Wladimir Putin terrorisiert im extremen Winter die Zivilbevölkerung.

Berlin/Kiew – Der russische Drohnen- und Raketenterror auf kritische Infrastruktur wirkt. In der Ukraine haben viele Menschen nur noch drei bis sechs Stunden Strom am Tag. In Kiew sind rund 800.000 Menschen ohne Heizung. Und das bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Neulich war ich während des Stromausfalls in Berlin als Reporter im Einsatz. Das war schon schlimm für etwa 60.000 Hauptstädter, aber wie muss es erst in Kiew sein, wo das jetzt Dauerzustand ist? Um das zu erfahren, bin ich hingefahren.

Olena, eine Frau im Zug von Berlin ins polnische Przemysl, um die 60, besuchte gerade ihre Tochter und ihren Enkel in Berlin, jetzt geht es zurück in die Ukraine. 

Sie sagt: „Ich war in Cherson, als die Russen da Besatzer waren. Es waren grausame Leute. Wir wollen nicht unter russischer Besatzung leben. Wir sind seit 2014 im Krieg und geben nicht auf.“ 

Sie wird jetzt in Lwiw für eine Woche eine Freundin besuchen, ihr Apartment in Kiew hat keinen Strom, keine Heizung. Ihre alte Firma in Cherson, wo sie als Buchhalterin arbeitete, ein Gas-Unternehmen, ist zerstört, sie zeigt Fotos davon auf ihrem Handy. „Die Russen hatten unsere Firma besetzt und beim Rückzug alle Maschinen mit auf die andere Flussseite des Dnepr genommen“, sagt sie. 

Von der Straße gekascht

In Kiew werden derzeit vermehrt wehrfähige Männer von der Straße von Rekrutierern gekascht, um die Lücken an der Front zu stopfen. Sie zuckt mit den Schultern: „Nu, irgendjemand muss uns ja beschützen.“ Westliche Geheimdienste gehen von 100.000 getöteten und 250.000 verstümmelten ukrainischen Soldaten aus, es heißt, um die 200.000 sind nach Fronturlauben nicht mehr zu ihren Einheiten zurückgekehrt. 

Der Nachtzug von Przemysl nach Kiew fährt drei Stunden später ab, da er drei Stunden später einrollt, der Strommangel, die Kälte. Die Leute warten bei minus 8 Grad, manche tanzen zu lautem Ukraine-Techno aus einer tragbaren Box, um sich aufzuwärmen. Polnische Grenzbeamte sind genervt davon. Eine Ukrainerin sagt: „Die Stimmung hat sich gewandelt. Am Anfang des Krieges gab es viel Unterstützung. Jetzt behandeln sie uns wie Menschen zweiter Klasse.“

Sie berichtet von ihrem Freund, der seit zwei Jahren in Deutschland behandelt wird, erst in Süddeutschland, wo man seiner Kriegsverletzungen nicht Herr wurde, jetzt in einem Militärkrankenhaus in Berlin, wo man damit umgehen kann. Er hat bereits 30 Operationen hinter sich.

Zwei Monate nach Kriegsbeginn war sein Panzer getroffen worden, sein Bein hat jetzt kein Knie mehr, ist steif. Es hat aufgrund des langen Rücktransports von der Front schwere Infektionen gegeben, Antibiotika halfen nicht mehr. „Ja, hier ist es kalt“, sagt sie. „Aber dann denke ich an unsere Soldaten, die monatelang in Erdlöchern ausharren. Da will ich mich nicht beschweren.“

Im Schlafwagenabteil fährt Lena mit, die Kosmetikerin lebt in Berlin, aber fährt oft in ihre Heimatstadt zurück, wo ihre kranke Mutter lebt. Sie sagt, fast die ganze Ukraine hätte nur noch drei, vier Stunden Strom am Tag. Auch in Kiew sei es – anders als lange Zeit nach der Vertreibung der Russen Anfang des Krieges – mittlerweile wieder gefährlich.

„Früher waren es 30 bis 40 Drohnen auf einmal, jetzt sind es 400. Und wir haben nicht mehr genug Luftabwehr“, sagt sie. Neulich wurde ihr Auto getroffen, sie konnte nur noch den Schrott verkaufen.

