29. September 2026

Peter Thiel und der Antichrist

Peter Thiel ist weder der Künder einer postdemokratischen Tech-Diktatur noch der originelle Kritiker einer allzu verwalteten Welt. Er ist ein von der eigenen Sterblichkeit zutiefst verängstigter Mann, der in Science-Fiction-Träumen der 1950er Jahre den Ausweg aus seiner existenziellen Sinn-Krise sucht.
KI-generiert von Gemini nach Prompts von A.P.

Der Unternehmer Peter Thiel wird von vielen Linken als finsteren Ideologen einer postdemokratischen Ära perhorresziert, von manchen Rechten als disruptiven und originellen Denker gefeiert. Beide irren. Sein Denken ist unoriginell und viel zu selbstzentriert, um von Bedeutung zu sein.

Im folgenden beziehe ich mich hauptsächlich auf das Interview, das Ross Douthat für die New York Times im Juli 2025 mit Peter Thiel geführt hat:

https://www.nytimes.com/2025/07/11/podcasts/interesting-times-a-mind-bending-conversation-with-peter-thiel.html

Thiels Gedanken kreisen um drei miteinander verbundene Probleme: Die Verlangsamung des technischen Fortschritts; die Angst vor dem Tod; und eine aus beiden abgeleitete eigenwillige christliche Häresie, die in der Regelung des technischen Fortschritts eine Manifestation des Antichristen erblickt.

Sag mir, wo die Raumschiffe sind

Eins also nach dem anderen: Wie manche anderen Silicon-Valley Unternehmer – und wie ich – ist Thiel mit den Science-Fiction-Träumen der 1950er und 1960er Jahre groß geworden. Thiel ist zwar erst 1967 geboren, lebt aber in der Gedankenwelt von Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, Philip K. Dick, Robert Heinlein usw., die ich um 1960 ebenfalls als Pubertierender verschlang, bevor die Beatles mir wichtiger wurden als Kolonien auf den Jupitermonden.

Damals konnte ein Kind erwarten, so sagten es nicht nur jene Sci-Fi-Autoren, sondern ganz seriöse Wissenschaftler, als Erwachsener in einem Haus mit einem eigenen Mini-AKW zu leben, ein fliegendes Auto und ein paar Robotersklaven zu besitzen und Ferien auf dem Mond oder dem Mars machen zu können. Von diesen Träumen ist nicht nur Thiel beseelt, sondern auch etwa Elon Musk, und man muss Musk zugutehalten, dass er nicht nur mit Teslas selbstfahrenden Elektro-Autos, sondern auch und vor allem mit Space-X – im Gegensatz zu Thiel mit PayPal und Palantir – einiges dazu getan hat, diese fast schon vergessenen Träume wieder zu beleben.

Es gibt viele Gründe, weshalb sich die naiven – im Rückblick naiven – Träume der Fortschrittsoptimisten nicht verwirklicht oder viel später verwirklicht haben, als man damals dachte: allen voran die Alterung der westlichen Gesellschaften, aber auch der vorübergehende Bedeutungsverlust des technischen Wettbewerbs mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion; die Liberalisierung der Kapitalmärkte und die Erfindung des Internets, die mathematische und technische Begabungen zu Investmentfirmen und Softwareunternehmen eher als zu Forschungslaboren zog; der Kampf der Kulturen, der die Energien des Westens in Mini-Kriegen gegen den militanten Islam band; die Berichte des Club of Rome und ein zunehmendes Bewusstsein für die Endlichkeit von Ressourcen und die Fragilität des Planeten.

Für Thiel aber schnurrt alles zusammen auf das Jahr 1969: hier die Mondlandung am 20.Juli, dort die Heerschau der Hippies auf dem Schlammfeld von Woodstock einen Monat später. Und für Thiel steht fest: „Die Hippies haben gewonnen“. Es ist diese eindimensionale und manichäische Sicht auf die Geschichte, die Thiel – dazu kommen wir gleich – anfällig macht für quasi-religiöse und apokalyptische Geschichtsdeutungen.

