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Mitten im Mob

Falsche Zitate, erfundene Zusammenhänge und eine Debatte, die mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun hat. Der Umgang mit unserem Text „System Greta“ ist ein Schulbeispiel dafür, warum unsere Debattenkultur vor die Hunde geht.

Am Sonntagnachmittag veröffentlichte unser Autor Dr. Deutsch [1] einen Text [2], der den Umgang von Medien und NGOs mit der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg problematisierte. Dabei sprach er sowohl den Hype um das engagierte Mädchen an als auch den Hass, dem es ausgesetzt ist. Das Stück ist sachlich angelegt, aber es fallen auch harte Urteile. Besonders da, wo es um den Kernvorwurf geht. Er lautet, dass das Mädchen instrumentalisiert werde und dass eine fehlende mediale Auseinandersetzung mit Gretas Thesen dies begünstige. Schon kurz nach der Veröffentlichung um 16.48 Uhr stieg der Traffic bei uns deutlich. Viele Nutzer teilten den Text, viele lobten ihn. Einige Leser kritisierten den Text auch – die meisten davon ohne Schaum vorm Mund, alles in Ordnung also.

Um 21.16 Uhr vertwitterte der Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, einen Hinweis auf seinen kurz zuvor veröffentlichten Text [3] mit dem Titel „Wem gehört die Angst? Zur Verhöhnung von Greta Thunberg“.

Darin stellte er unsere Plattform ins Zentrum der Beispiele für Hetze gegen Greta und unterstellte Dr. Deutsch, bewusst und mit einem Hintergedanken ausgerechnet den Holocaust-Gedenktag für seine Veröffentlichung gewählt zu haben. Man könnte davon sprechen, dass Blume etwas raunte. Doch genau diesen Vorwurf erhob Blume gegen Dr. Deutsch: Bei ihm würde vom „System Greta“ „geraunt“, behauptet Blume, womit er womöglich auch noch auf strukturellen Antisemitismus beim Autor anspielen wollte. Außerdem, so der Religionswissenschaftler, habe unser Autor Thunberg als „Mörderpuppe mit Bund-deutscher-Mädchen-Frisur“ bezeichnet. Hier der ganze Satz von Dr. Deutsch im Original:

„Für die einen ist sie eine Ikone [14], eine Jeanne d‘Arc des Klimas, für die anderen eine lebendig gewordene Chucky die Mörderpuppe mit Bund-deutscher-Mädchen-Frisur [15].“*

Blume unterschlug also nicht nur „Jeanne d‘Arc des Klimas“, sondern auch „für die einen“ wie „für die anderen“ – damit hätte er seiner Anklage allerdings auch selbst die Luft rausgelassen.

Wie Blume überhaupt auf die Idee kam, Dr. Deutsch als Rechtspopulisten vorzuführen, lässt sich rekonstruieren. In der Ursprungsfassung seines Textes heißt es: „Warum aber empörte sich ‚Dr. Deutsch‘ so über den Klimapopulismus, wo er doch die Verhöhnung von Deniz Yücel durch Alice Weidel (AfD) gefeiert hatte?“

Erst nach mehreren Hinweisen auf Twitter hat Blume selbst seinen Text dahingehend geändert, dass Dr. Deutsch Weidel nicht feierte, sondern ihre Verhöhnung „humorvoll genommen hatte“. Richtiger wäre gewesen, zu schreiben, dass in dem Text Alice Weidel verhöhnt wird [16]. Dr. Deutschs Pointe lautete: „Jetzt zu den Fakenews: Alice Weidel ist weder dumm noch fies.“ Zur Begründung seines unvermeidlichen 180-Grad-Schwenks dachte sich Blume unter seinem Text einen Euphemismus aus und behauptete, etwas „präzisiert“ zu haben.

Fehler können passieren. Auch wir haben mittlerweile ordentlich Sternchenkleingedrucktes unter dem Text, weil wir – nach einigen heftigen Reaktionen – Dinge klarstellen wollten. Etwa dass unser Autor eine psychische Erkrankung Greta Thunbergs, die diese selbst auf einer Bühne ansprach [17], selbstverständlich nicht diffamierend erwähnte. Hier der ganze Satz:

„Dass anscheinend niemand im Umfeld von Greta Thunberg sich verhält wie ein verantwortungsvoller Erwachsener, sondern ein offenbar psychisch krankes Kind in seiner Angst bestärkt, ist ein Skandal.“

Es geht um den besonderen Schutz, der nach Ansicht des Autors angezeigt wäre. Da wir kein medizinisches Fachblatt sind und sein wollen, haben wir uns auch nicht auf die Twitter-Diskussion eingelassen, ob es sich um eine Krankheit oder um eine Störung handele. Um dieses Thema ging es ja auch gar nicht. Dr. Deutschs These, dass eine 16-Jährige nicht „der Sehnsucht, der Liebe und dem Hass von Millionen ausgesetzt werden sollte“, gilt unabhängig davon, ob man die bei ihr diagnostizierten Leiden als Krankheit oder Entwicklungsstörung bezeichnet.

Blumes raunender Text war Auslöser eines Shitstorms. Das kann passieren, so ist Social Media (leider) nun mal. Und dass der Religionswissenschaftler bis heute an seinen Vorwürfen festhält ist auch nicht ganz untypisch für Debatten auf Twitter. Geschenkt!