Anderes deutsches Mindset

Sie glaubt nicht, dass Deutschland bereit für so einen Angriff wäre. „Ich kann mir nicht vorstellen, wer da in den Schützengraben gehen würde. Die Deutschen haben ein anderes Mindset“, sagt sie. Dann zeigt sie eine Nachricht von Kiew-Bürgermeister Klitschko, die auf Telegram geteilt wurde: „Die Situation ist hart, aber es kann die nächsten Tage noch schlimmer werden. Bereitet euch vor.“

Sie erzählt, dass manche Freunde sich primitive Öfen aus Backsteinen und Kerzen gebaut hätten. Andere bringen auf ihren Gasherden, wenn die noch funktionieren, Eisen zum Glühen. „Es ist verrückt, wenn man über die Grenze nach Polen kommt, ist da ein ganz normales Leben. Und wir leben auf einmal wie vor 1000 Jahren.“

Ankunft in Kiew, vier Stunden Verspätung, der fehlende Strom, die Kälte. Trotz Empfehlung des Bürgermeisters und Ex-Boxweltmeisters Vitali „Dr. Eisenfaust“ Klitschko, die Stadt zu verlassen, sind die allermeisten geblieben. 

So auch der jüdische Holocaust-Überlebende Boris Zabarko (90). Der alte Mann hat in seinem Sowjetbau bei minus 7 Grad Außentemperatur keinen Strom. Immerhin kann er sich Tee kochen, der Gasanschluss am Herd seiner Wohnung funktioniert noch. Der Historiker, der für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekam, zeigt stolz Fotos mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymir Selenski. Er lernte Deutsch zu Sowjetzeiten, da er mit ostdeutschen Wissenschaftlern zusammenarbeitete. 

„Für uns, die den Holocaust überlebt haben, ist dieser Krieg von Putin eine zweite Katastrophe. Denn wir hatten damals auch keine Wärme. Kein Licht und große Probleme mit Wasser“, sagt er. „Putin will zurück zur Sowjetunion. Er ist ein Diktator. Wir haben den Faschismus überlebt, wir haben eine schreckliche Katastrophe überlebt, den Holocaust – und was Putin sagt, indem er uns beschuldigt, hier den Faschismus zu haben, ist von Anfang bis Ende völlig falsch.“

Dann sagt er: „Der heutige Krieg ist schrecklich. Aber während des Zweiten Weltkrieges blieben die Juden alleine. Sie bekamen keine Hilfe von Regierungen, Parteien, Kirche. Und so weiter. Jetzt ist die Ukraine nicht alleine. Die Ukraine bekommt sehr viel Hilfe von zivilisierten, demokratischen Ländern. Und dafür sage ich im Namen der Menschen, die den Holocaust überlebt haben, großen Dank.“

„Schlafdörfer“ ohne Heizung

Auch seinem Präsidenten Wolodymir Selenski ist er dankbar: „Das ist der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der nicht sein Land verlassen hat im Krieg. Er führt ein Kampf gegen Putin und er macht sehr viel, um Hilfe von Amerika, Großbritannien und der Europäischen Union zu bekommen.“

Ein paar Kilometer weiter lebt die Technikerin Julia (29) in einem grauen Block auf der Ostseite des Dnepr, die besonders betroffen ist, da hier die großen „Schlafdörfer“ genannten Wohngebiete liegen, die über den Fluss hinweg via Hochspannungsleitungen mit Strom aus der Westukraine versorgt werden und so anfällig für russische Angriffe sind. Tagelang hatte auch sie keinen Strom, jetzt sorgt ein aus Südkorea gespendeter Groß-Generator immerhin für Licht. 

Durch dunkelschwarze, eisschrankkalte Treppenhäuser geht es nach oben. Die Heizungen in ihrer Wohnung sind geplatzt, da gefrorenes Wasser die gusseisernen Körper zum Bersten brachte. „Eine Drohne schlug hier in der Nacht vom 19. zum 20. Januar ein, seitdem lebe ich wie in einem Albtraum“, sagt sie. In einem Zimmer, dessen Fenster durch den Einschlag dieser iranisch konstruierten Schahed-Drohne zersprang und das mit einer Spanholzplatte dicht gemacht wurde, hat es minus drei Grad. 

