Das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Montecruz Foto/CC BY-SA 2.0

Party des Wahnsinns

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Im Berliner Kino „Babylon“ haben sich Verschwörungstheoretiker und Israel-Hasser zum munteren Stelldichein verabredet. Kultursenator Lederer zeigt sich zwar entsetzt, hinterfragt aber nicht die öffentliche Förderung für das Kino.

Die TV-Serie „Babylon Berlin“ ist gerade als teuerstes deutsches Serienprojekt in aller Munde. Kritiker loben die 16 Episoden, die den Glanz und den Zerfall Berlins in den 20er Jahren porträtieren, als „nie da gewesen“; die „erste deutsche Serie für die ganze Welt.“ Doch während die Filmstadt Berlin derzeit Champions League spielt, bolzt das gleichnamige Kino „Babylon Berlin“ in der Kreisklasse.

Am 14. Dezember soll im Filmhaus am Rosa-Luxemburg-Platz der „5. Kölner Karlspreis für engagierte Literatur und Publizistik“ verliehen werden. Klingt hochtrabend, ist es aber nicht. Die Auszeichnung wird nämlich von der „Neuen Rheinischen Zeitung“ verliehen, einer Onlinezeitung, in der die Terrororganisation Hamas bisweilen als „Befreiuungsorganisation“ gelobt, Israel als Apartheidsstaat diffamiert und ansonsten viel über Zinssystem und Rothschild schwadroniert wird.

Festveranstaltung von Aluhüten

So wundert es dann auch nicht, dass ausgerechnet Ken Jebsen, der als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) im Jahr 2011 wegen der Unterschreitung journalistischer Standards rausgeflogen war, als Preisträger geehrt werden soll. Bereits während seiner Zeit beim Jugendsender „Fritz“ fiel der Moderator mit kruden Verschwörungsphantasien auf. So schrieb er in einer Mail an einen Hörer, in der es unter anderem hieß: „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat.“

Seit seinem Rausschmiss, der nur nach großem öffentlichen Druck vollzogen wurde, machte Jebsen mit einer Handvoll Gleichgesinnter mit seinem Radio- und Youtubeprogramm „Ken FM“ im Netz weiter und avancierte mit Auftritten bei den „Mahnwachen für den Frieden“ zur Führungsfigur einer seltsamen Querfront aus rechten und linken Verschwörungsideologen, die er durch seine Attacken auf Israel und die USA begeisterte.

Da passt es dann auch, dass sich die Band „Die Bandbreite“ um das musikalische Rahmenprogramm kümmern soll. Die Verschwörungsmusikanten werden von der NPD hofiert und machten zuletzt Wahlkampf für die bei Verschwörungstheoretikern beliebte Kleinpartei „Deutsche Mitte“.

Auch der britische Jazzmusiker und Polit-Aktivist, Gilad Atzmonn, wird erwartet. Die jüdische Sicherheitsorganisation „Community Security Trust“ aus London stufte sein jüngstes Manifest als „zutiefst antisemitisch“ ein. „Die jüdische Macht, sei die stärkste und effektivste Macht in den USA und darüber hinaus“, gab der Musiker bekannt und spricht ferner von „kultureller Manipulierung durch die Juden“. Unterstützung findet die Veranstaltung wohl deshalb ebenso von der islamistischen Plattform „Muslim Markt“, die in der Vergangenheit vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

Probleme der Berliner Kulturszene

Es ist nicht das erste Mal, dass Verschwörungsideologen wie Jebsen im Kino Babylon protegiert werden. So fand im Februar dieses Jahres die Filmpremiere von „Zensur – die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien“ im Kino Babylon statt – ein Film, der von Ken Jebsen offensiv beworben wurde. Auch die frühere Pegida-Aktivistin Kathrin Oertel soll bei einer Podiumsveranstaltung im Jahr 2015  zu Gast gewesen sein.

Dies alles könnte man geflissentlich ignorieren, würde das „Kino Babylon“ nicht eine Kultureinrichtung sein, die mit öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Seit 2014 bekam das Filmhaus fast 1,5 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr wurden der „Neuen Babylon Berlin GmbH“ allein 361.580 Euro vom Land Berlin ausgezahlt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die die Berliner Kulturszene derartige Negativschlagzeilen macht. Im April 2016 veröffentlichte die Berliner Zeitung in ihrem Berlin-Aufmacher brisante Recherchen über eine Flüchtlingsinitiative mit Verbindungen zur terroristischen Hisbollah. Der Skandal: Das Theaterprojekt stand kurz davor, vom Berliner Senat 100.000 Euro Fördergeld zu bekommen. Die Geschichte sorgte deutschlandweit für Aufsehen. Auch Kulturministerin Monika Grütters (CDU) musste die Nominierung der Flüchtlingshelfer für einen Kulturpreis zurückziehen.

Konsequenzen

Der Skandal ums „Babylon“ platzt mitten rein in eine öffentliche Debatte um Auftritte antisemitischer und israelfeindlicher Gruppen in öffentlichen Räumen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), gab in einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Zentralrat der Juden bekannt, dass er sich persönlich dafür einsetzen werde, dass „Gruppen oder Veranstalter, die die anti-israelische BDS-Bewegung unterstützen, ähnlich wie in Frankfurt/Main und München keine städtischen Räume oder Zuschüsse mehr bekommen“.

Der Berliner Kultursenator, Klaus Lederer (Die Linke), der parteiübergreifend für sein Engagement gegen Antisemitismus und Israelhass geschätzt wird, nahm sich auf Facebook die Kinoleitung zur Brust . „Ich bin entsetzt, dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet. Vom Geschäftsführer des Kinos Babylon würde ich mir angesichts dessen die Courage wünschen, zu sagen: Als Plattform für diesen Wahnsinn stehen wir nicht zur Verfügung.“

Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen der Skandal um das Kino Babylon nach sich ziehen wird. Höchstwahrscheinlich lässt sich die Veranstaltung aus vertragsrechtlichen Gründen nicht einfach so absagen. Ein bloßes „Weiter so“ darf es aber nicht geben. Kulturschaffende sollten stärker diskutieren, wie Antisemitismus in der eigenen Szene zurückgedrängt werden kann. Und auch die Politik könnte nachhelfen und ihre eigenen Förderrichtlinien hinterfragen.

Wie wäre es beispielsweise mit der Einführung einer Klausel, die Kulturschaffende vor die einfache Wahl stellt: Wollt ihr öffentliches Geld, dann darf es keine Bühne für Antisemiten und Israelhasser geben. Wollt ihr Antisemiten und Israelhassern dennoch eine Bühne geben, weil ihr die „Freiheit der Kunst“ hochhalten wollt, dann eben ohne öffentliche Unterstützung.

 


Nachtrag: Mittlerweile ist die Festveranstaltung mit Aluhüten wohl abgesagt worden, wie die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa auf Twitter bekannt gab: 




Fabian Weißbarth ist Politikwissenschaftler aus Berlin, koordiniert in einer Nichtregierungsorganisation die Kommunikations- und Kampagnenarbeit gegen Antisemitismus und Extremismus. Spielt wahnsinnig schlechten Fußball in der Kreisklasse. Sozialdemokrat in keiner Schublade.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com