„Übel im Schritt stinkender Pädophiler“

Jedoch geriet im Laufe der Debatte der Inhalt des Textes von Dr. Deutsch komplett in den Hintergrund. Stattdessen tobte eine um sich selbst kreisende Diskussion um ein einziges (falsches) Zitat sowie um den passenden Begriff für Autismus. Zur Erinnerung: Dr. Deutsch hatte Greta Thunberg und ihre Unterstützer nicht für deren Aussehen kritisiert, sondern für ihre Aussagen – und vier Erklärungen geliefert, warum ein Aufruf zur Panik so wenig Widerspruch hervorruft. Eine davon lautete:

„Diejenigen Organisationen, die Greta für ihre Zwecke instrumentalisieren (…) nutzen ihre Botschaft und ersticken Kritik an ihr mit einem moralistischen Totschlagargument: „Typisch für diese fiesen, alten, weißen Männer. Jetzt greifen sie sogar ein so mutiges kleines Mädchen an.“ Es ist das bewährte NGO-System „Bloß nicht sachlich werden“, das mit Greta perfekt funktioniert. Wer will schon ein fieser, alter, weißer Mann sein?“ 

Und exakt dieses Phönomen trat ein. Eine Userin übersetzte die von Dr. Deutsch beschriebene Spannweite zwischen Jeanne d‘Arc und Chucky so: „Für die einen ist Dr. Deutsch ein mittelmäßiger Blogger, der gerne Journalist wäre, für die anderen ein übel im Schritt stinkender Pädophiler.“

Inzwischen wurde der Text immer weiter geteilt und erreichte auch diverse Redaktionen. Und dabei zeigte sich, dass selbst Profis und Autoren, die für professionelle Medien arbeiten, nicht in der Lage sind, sich von der Wut auf Twitter abzugrenzen. Es wäre die Aufgabe von klassischen Medien, von Redaktionen, die Dinge nüchtern zu betrachten und zu beschreiben, statt den dynamischen Wutwahnsinn der Sozialen Medien einfach nur durchzureichen. Jedoch wurde Dr. Deutschs Text hier beim „Zeit“-Ableger „Ze.tt“ [20] als Bestandteil einer „regelrechten Hetzkampagne“ aufgeführt. Auch die „taz“ nahm ihn als Beispiel [21] einer Welle von „Hass und Hetze gegen Greta Thunberg“ durch „den rechten Onlinemob“. 

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es gibt diesen Hass und diese Hetze gegen Greta Thunberg. Und genau das prangert Dr. Deutsch in seinem Text an. Wörtlich:

„Zumal es neben der berechtigten und notwendigen Kritik am System Greta ja wirklich widerliche Hasskommentare von fiesen Männern gibt.“

Kollegen, die gegen den Hass, der sich auf Greta Thunberg richtet, anschreiben, bauen einen Text, der den Hype ebenso wie den Hass Tage vor ihnen bereits problematisiert hat, als Beleg für eben diesen Hass in ihre Texte ein. Das macht uns sprachlos.

Das Krasse an diesen Fehlleistungen ist, dass sie den Falschen nutzen. Medien wie „Zeit“ und „taz“ rückten einen Text und dessen Autor ungerechtfertigt in die rechtspopulistische Ecke. Entsprechend schufen sie in genau dieser Ecke neue Märtyer. Nach dem Motto: Wenn das schon als rechtspopulistische Hetze durchgeht, dann muss der Verdacht von der linken Meinungsdiktatur ja wohl stimmen. Erst in Reaktion auf den falschen Vorwurf wurde der Text von Dr. Deutsch zunehmend von rechts geteilt und bekam den Applaus von der falschen Seite, den er zuvor nicht hatte. Man nennt sowas „Bärendienst“. Ein Bärendienst, der zwar in Teilen bösartiger Engstirnigkeit entsprungen ist, vor allem aber durch oberflächliches, gedankenloses und unsauberes Arbeiten von Profis entstand, die vermutlich nichts Böses im Sinn hatten. So tötet man Debattenkultur.  

Wir haben die Salonkolumnisten vor gut zwei Jahren gegründet, weil uns die Radikalisierung der Gesellschaft, weil uns der immer schärfer werdende Ton öffentlicher Debatten unruhig macht. Und weil wir mit Sorge sehen, dass kaum noch zwischen unterschiedlichen Lagern INNERHALB des demokratischen Spektrums gestritten wird, ohne dass man den jeweils anderen vorwirft, schon lange bei den Radikalen angekommen zu sein.

Der Fall, wie mit „System Greta“ verfahren wurde, ist dafür ein Beispiel. Und leider eines unter vielen.

*Nachdem der von Blume initiierte Shitstorm lief, haben wir, um auch den letzten Zweifel zu beseitigen, eine Änderung an dem nur halb zitierten Satz vorgenommen. Nun lautet er so: „Für die einen ist sie eine Ikone, eine Jeanne d‘Arc des Klimas, andere dämonisieren sie wie eine lebendig gewordene Chucky die Mörderpuppe mit Bund-deutscher-Mädchen-Frisur.“