„Hier ist kein Faschismus, wie Putin sagt. Schon so viele Menschen mussten sterben. Es ist sehr traurig“, sagt sie. Ihr Nachbar Oleksander (53) hält seine geliebte Katze mit Wärmflaschen am Leben. „So bleibt das Kätzchen zwei bis drei Stunden lang warm“, sagt er.

Um sich aufzuwärmen und zu arbeiten, geht Julia in ein Wärmezelt, dass jetzt vor dem Plattenbaublock aufgebaut wurde. Da klappt sie dann ihren Laptop auf und versucht ihre Arbeit online zu erledigen. Wie viele Ukrainer und Ukrainerinnen will und muss sie trotz der Umstände irgendwie weiter funktionieren. „Das ist jetzt mein Aushilfsbüro“, sagt sie. Ein Problem sei, dass so viele Arbeitskräfte geflohen, tot, verletzt oder an der Front seien. „Klempner, Monteure, Elektriker, die Leute von der Instandhaltung – keiner von ihnen ist ausgenommen.“

Auch die Schulfreundinnen Maria (86) und Galina (87) sitzen in so einem Zelt. Maria, fluffige Echtfellmütze, wohnt im 9. Stock. Da der Fahrstuhl aufgrund des durch Putin herbeigebombten Stromausfalls nicht funktioniert, muss sie in der Finsternis Treppen laufen. 

Maria erklärt: „Wir sind hergekommen, um uns ein bisschen auszuruhen. Das ganze Bumm-Bumm überall… Hier ist es vielleicht ruhiger, wissen Sie? Und zu Hause wohne ich im neunten Stock. Dort weißt du bei Angriffen nicht, wo du hinschauen oder hinlaufen sollst.“

Sie erzählt über ihr Leben: „Ich habe drei Medaillen, weil ich viel gearbeitet habe. Veteranin der Arbeit, Veteranin der Industrie. Also bin ich heute zu meiner Organisation gegangen. Nun ja, die sind auch arm. Sie haben mir ein paar kleine Heftchen gegeben. Von Heftchen kann man aber nicht satt werden.“

Dann sagt sie wütend: „Die Russen sagen, wir seien Brüder. Sie sind das Schrecklichste… wir wissen nicht, was sie von uns wollen. Sie töten unsere Kinder. Wir wollen ein eigenes Land sein, wie Ungarn, wie Deutschland.“

Kater aus Bucha

Ihre Freundin Galina sagt mit Tränen in den Augen: „Verstehen Sie, ein alter Mensch arbeitet 60 Jahre lang, sein ganzes Leben, und es gibt keine Ruhe. Du gehst nach Hause, um zu schlafen. Du weißt nicht, was dich erwartet. Irgendein Russki wird dir auf den Kopf fallen! Helft uns! Verstehen Sie – die Ukraine ist schutzlos.“

Tatsächlich: Selbst unter Ukrainern, die wie Maria und Galina russischsprachig sind, haben nur noch zwölf Prozent eine positive Einstellung zu Russland. Vor der Vollinvasion 2022 waren es noch 50 Prozent.

Im gleichen Zelt: Ivan (39) und Anna (36). Sie haben ihren kleinen Igor (2) während des Krieges bekommen, versuchen möglichst viel Zeit in den Wärmezelten zu verbringen, da auch in ihrer Wohnung nichts funktioniert. 

