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Neue Hynme?

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„Einigkeit und Recht und Freiheit“ ist nicht westdeutsch, sondern deutsch.

Gerade feiern wir 70 Jahre Grundgesetz, zu Recht. Solange hat noch keine deutsche Verfassung gehalten seit Bismarck und Wilhelm I. Überhaupt lassen sich die Verfassungen Europas nicht mehr zählen. Zu viele wurden, zerrissen, zertrampelt, verbrannt. Da kommt ein ostdeutscher (der in Westdeutschland aufgewachsen ist) Politiker daher und will uns weismachen, dass die Ossis mit der Nationalhymne Probleme haben. Er mahnt an, dass nach 1989 und dem Fall der Mauer über eine neue Hymne hätte gesprochen werden müssen. Warum eigentlich nur über die Hymne? Die armen Ostdeutschen verloren mit der Vereinigung nicht nur „Auferstanden aus Ruinen“, sondern auch den geliebten FDGB, die FDJ, die SED, die GST – das ist die Gesellschaft für Sport und Technik, wo schon sehr junge Jungs mit Kriegsgerät vertraut gemacht wurden, auch die Betriebskampfgruppen hätten manche vielleicht gern behalten. Im Gegenzug für derlei Abenteuer kriegten sie so langweilige bürgerliche Dinge wie Redefreiheit, eine freie Presse, die Wahl- und Reisefreiheit, 1:1-Umtausch ihrer Sparbücher, den Soli, renovierte Städte und Straßen und als Zugabe  auch das „Lied der Deutschen“.

Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen, notierte: „Viele Ostdeutsche singen die Hymne nicht mit, und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten.“ Nun, so manche Westdeutsche singen die Hymne vielleicht auch nicht mit. Man erinnert sich an Fußballer der Nationalmannschaft, die die Lippen geschlossen halten oder Olympiasieger, die vor lauter Überdrehtheit weder singen noch stramm stehen, andere Westdeutsche haben den Text vielleicht vergessen, können nicht singen oder mögen Hymnen ganz einfach nicht. Doch sind das Gründe die Nationalhymne mal kurz auszuwechseln? Schwarze amerikanische Olympioniken haben ihre behandschuhte Faust einst aus Protest beim Abspielen der amerikanischen Hymne in den Himmel gereckt, statt sie, wie üblich, aufs Herz zu legen, das hat jedoch niemanden auf die Idee gebracht die amerikanische Hymne zu ändern. 

Seit der Weimarer Republik, genau seit Reichspräsident Ebert am 11. August 1922 das Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben zur Nationalhymne erklärte, ist es mit Ausnahme weniger Jahre bis heute Nationalhymne geblieben. Auch unter den  Nationalsozialisten, die insbesondere die erste Strophe „Deutschland. Deutschland über alles“ kriegerisch in alle Welt posaunten. So vergiftet, wurde das Lied von den Alliierten zwischen 1945-1952 verboten. Dann machte Präsident Heuss das „Hoffmann-Haydn’sche Lied“ erneut, allerdings nur die dritte Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“, zur deutschen Nationalhymne. So viel Kontinuität sollte nicht leichtfertig der nörgelnden Befindlichkeit einer Minderheit geopfert werden. 

Stockholm-Syndrom

Die Hymne ist wie die Fahne ein einigendes Band, ein Symbol. So wenig wir über schwarz-rot-gold abstimmen, das übrigens wie der Text des Deutschlandliedes aus den Befreiungskriegen stammt, so sollten wir auch tunlichst die Hymne mit ihrer Haydn Melodie lassen wie sie ist. Sie ist mitnichten westdeutsch, sondern einfach nur deutsch. Wie oft ertönt so eine Hymne, wie oft hat man Gelegenheit, mitzusingen oder sich gekränkt zu fühlen? Recht selten. Mag sein, dass viele Ostdeutsche, die ihre Johannes R. Becher Hymne andauernd singen mussten, vermissen, dass diese Nationalhymne nicht mit Fahnenappellen auf Schulhöfen und Roten Plätzen einhergeht. Mag sein, dass viele Ostdeutsche sich einfach nur beklagen wollen, dass man ihnen ihre Identität geraubt habe. Hinter diesem Reflex der Glorifizierung des Vorwendealltags vermutete Marianne Birthler schon vor Jahren eine Art  Stockholm-Syndrom. 

Hymnen haben merkwürdige Texte, blutrünstig wie die Marseillaise sind nicht alle. Aber unzeitgemäß in der Sprache viele. „Gott lasse sie siegreich, glücklich und ruhmreich sein, auf dass sie lange über uns herrsche“, singen die Engländer. Nun, jedermann weiß, dass nicht die Queen, sondern das Parlament herrscht, muss deswegen eine neue Hymne für das Vereinigte Königreich  her? 

Gewöhnt euch dran, möchte man den Nörglern zurufen. Fast hundert Jahre mit derselben Hymne sind nicht zu verachten und Haydn ist immer gut. Wer nicht mitsingen will, kann sich dabei einfach das Kaiserquartett vorstellen. Wem das nicht reicht, der soll bei seinem Heimatsender anrufen und um das Abspielen der jeweils regionalen Hymne bitten. Auf Bayern3 kann man nach Sendeschluss die Bayernhymne hören. Es lebe der Föderalismus. Gott schützt dann nicht nur das Land der Bayern, sondern auch das der Thüringer, Sachsen, Hessen, Mecklenburger, Pommern…und keiner muss mehr  Identitätsprobleme haben. 




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.