht hat, die Güterversorgung zentral zu organisieren, endete dies in Mangel, Inflation und Niedergang. Dies war nicht zuletzt in Großbritannien in den 1950er bis 1970er Jahren der Fall, bevor Margaret Thatcher in den 80ern das Ruder herumriss und die Grundlage des Wohlstands schuf, den Andy Burnham nun entschlossen zu sein scheint, zu verspielen. Rette sich wer kann vor denen, die eine „neue Wirtschaft“ versprechen.

***

Vielleicht ist Bonn doch Weimar? Eine Parallele gibt es jedenfalls: Mit großem Eifer zertrampeln die anderen demokratischen Parteien die Liberalen, um sich dann hinterher darüber zu wundern, dass die politische Mitte geschwächt ist.

***

Kürzlich verstarb der Historiker Michael Stürmer. In den Nachrufen wurde darauf verwiesen, dass er die Gefahr, die von Putin ausgeht, unterschätzt habe. Das hat er wohl auch selbst so gesehen, wie mir sein Sohn vor einigen Jahren sagte. Vielleicht hatte Stürmer vergessen, wie er selbst Putin im privaten Kreis Anfang der 2000er Jahre beschrieben hatte: „Unser lieber Freund Wladimir, der immer so ein bisschen nach Hölle riecht“. Schon damals erzählte uns Stürmer von der heute weitbekannten Einstellung Putins, wonach der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte Katastrophe der jüngeren Geschichte sei. Da, sagte Stürmer, zeige sich der wahre Putin. An Erkenntnis hat es ihm also nicht gefehlt, höchstens an der Bereitschaft, die eigene Analyse ernst zu nehmen.