Dann gehen sie zurück in ihre kalte, dunkle Wohnung im 11. Stock, der kleine Igor geht einige Treppen selbst, dann nimmt sein großer, kräftiger Vater ihn auf die Schultern. In der Wohnung zünden sie Kerzen an, um Licht und zumindest die Illusion von Wärme zu haben. „Weitere große Attacken werden erwartet. Die Russen wollen Kiew in die Steinzeit zurückversetzen“, sagt Ivan. „Ich habe auf Antidepressiva gewechselt, damit ich keine Angst mehr habe“, sagt Anna. Die kleine Familie hat einen mittlerweile dicken Kater aus Bucha aufgenommen, wo die russischen Besatzer am Anfang des Krieges mordeten. Julia sagt: „Er war so dünn und verängstigt, er hat in unserer Küche am Anfang sogar Lappen gefressen. Und jetzt ist er so ein kleiner Vielfraß.“

Ivan (39) und Anna (36) haben Igor (2) während des Krieges bekommen. Sie haben keinen Strom, keine Heizung, kein Wasser
Ivan (39) und Anna (36) haben Igor (2) während des Krieges bekommen

Genady (83), Chemiker, lebt mit seiner Frau Larissa (82) nebenan. Larissa ist schon völlig verwirrt von der Kälte und der Finsternis, in der Küche stapeln sich Geschirr und Töpfe, da das warme Wasser nicht und das Kalte nur selten funktioniert. 

Genady, der ein paar deutsche Wörter wie „Guten Tag“ kann, sagt: „Ich bin während des 2. Weltkriegs geboren worden. Ich hoffe, ich kann in Friedenszeiten sterben.“ Dann sagt er: „Wissen Sie, die Ukraine ist im Laufe ihrer Geschichte an viele Krisen gewöhnt. Und wir haben schon alles durchgemacht. Wir werden auch das hier durchstehen.“

In der Nacht gibt es wieder Raketen- und Drohnenattacken auf Kiew – während einige russische Unterhändler in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) so tun, als wollten sie um einen Frieden verhandeln. Ein Handyalarm reißt einen aus dem Schlaf. Man hört dann das Surren der im Iran entwickelten Schahed-Mordmaschinen. Das ukrainische Abwehrfeuer. Explosionen, die nach Einschlägen klingen.

Am morgen heißt es in einer ukrainischen Telegramgruppe, dass 396 „Luftangriffsmittel“, 250 davon Schahed, hauptsächlich auf die Region Kiew abgeschossen wurden. Zwei Raketen und 18 Drohnen hätten den Schutzschirm durchschlagen. 

Seit dieser Nacht hat Geologin Marina (68), eine Freundin von Lenas Mutter, nicht nur kein Strom und keine Heizung, sondern auch kein Wasser mehr. Sie trägt kurze graue Haare und einen silbernen Ring und Ohrringe mit dem patriotisch-ukrainischen Dreizack. 2014, bei der Maidan-Revolution, hatte sie ihren Silberschmuck zu ihrem Juwelier gebracht und der schmolz den ein und fertigte ihr diese Stücke.

Lieber in Freiheit mit Kerzen heizen

„Ich will, dass dieser Krieg endlich vorbei ist“, sagt sie. Viele ihrer Freundinnen haben ihre Söhne verloren, die im Kampf fielen, ihre Nachbarin ist Witwe. Der Tod kommt näher.

Da ihr Bürgermeister warnte, hat sie vorher noch Wasser in Plastikflaschen abgefüllt. Um es ein bisschen warm zu haben, erhitzt sie Backsteine auf dem Gasherd, der noch funktioniert und hat sich aus fünf Backsteinen und einer Kerze einen kleinen Ofen gebaut. Außerdem schwört sie auf diese Methode: Ein paar Socken, eine Lage Zeitung und darüber wieder Socken. Ein „Lifehack“, den sie vor Jahrzehnten bei ihrer Arbeit als Geologin im hohen Norden der Sowjetunion lernte.

Im Wohnzimmer webt sie Tarnnetze für die ukrainische Armee. Gerade eines, das aussehen soll wie dreckiger Schnee. Schon 153 Stück hat sie gewoben. 

„Ich wärme mich lieber an diesen Ziegelsteinen in Freiheit, anstatt in einem Konzentrationslager mit Zentralheizung zu leben“, sagt sie und meint damit das Leben unter russischer Knute. 

