Mein Habermas
Die Nachrufe auf Jürgen Habermas glänzen durch unkritische Bewunderung. Unser Gastautor Ilko-Sascha Kowalczuk ist davon überzeugt, dass Habermas davon wenig begeistert gewesen wäre und hat deshalb auch ein paar kritische Anmerkungen.
Jürgen Habermas wird nie tot sein. Er gehört nun zu jenen Geistesriesen, die weltweit durch die Universitäten und Feuilletons geistern werden und künftig für so ziemlich alles herhalten müssen. Das begann bereits mit den Nachrufen. Unter den Hunderten fand ich nur zwei, die mich berührten. Die Molekularbiologin Hanna Heikenwälder berichtete auf Facebook, wie sie als Nachbarskind neben Habermas am Starnberger See aufwuchs und was er ihr spielerisch mit auf den Weg gab. Ähnlich berührend berichtete die spanische Philosophin Cristina Lafont in der FAZ, wie Habermas sie menschlich erreichte. Es sind oft nicht die großen Bücher oder kleinen Essays, sondern Begegnungen am scheinbaren Rande, die prägen.
Glaubt man all den Nachrufen, so muss Habermas ein außergewöhnlich ungewöhnlicher Mensch gewesen sein, dem offenbar alles gelang und der alle beeindruckte. Mich beeindruckt an den meisten Nachrufen übrigens, wie kaum jemand vergisst zu erwähnen, dass der große Meister in diesem privaten Brief jenes, bei jenem Teegespräch am Starnberger See dieses von sich gab – so viele große Menschen, die den ganz Großen wie selbstverständlich trafen. Jede Begegnung mit Großen macht auch den Kleinsten überragend.
Nun, ich traf Habermas nie. Ich habe ihn so selten live erlebt, dass ich mich nur an eine Liveschalte überhaupt, im Mai 1994, erinnern kann – ich irgendwo im großen Saal, er ganz vorn. Doch dazu später.
Ein gewöhnlicher Mensch. Zum Glück
Was mich an den meisten Nachrufen erstaunt, ist der simple Umstand, dass fast alle ein Grundprinzip von Habermas bereits jetzt gegen ihn drehen: Er steht für den offenen Diskurs in der offenen Gesellschaft ebenso wie seine großen Gegenspieler wie Dahrendorf, Popper oder Bohrer – um nur drei zu nennen. Und doch vermisse ich gerade diese Offenheit, die ja auch Widersprüchlichkeit, Widerrede und Irrtümer einschließt, in fast allen Nachrufen. Da ich Habermas nicht kannte, weiß ich nicht, wie er darauf reagiert hätte. Wäre er wirklich so gewesen, wie er jetzt gezeichnet wird, dann hätte er sich wohl ziemlich geärgert, dass seine kommunikativen Grundprinzipien in den eigenen Nachrufen derart gegen kritiklose Lobhudelei ersetzt worden sind, nur um die Nachrufschreibenden in bestem Licht erscheinen zu lassen. Aber vielleicht gehörte Habermas auch nur zu jenen Freiheitsfreunden, die das große Wort Meinungsfreiheit pflegten, aber mit Widerspruch dann doch nicht umgehen konnten? Von solchen Typen sind die Unis und Parlamente und Zeitungsredaktionen weltweit ja voll. Ich weiß es nicht, weil ich, wie gesagt, Habermas nicht kannte. Was mir einige Exzentriker aus seiner Umgebung in den letzten Jahrzehnten erzählten, lässt jedenfalls die Vermutung zu, dass auch Habermas am Ende nur ein gewöhnlicher Mensch war. Zum Glück.
In fast allen Nachrufen wird der Historikerstreit von 1986/87 erwähnt. Fast nie wird darauf hingewiesen, dass hier keine Historiker miteinander stritten, sondern Intellektuelle, die ausnahmslos keine, ich betone: absolut keine Ahnung vom Kommunismus hatten. Jürgen Habermas hatte die Debatte mit seiner Replik auf Ernst Noltes Essay ausgelöst. Heute kann man sagen, diese Debatte war nötig, um den Nationalsozialismus mit aller Wucht zur geschichtspolitischen Leiterinnerung der Bundesrepublik zu befördern, und sie war schädlich, weil sie mit großer Wucht den Bolschewismus, den Kommunismus sowjetischer Prägung, auf einen historisch nachrangigen Platz verbannte – in Deutschland bis heute sehr erfolgreich.
Aber was war mit 1989?
