Das Zentrum der Hamburger Universität: Von-Melle-Park mit dem Philosophenturm. Pauli-Pirat Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Oxford in Bahrenfeld

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Der Hamburger Uni-Präsident erträumt sich wissenschaftliche Weltklasse.

Die Hamburger Universität ist eine typische Großstadtuniversität mit mehr als 40 000 Studenten und wenig herausragenden Abteilungen. Das ordentliche Mittelmaß teilt sie mit vielen Hochschulen. Das scheint in Hamburg meist niemanden zu stören. Die Elphie, der Hafen und die Elbe sind allemal wichtiger. Schon zur Gründung der Universität musste man die Stadt vor hundert Jahren eher tragen. „Studieren kann man auch woanders“, war das heimliche Motto der Pfeffersäcke.

Der Universität wurden über Jahre die Mittel so gekürzt, dass vor ein paar Jahren sich drei namhafte Politiker unter Führung des in Hamburg hoch angesehenen Klaus von Dohnanyi ihre Sorge um die Zweitklassigkeit der Uni zum Ausdruck brachten. Damals im Jahre 2015 fand Uni-Präsident Dieter Lenzen alles ok. „So viel Aufbruch war nie“, war seine Antwort. Von Harvard wollte er nicht einmal träumen, weil die das zwanzigfache an Finanzierung für die Hälfte der Studenten zur Verfügung hätten.

Doch nun, keine vier Jahre später, traut sich Lenzen von Oxford zu träumen, der Uni, die in manchen internationalen Rankings auf Platz eins auftaucht und auf eine mehr als 800jährige Geschichte zurückblickt. Und wie und wo soll das geschehen? Nicht auf dem Zentralcampus „Von-Melle-Park“, einem ungeliebten, verlotterten Areal, das mit viel zertrampeltem Rasen, Beton, Mülltonnen und mit Plakaten und Bannern verunzierten Mauern auffällt.

Nicht aufholen, sondern überholen

Wie immer, wenn Hamburg der wissenschaftlichen Zweitklassigkeit entfliehen will, muss das DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) herhalten, eine seit Jahrzehnten renomierte Forschungsinstitution in der Helmholtz-Gemeinschaft, die in dem westlichen Vorort Bahrenfeld seit 1959 beheimatet ist. Dort soll nun auf 125 Hektar eine Science City um das DESY herum Gestalt annehmen, dort soll in viel Grün in den kommenden Jahrzehnten in Lenzens Worten ein „neues deutsches Oxford“ entstehen. Der neue Forschungscampus werde „naturwissenschaftliche Forschung auf Weltklasseniveau“ machen, projiziert der Präsident in die ferne Zukunft. Der Bürgermeister Tschentscher beschwört einen Standort „für kluge Köpfe aus der ganzen Welt“ und die grüne Wissenschaftsministerin Katharina Fegebank schwärmt: „Mit der Science City werden wir nicht nur aufholen, wir werden überholen.“ Nobelpreise scheinen schon eingepreist, Nobelpreisträger sollen in diesen Tagen bereits in Hamburg anklopfen, um in der Hansestadt, nein, in der Science City arbeiten zu dürfen.

So abgehoben klingen Hamburger Politiker selten. Sie scheinen die Bodenhaftung angesichts der bunten Zukunftsvisionen rund um den Altonaer Volkspark verloren zu haben. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing phantasiert den Volkspark in einen Art Central Park von Hamburg um, dabei liegt Oxford ja nicht in New York, sondern an der Themse und Bahrenfeld ist auch nicht Manhattan.

Ohne Moos nichts los

Die „Zukunftsvision 2040“, wie der Senat die bunten Pläne nennt, ist genau das – eine Vision oder auch Träumerei. Es gibt weder einen Zeit- noch einen Kostenplan. Das Projekt sei eher für die nächsten Generationen gedacht, heißt es dann leicht abwiegelnd. In der Tat müsste Hamburg mal richtig Geld in die Hand nehmen, um als Wissenschaftsstandort ernst genommen zu werden. Einen Campus mit MINT-Konzentration in Bahrenfeld zu bauen, ist grundsätzlich vernünftig. Ihn allerdings mit Wohnungsbau von 2500 Einheiten zu vermischen ist es nicht. Das funktioniert meistens nicht und reicht eh nie aus.

Als großzügiger Förderer der Wissenschaft hat sich die Stadt nie hervorgetan. Mit einer Elite/Exzellenz-Vision entflieht man nicht der Durchschnittlichkeit seiner angestammten Universität. Wo bleiben die Uni, die Fachhochschulen, die Harburger TU in diesem Konzept? Wie werden sie vernetzt werden mit der Vision von Bahrenfeld? Hamburg war immer eher geizig mit seiner Universität. Zukunftsvisionen sind wohlfeil. Erst nach dem ersten Spatenstich wird es Ernst. Eine Elite-Hochschule entsteht nicht am Reißbrett. Oxbridge, Harvard, MIT oder Stanford geben da gern Auskunft. Zuallererst aber müssen die Visionäre bereit sein, einen Haufen Geld einzusetzen und realistischere Einschätzungen von sich zu geben.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.