Und zu Russland hat sie nichts Gutes mehr zu sagen: „Russlands Geschichte – das ist entweder Iwan der Schreckliche, Putin oder Stalin. Wissen Sie, ich bin dagegen zu sagen, dass Russland ein faschistisches Land ist, denn Faschismus ist ein vorübergehendes politisches System. Aber Russland ist über seine gesamte Geschichte hinweg eine Horde. Es ist ein toter Ast der menschlichen Entwicklung. Eine Horde von unzivilisierten Wilden und Barbaren. Sie existieren … schauen Sie sich einfach die gesamte Geschichte an. Wo auch immer sie leben, haben sie alles weggefressen, ausgehöhlt, alles aufgebraucht – und dann ziehen sie in ein neues Gebiet weiter. Sie hinterlassen nichts. Man kann zum Beispiel Finnland und Karelien vergleichen. Was sie den Finnen weggenommen haben – und was sie daraus gemacht haben. Vergleichen Sie Sachalin und Japan – hundert Kilometer voneinander entfernt. Sie erschaffen nichts – überhaupt nichts. Es ist also einfach nur eine Horde.“

Es ist jetzt draußen minus 10 Grad. Der Kiew zerteilende Dnepr ist zugefroren, einige Männer und Frauen haben Löcher in das 25 Zentimeter dicke Eis gebohrt und fischen. So auch Olexii (61), der, wenn er nicht auf dem Eis ist, für die deutsche Firma Bizerba Schneidmaschinen baut. Er angelt seit Stunden mit bloßen, jetzt roten Händen und hat einen kleinen Stint gefangen, den er salzen will. Und so schlägt er dem kriegstreibenden Diktator Putin, der gerade wieder Drohnen nach Kiew geschickt hat, wie ein aus der Stadt hinüberwehender Alarm anzeigt, eine kleine Schnippe. „Wenn ich von hier nach Hause komme, ist mir da auch ohne Heizung warm“, sagt er. 

Am nächsten Tag besuchen wir den Ex-Amateuerboxer Anatoli (64), der mit seiner Frau in einem Plattenbau lebt, der im November von einer von der Luftverteidigung zuvor abgeschossenen Rakete getroffen wurde. Die Rakete stürzte ab, prallte auf den Boden vor dem Haus auf und die zerberstenden Teile landeten auch in der Fensterfront von Anatoli. Er zeigt, wo ein Schrapnell sich seinen Weg durch Fenster und Möbel sprengte. 

Die neuen Fenster für den Balkon stehen immer noch im Wohnzimmer, da der Mann, der sie einbauen sollte, gerade von der Armee von der Straße wegrekrutiert wurde. 

Anatoli erzählt, wie er anfangs an der extrem verlustreichen Verteidigung von Marjinka, einem Vorort von Donezk, beteiligt war. Erst 2023 zogen ukrainische Soldaten von da ab, als keine Wand mehr stand.

Alles dunkel – Reporter in Kiew
Alles dunkel – Reporter in Kiew

Irgendwie weiter machen

Anatoli heizt die Wohnung, indem er einen dicken Metallblock auf den Gasherd gelegt hat und den von unten mit Flammen bezüngelt. Er sagt: „Wissen Sie, uns Ukrainer kann man im Grunde nicht brechen. Ich war 2014 auf dem Maidan. Ich war auch da, als die Vollinvasion begann. Nun ja, sie haben mich diesmal nicht genommen. Aber 2014, nach dem Maidan, wollte ich in den Krieg ziehen – damals hat mich das Rekrutierungsbüro aufgenommen. Ich ging als Freiwilliger und landete in der 14. Luftlandebrigade. Das war eine Brigade, die auf Basis der 51. gebildet wurde, nachdem diese umstrukturiert worden war. Die 14. wurde speziell dafür aufgestellt, den Feind zu stoppen. Ich habe fünf Ausbildungskurse durchlaufen: Desna, Riwne und… in der Westukraine. Am Ende haben sie uns direkt nach Marjinka geworfen. Es war die absolute Hölle. Letztendlich habe ich jetzt zwei künstliche Hüftgelenke und kann nicht mehr wirklich viel machen. Ich habe Metall – Metallgelenke. Aber so leben wir eben: Wir ziehen Kinder groß, wir machen weiter. Und uns zu brechen, wird nicht einfach sein. Ganz und gar nicht.“

Unten in Anatolis Haus betreibt Tetyana (42) einen Schönheitssalon. Sie hat mehrere Medaillen gewonnen als die beste Nagelmacherin der Ukraine, Urkunden hängen an den Wänden. Und sie versucht, ihr Geschäft am Laufen zu halten, während ihr Mann an der Front ist. 