Das zeigte sich nur wenige Jahre und eine Epoche später, 1997/98, als in Deutschland ein heftiger geschichtspolitischer Deutungskampf um das „Schwarzbuch des Kommunismus“ entbrannte. Wiederum beteiligte sich kaum ein Historiker mit Expertise daran – doch diesmal schwieg Jürgen Habermas, soweit ich mich erinnere. Dieses Schweigen war so laut, dass es schmerzte. Warum?
Habermas gehörte zu jenen bundesdeutschen Linken, die sich als politische Denkende für alles Mögliche verwendeten, nur nicht gegen die Diktatur vor der eigenen Haustür, die SED-Diktatur. 1990 veröffentlichte er zwei große Essays: „Der DM-Nationalismus“ in der ZEIT wenige Tage vor den ersten freien Wahlen in der DDR im März sowie einen ebenfalls in jenen Tagen geschriebenen Text: „Nachholende Revolution und linker Revisionsbedarf. Was heißt Sozialismus heute?“ Dieser längere Beitrag kam in dem Band „Kleine Politische Schriften VII“ bei Suhrkamp und fast zeitgleich im einzigen Buch, das von Habermas je in der DDR herauskam („Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“), bei Reclam Leipzig heraus.
Beide Texte waren ungemein gelehrt, politisch interessant und anregend – und ganz und gar typisch für Überlegungen bundesdeutscher Mainstreamintellektueller. Denn in diesen Texten über „1989“ gab es keinen Kommunismus, keine Diktatur, ja, nicht einmal Gesellschaften im Osten – es gab nur Probleme, die der Westen verursacht und nun zu lösen hatte. Ich weiß noch sehr genau, wie ich Habermas heftig in vielem zustimmte und trotzdem, obwohl ich vieles teilte, die Essays ablehnte, weil der Autor nicht ansatzweise verstand, worum es mit „1989“ eigentlich ging – und mit ihm die bundesdeutsche Öffentlichkeit nicht. Nein, es ging ausnahmsweise mal nicht um Euch, so laut Ihr es auch herausgebrüllt haben mögt. Die meisten haben es bis heute nicht verstanden.
Habermas und die DDR
In der DDR gehörte Habermas zu den Geheimtipps. Das allein schon deswegen, weil seine Bücher sämtlichst in Giftschränken weggeschlossen worden sind und nur mit speziellen Berechtigungsscheinen einige Auserwählte offiziell die Bücher lesen konnten. Ich kann mich nicht erinnern, dass seine Texte im Untergrund zirkulierten oder gar als Samisdat abgeschrieben und verbreitet worden wären. Vermutlich hatte das einen Grund, den kein Habermas-Anhänger gern hört: In meiner Bibliothek stehen aneinandergereiht 117 Zentimeter Habermas-Bücher, hinzu kommen noch mehr Zentimeter an Habermas-Sekundärliteratur. Von den 117 cm habe ich vermutlich nicht einmal 17 cm verstanden. Ich bewundere alle, die mit dieser Sprache, die mit nicht einfach, vornehm umschrieben ist, zurechtkommen. Ich jedenfalls gehöre nicht dazu, so sehr ich mich auch mühe. Einstein jedenfalls schrieb verständlicher. Nun ja, ich glaube, die Schwierigkeit, Habermas lesend überhaupt zu verstehen, machte seine Überlegungen im politischen Untergrund im Ostblock nicht gerade attraktiv oder anschlussfähig. Und doch war er irgendwie präsent. Selbst in den Tagebüchern von Wolf Biermann taucht Habermas als Besucher 1968 auf. Ohne Spuren jedoch.
Das laute Desinteresse von Jürgen Habermas am realen Kommunismus, der ja seine Marx-Lektüren hätte beeinträchtigen können, schlug sich im „Historikerstreit“ 1986/87 oder in der fehlenden teilnehmenden Beobachtung 1989/91 nieder. Er stand damit für den größten Teil der politischen und intellektuellen Klasse der Bundesrepublik, Westeuropas und Nordamerikas – für sie war nur relevant, wenn es um sie selbst ging. Und ging es mal nicht um sie – wie global betrachtet fast immer –, deuteten sie es kurzerhand so um, dass sie wenigstens in ihren Selbstbespiegelungen im Zentrum des Weltgeschehens standen.
