Hierbei handelt es sich nicht um die deutsche Nationalhymne. Bild: Gemeinfrei

Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

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Oder: „Auf, ihr Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit“

Man muss kein Feminist sein, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit gut und richtig zu finden. Doch man muss wohl eine Beton-Feministin sein, um Dichtung genderneutral umschreiben zu wollen. Die Gleichstellungsbeauftragte des Frauenministerium, Kristin Rose-Möhring, hatte gerade die irritierende Idee, die Nationalhymne genderkorrekt zu säubern. Was kümmert sie Hoffmann von Fallersleben und seine Poesie, ihr Gleichstellungsherz stört sich nun mal an „Vaterland“. So sollte aus „Deutschland einig Vaterland“ „Deutschland einig Heimatland“ werden und aus „brüderlich mit Herz und Hand“ „couragiert mit Herz und Hand“. Kein Wunder, dass bei solcher Prosa ministerielle Rundbriefe ungelesen im Papierkorb landen.

„Nich’ mal nich’ ignorieren“, sagt der Hamburger. Und so ließ die Kanzlerin denn wissen, dass sie sehr zufrieden mit der Nationalhymne sei, wie wir sie kennen, und Annegret Kramp-Karrenbauer hält auch nichts von der „Verbesserung“ des Originals. Der Sprecher des Familienministeriums trat nach und verkündete, die Forderung von Kristin Rose-Möhring sei „der persönliche Beitrag der Gleichstellungsbeauftragten“. Also ab in die Ablage.

Vielleicht sollten alle Gleichstellungsbeauftragten sich doch lieber mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit beschäftigen und die Sprache in Dichtung und Amtsblatt Sprachkundigen überlassen, die für Lesbarkeit und Übersichtlichkeit sorgen. Leider haben wir keine Académie française, die stets gegen die geschlechterneutrale Sprache gewettert und sie gar als „tödliche Gefahr“ für das Französische beschrieben hat. Seit November ist in Frankreich die „geschlechtergerechte Sprache“ für die Verwaltung abgeschafft. In der Direktive heißt es: “Das Maskuline ist eine neutrale Form, die auch benutzt werden darf, wenn Frauen betroffen sind.“ Voilà!

Verloren in der Symbolpolitik

Ein Antragsteller ist ein Antragsteller, ob er männlich, weiblich, kindlich oder alles dazwischen ist. Ein Kontoinhaber soll froh sein, dass er eines hat, statt auf Sternchen mit Kometenschweif und Binnen-I- zu beharren und zu mehr Tinte- und vor allem Zeitverbrauch beizutragen.

Hier geht es vor allem um die Macht über das Wort – wie in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, wo Humpty-Dumpty doziert: „Wenn ich ein Wort benutze, hat es just die Bedeutung, die ich ihm gebe – nicht mehr und nicht weniger …Die Frage ist: Wer soll Herr darüber sein? – das ist alles.“

Das Sternchen, Binnen-I und „Liebe Mitbürgerinnen und Bürger“ hat bis jetzt kein Jota daran geändert, dass Frauen weniger Lohn oder Führungspositionen kriegen. Es ist ein Ersatzgefecht, das ablenkt vom eigentlichen Schlachtfeld, wo es um Chancen und Aufstieg geht.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com