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#MeToo? Ich nicht

Auf Facebook und Twitter macht gerade das Hashtag #MeToo die Runde. Der Gedanke dahinter ist, dass Frauen öffentlich bekennen sollen, schon sexuell belästigt worden zu sein. Aber worin liegt dabei der Sinn?

Ich finde die Twitter-Aktion #MeToo [1] albern. Ich frage mich, wieso die betroffenen Frauen ihre Peiniger damals nicht angezeigt haben, sondern stattdessen lieber heute Hashtags setzen. Das schreibe ich auf Facebook, sinngemäß. Kurz darauf ist die Hölle los.

„Das kannst du nicht sagen, das ist sexistisch!“, brüllen mir meine Facebook-Freunde entgegen. Es gäbe zahlreiche Gründe, wieso Frauen nicht den Mut gefunden haben, den Vorfall zur Anzeige zu bringen, steht in den Kommentaren: „So viele, dass das hier den Rahmen nun wirklich sprengen würde!“ Argumente bekomme ich keine. Dann wird mir vorgeworfen, zu wenig „weibliche Solidarität“ zu besitzen. Eine Minute später werde ich auf einer Timeline anonym als jemand, der die „Social-Media-Solidarity gebitched“ hat, beschimpft.

Feministische Neurose

In der Aufregung um #MeToo offenbart sich die Neurose des modernen Feminismus. Anstatt Ursachen zu bekämpfen, benutzt er den Hashtag, um sich in der Opferrolle zu inszenieren und seine linke Systemkritik zu feiern. Und das geschieht – wer hätte es gedacht? – mal wieder durch Sprech- und Denkverbote.

So empörte sich „taz“-Journalistin Sonja Vogel vor ein paar Tagen [2] über die Frage des Schweigens: „Es ist krank, dass wir immer wieder auf die (verpasste) Verantwortung derer kommen, die sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. Deren Wort, denn es steht gegen ein mächtigeres, weniger zählt. Heil raus kommt da keine.“

Das verstehe ich nicht. Wie kann man die Möglichkeit auf Gerechtigkeit zugunsten eines Opferstatus ignorieren? Wie narzisstisch gebärdet sich der Feminismus eigentlich, dass er sich lieber in seiner Machtlosigkeit aalt, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Täter hinter Gitter bringt? Das finde ich krank.

Dabei liegt die Dringlichkeit für eine Ursachenklärung doch auf der Hand. Glaubt man den Berichten der betroffenen Frauen, die gerade im Netz kursieren, schämen sich viele Opfer für den Übergriff oder haben Angst davor, dass ihnen Familie, Polizei und Gericht nicht glauben werden. Häufig beschreiben sie ein Gefühl der Ohnmacht.

Wer hilft den Frauen wirklich?

Ich frage mich, wieso der Feminismus über Quoten und Gender-Sternchen diskutiert, gegen Staat, Gerichte und Machtstrukturen wettert, während vergewaltigte Frauen in Deutschland anscheinend so eingeschüchtert sind, wie eine geschundene Frau in Riad. Wo sind die staatlichen und feministischen Institutionen, die Frauen in solchen Situationen zur Seite stehen? Werden die etwa durch Hashtags generiert?

Auf Facebook fordere ich also eine Sammelklage anstatt #MeToo. Auch hier weiß es eine Facebook-Freundin besser. Grabscher wären nach dem Vorfall schon längst über alle Berge, außerdem würde eine Anzeige gegen Unbekannt nichts bringen.

Sorry, ích kann schon wieder nicht folgen. Geht es den Hashtag-Feministinnen nicht darum, ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt zu schaffen? Selbst, wenn sich die Täter nicht ausfindig machen lassen, ist es doch wichtig, die Männer anzuzeigen. Denn Studien, Präventionsprogramme und staatliche Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt werden eher durch reale Anzeigen gegen Unbekannt begründet, als durch Hashtags von Hollywoodstars und Wut-Feministinnen.

Vielleicht ist es aber auch einfach zu unbequem, den Grabscher aus der Bahn bei der Polizei anzuzeigen, wenn man eigentlich auf dem Weg zum Feiern war.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob sich der Feminismus absichtlich im Netz versteckt, damit er in der Realität nicht stört. Hier kann er anonym bleiben, Ressentiments ausleben und sich zu Hause vor dem Bildschirm empören. Währenddessen grabschen und vergewaltigen die Chauvis im richtigen Leben einfach weiter.

Lesen Sie auch: #Metoo? Ich doch! [3] von Hannes Stein