Am 4. Mai 1994 nun, ich erwähnte es, erlebte ich Habermas erstmals live, im Plenarsaal des Berliner Reichstags bei einer öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission „SED-Diktatur“ des Deutschen Bundestages. Alle, die dabei waren, werden diese mehrstündige Diskussion zwischen ostdeutschen Bürgerrechtlern wie Rainer Eppelmann, Gerd Poppe, Markus Meckel, Martin Gutzeit, Stephan Hilsberg oder vor allem Jürgen Fuchs einerseits und Habermas, Karl Dietrich Bracher oder Rainer Maria Lepsius andererseits nie vergessen. Es ging um den Bürger, die Bürgergesellschaft und das Erinnern an die Diktaturen. Und ausgerechnet Jürgen Habermas, von dem das niemand erwartet hatte, prägte den wichtigsten Satz an diesem Tag, einen Satz, der die nächsten Jahre alle geschichtspolitischen Debatten prägen sollte, weil er von Habermas kam, nicht weil er neu gewesen wäre: „Heute kann sich zum ersten Mal ein antitotalitärer Konsens bilden.“ Was für eine Sensation – und Habermas hatte den Historikerstreit wie nebenbei auch noch revidiert.
Das Schweigen Habermas‘
Dann kam der Streit um das Schwarzbuch und Habermas schwieg. Er war so eine Instanz geworden, dass sein Schweigen mehr sagte als jeder anderer Debattenbeitrag. Überhaupt wandte er sich anderen Themen zu. Keines davon war irgendwie irrelevant. Er blieb der große Mahner, Deuter, Anreger. Und dann überfiel der Kreml 2014 den Osten der Ukraine und weitete diesen Vernichtungsfeldzug 2022 auf die gesamte Ukraine aus. Wie schon in den 1990er Jahren, als Habermas bei den Kriegen auf dem Balkan versagte und wiederum nur seine Oase Bundesrepublik im Blick hatte, die er ungeachtet der Weltlage eigennützig bewahrt sehen wollte, und sich nicht für die Menschenrechtslage auf dem Balkan zu interessieren schien und sich mit allen sprachlichen Mitteln dagegen zu wehren suchte, dass auch Deutschland für die Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft Verantwortung übernehme, wie schon damals trat nun Habermas auch 2022, 2023 oder 2025 als jemand in Erscheinung, der im hohen Alter die Angst zum Motor seines Denkens gemacht hatte.
Freilich benannte er das nicht so, sondern unterstützte nun Wagenknecht, Schwarzer und andere Kremlpropagandisten, ohne sich selbst zu einem solchen zu machen. Aber er blieb sich treu: Im Weltgeschehen müsse es zuerst um einen selbst, um Deutschland, um Europa gehen. Habermas holte seine alten Methodenwerkzeuge heraus und plädierte für Verhandlungen mit Massenmörder Putin, ohne zu erklären, wie das gehen solle, wenn der gar nicht verhandeln wolle. Habermas fiel auf Putin herein und warnte vor einem Atomkrieg, die eigentliche Waffe Putins aufgreifend: die Angst im Westen. Er fragte weder, wie realistisch das sei noch wie eine Verhandlung aussehen könnte. Doch es kam noch ärger, und auch hier war Habermas nur Mitläufer einer westlichen Mehrheitsstimmung: Mit keinem Wort fragte Habermas, was die Ukraine eigentlich will. Ihm wie anderen in dieser behaglichen Bundesrepublik Großgewordenen ging es nur um die Bedürfnisse und Interessen Moskaus, was zu dem absurden Schluss bei Habermas (und nicht nur bei ihm) führte, man müsse einen Interessenausgleich zwischen Russland und der Ukraine herbeiführen. Das war also die Schlussfolgerung von 1945?
Jürgen Habermas hatte sich selbst ins Abseits geführt, ein Abseits, das in Deutschland Mainstream bedeutet. Es ging nicht mehr um Gesellschaften oder Menschenrechte oder um Gerechtigkeit oder gar einen „herrschaftsfreien Diskurs“, sondern um Staaten und um Ruhe, um die eigene Ruhe, um die friedliche Ruhe im eigenen Haus, für die auch ein Habermas bereit war, alles zu geben, was andere haben. Und so war Habermas einen langen Weg gegangen, der ihn am Ende in der Mitte einer Gesellschaft angekommen sah, die bereit ist, alles, was andere haben, aufzugeben, um zu behalten, was man warum auch immer selbst besitzt. Wer einmal das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert in Deutschland und Westeuropa verstehen möchte, wird an Jürgen Habermas nicht vorbeikommen. Und das ist nicht nur positiv gemeint.
Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und Publizist er lebt und arbeitet in Berlin. Er ist einer der renommiertesten Experten für die Geschichte der DDR und des Kommunismus. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter eine doppelbändige Walter-Ulbricht-Biografie und „Freiheitsschock – Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute“