Aber das sei sehr schwer, sagt sie, als sie einer jungen Hotel-Rezeptionistin die Nägel mit einer elektrischen Maschine schleift, der Strom dafür kommt aus einem Akku: „Hier drin gibt es keine Heizung – wir heizen mit Strom. Wenn der Strom abgeschaltet wird, haben wir hier drin gerade mal 2 Grad. Die Kunden sitzen dann manchmal dick eingepackt hier, auch die Damen. Man hat noch gewisse Reserven und den Glauben daran, dass es besser wird. Aber ob es wirklich besser wird – ich weiß es nicht. Ich kann sagen, dass mittlerweile bei jedem etwa 80 Prozent dieses Glaubens verschwunden sind. Also arbeiten wir, solange wir können, aber es reicht immer nur für heute – und was morgen ist, wird man dann sehen.“

Auf dem Weg zurück nach Przemysl, im Nachtzug, fährt auch Vladi, ein etwa 50-jähriger Geschäftsmann, mit im Abteil. Er arbeitet für eine amerikanische Firma, die Elektronikteile in der Ukraine herstellte, bis russische Raketen die Fabrik nahe der rumänischen Grenze in Transkarpatien zerstörten. Es heißt, die ukrainische Wirtschaft liegt so gut wie brach. Ohne ausländische Geldhilfen wäre der Staat am Ende.

Vor Vladis Tür schlug in der vorvergangenen Nacht eine Russen-Rakete in eine Schokoladen-Fabrik ein. Sie gehört zum „Roshen“-Konzern des ukrainischen Milliardärs Petro Poroshenko, der den ukrainischen Widerstand gegen die Invasion unterstützt. 

„Vielleicht sollte das eine Warnung an ihn sein“, sagt Vladi. Er redet von „Wegwerfagenten“, Alkoholikern und Junkies, die Russland für kleine Geldbeträge Informationen über Ziele verschaffen. „Die Alkoholiker werden mit Bargeld bezahlt. Die höher gestellten Quellen mit Kryptowährung, damit man es nicht verfolgen kann“, sagt er.

Da er für die amerikanische Firma arbeitet, die auch in Polen produziert, hat er eine Art Passierschein und darf das Land, obwohl er noch unter 60 Jahren und damit im wehrfähigen Alter ist, für ein paar Wochen verlassen, um sich in Polen um die Produktion zu kümmern.

Er wundert sich über Russland. „Ich bin Geschäftsmann“, sagt er. „Wenn wir etwas voraussagen, gilt es als großer Fehler, wenn wir um 15 Prozent falsch liegen. Putin hat gesagt, er würde Kiew in drei Tagen erobern. Da lag er mehr als 15 Prozent falsch.“

Passagierzug getroffen

Ähnlich sieht er es mit Donald Trumps Wahlversprechen, den Ukraine-Russland-Krieg innerhalb von 24 Stunden beizulegen. „Diese 24 Stunden sind schon oft vergangen.“ Er hat Hoffnung auf bessere Zeiten, aber sieht finstere Tage kommen, sollte es Russland gelingen, die Ukraine zu unterwerfen. „Sie haben mehr Geld, sie haben mehr Waffen, sie haben mehr Leute. Sie werden, wie sie das im Donbass getan haben, junge Männer zwingen, Waffen aufzunehmen und für Russland zu kämpfen. Ukrainische zwangsrekrutierte Einheiten könnten dann Polen angreifen.“

Als ich wieder in Berlin bin, schickt mir ein Kollege einen „X“-Post. Eine russische Schahed-Drohne hat bei Charkiw erstmals direkt einen Passagierzug getroffen, vier Tote. Mit genau so einem Zug war ich unterwegs, fühlte mich recht sicher in dem gemütlichen Schlafwagen, da es immer hieß, das sei noch eine rote Linie, sogar für Putin. Der russische Terror eskaliert weiter. 

Diese Reportage erschien zuerst in kürzerer Form bei BILD.