2020 vor dem Reichstagsgebäude jph

Missbrauch des Widerstands

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Ohne Scham stellen sich Querdenker in die Tradition des Widerstands gegen das NS-Regime. Das ist grässlich, beschämend und verharmlosend.

Wir erinnern uns: Im November vergangenen Jahres bevölkerten an Wochenenden Tausende von Querdenkern die Innenstädte des Landes. Es waren Leute zu sehen, die sich gelbe Sterne an ihre modischen Anoraks hefteten, auf denen »Ungeimpft« oder »Jesund« stand. Dauerempörte »Kämpfer der Freiheit« beanspruchten, Opfer zu sein. Sie fühlten sich vom Staat reglementiert und verfolgt. Dabei hatten sie mit keinerlei staatlicher Repression zu rechnen. Sie entblödeten sich nicht, sich als die wahren Erben, als Kämpfer der Freiheit gegen »Diktatur und Faschismus« auszugeben. Sie skandierten »Nie wieder! und  »Wehret den Anfängen!«. So zog die bunte Querfront-Polonaise, vollends von jeder Rationalität befreit, unter den Rufen von „Wir sind frei, Corona ist vorbei!“ durch die Zentren der Städte. Volksfeste des kollektiven Wahns.  

In Hannover verglich sich eine junge Frau auf einem »Widerstands-Festival« mit der von den Nazis ermordeten Sophie Scholl. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin“, verkündet sie unter dem Beifall der Querdenker-Gemeinde.  Das war sogar der New York Times einen Beitrag wert. Im Artikel hieß es, die Rede der jungen Frau sei das „jüngste Beispiel“ von Anti-Corona-Demonstranten und Verschwörungs-Erzählern, die ihren Protest mit der Unterdrückung und Ermordung der Juden durch die Nazis gleichsetzten. Man fühlte sich in Zeiten zurückversetzt, als sich der nazi-kontaminierte Hitler-Durchschnittsdeutsche gerne selbst als Regime-Gegner und Widerstands-Kämpfer eingestuft sehen wollte. Nun wollten allerlei querdenkende Menschen sich selbst den Status eines Widerstandkämpfers anheften.  Eine bizarre Wahrnehmung der Wirklichkeit. Auf grässliche und beschämende Weise wird der Nationalsozialismus verharmlost.

Bei einer Veranstaltung erinnerte dieser Tage Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in der  Gedenkstätte Berlin-Plötzensee an den Widerstand vom 20. Juli. Vor 77 Jahren hatten der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter versucht, Hitler mit einem Bombenattentat zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Widerstandskämpfer scheiterten und wurden hingerichtet. Der SPD-Politiker  hatte eine wichtige Botschaft: »Der Missbrauch des Widerstands gehört längst zum geschmack- und geschichtslosen Narrativ eines bestimmten politischen Milieus in Deutschland«. 

Nicht allein verschwörungsbewegte Querdenker sind damit gemeint. Spätestens seit dem Einzug in Landesparlamente und den Bundestag hat das Rechts-Milieu eine parlamentarische Bühne und ein öffentlichkeitswirksames Podium, auf dem kalkulierte Tabu-Brüche und gezielte Provokationen – etwa Björn Höckes Gerede von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad«  oder Alexanders Gaulands »Vogelschiss«-Verharmlosung der Nazi-Diktatur – regelmäßig und absichtsvoll erfolgen. Die Verwendung des Begriffes »Widerstand« gehört dabei zum rhetorischen Arsenal: gegen die »Merkel-Diktatur«, gegen die »Lügenpresse«, gegen die »Alt-Parteien«.  

Was geht da vor, wenn sich Ewig-Gestrige und Verblödet-Heutige – beide frei von jeglicher historischer Bildung – als Demokratie-Retter und Widerstands-Kämpfer aufspielen? Historische Demenz, Ignoranz oder böse Absicht? Wohl eine trübe Melange aus allem. Wir sollten den Missbrauch des Widerstand-Begriffs nicht zulassen. Nicht bei geschichtslosen Vergleichen im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, er verbietet sich – aktuell! – auch wenn es etwa um die mutigen Bürger in Belarus oder anderswo geht, die gegen Menschenrechtsverletzung, Wahlfälschung und Korruption trotz Polizeiterror und drohender Verhaftung unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße gehen.




Jahrgang 1950, hat mehr als 90 nationale und internationale Zeitschriften und Zeitschriften entwickelt und relauncht. Darunter Magazine wie Focus, Cicero, chrismon und The European sowie eine Vielzahl natiuonaler und internationaler Tageszeitungen. Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet. Daneben schrieb er zahlreiche Bücher, die bislang in 14 Sprachen übersetzt wurden, zuletzt »Dumme Wut, kluger Zorn« (2018) und »EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen. Eine Abrechnung«. Er ist Beiratsmitglied der Giordano Bruno-Stiftung und einfaches Mitglied bei Amnesty International. Neben der Schreiberei tritt er (mittlerweile nur mehr bei schönem Wetter...) als ambitionierter Rennradfahrer in die Pedale, ist begeisterter Eintracht-Frankfurt-Fan und Pat Metheny-Endlos-Hörer... Helmut Ortner lebt und arbeitet in Frankfurt und Darmstadt.