Knockin‘ on Heaven’s Door

Jedoch hat Thiels Fortschrittssehnsucht auch einen tiefen, sehr persönlichen Grund: eine panische Angst vor dem eigenen Tod. Schon in den 1990er Jahren beschäftigte er sich mit Kryonik, dem Versprechen, jetzt lebende Menschen so lange einzufrieren, bis die Wissenschaft der Spezies ewiges Leben garantieren könne. Thiel kommt im Interview immer wieder darauf zurück, dass die Medizin nicht einmal eine Prävention für Alzheimer und Demenz entwickelt hat, geschweige denn für den Tod. Für die Pläne vieler seiner Silicon-Valley-Zeitgenossen, ihre Seele oder doch den Inhalt ihres Gehirns auf potenziell unsterbliche Computerchips hochzuladen oder gleich ins Internet als Bits und Bytes, hat Thiel wenig übrig: „Ich will meinen Körper behalten“, sagt er, aber sein Körper verfällt ja jetzt schon – er wird in zwei Jahren sechzig sein – , und die Unsterblichkeit ist so weit entfernt wie eh und je.

Statt sich aber mit den Denkern auseinanderzusetzen, die den Tod zum Ausgangspunkt ihrer Philosophie gemacht haben, vom Prediger Salomo über Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger bis hin zu Irvin D. Yalom, flieht Thiel in einen Traum entfesselter Technik, die binnen weniger Jahre eine Medizin gegen seine Existenzangst entwickeln könnte, ihn von einem sterblichen in ein unsterbliches Wesen verwandeln könnte. Seine Wut gegen die Überregulierung des Kapitalismus, die an Nietzsches Wut gegen die „letzten Menschen“ erinnert, hat ihre tiefste Ursache in diesem Gefühl, dass ihm die Zeit davonfliegt.

Deus ex machina

Es ist also kein Wunder, dass sich Thiel der Religion zuwendet, vor allem der Apokalypse des Johannes im sogenannten Neuen Testament. Thiel deutet die Versprechen einer Auferstehung eines verwandelten Leibs in der christlichen Bibel als Prophezeiung eines durch die Technik garantierten postmortalen Zeitalters. Der Garten Eden wird durch die entfesselte Wissenschaft wiederhergestellt, die hier also die Funktion des biblischen Messias übernimmt, der mit seiner An- oder Wiederkunft den Tod überwindet.

Ist dem aber so, muss jeder Versuch, die Wissenschaft – genauer: die angewandte Wissenschaft – zu fesseln, wie das Handeln des Antichristen erscheinen. Am schlimmsten wäre es also, wenn dieser Antichrist als Weltregierung im Interesse der Schonung von Ressourcen und der Vermeidung eines – etwa durch KI oder Atombomben verursachten – Armageddon der technischen Entwicklung Grenzen setzt. Das heißt in Thiels Weltbild, dem Menschen im Namen der Menschlichkeit dem Tod, der Negierung des Menschlichen, auszuliefern.

Nun ist Thiel nicht der erste reiche und mächtige Mann, dessen Denken und Handeln zunehmend vom Widerspruch zwischen seinem unermesslichen Reichtum und seinem beschränkten materiellen Dasein beherrscht wurde. Die Pyramiden zeugen schon davon. Orson Welles setzte dem Typus mit „Citizen Kane“ ein filmisches Denkmal. Die schon erwähnten Beatles besangen im Geburtsjahr Peter Thiels jene traurigen Menschen, „who gain the world and lose their souls“ – George Harrison zitiert hier Jesus von Nazareth nach Matthäus 16:26: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Was auch immer die Bibel ist,eins ist sie nicht: eine Prophezeiung über die Überwindung des Todes durch die Technik. Mit Adam und Eva sind, so die christliche Theologie, die Sünde und der Tod in die Welt gekommen; mit seinem Tod hat Jesus zwar die Sünde der Menschen gesühnt und dadurch die Möglichkeit ewigen Lebens für alle eröffnet, die an ihn glauben und in diesem Glauben sterben. Doch ist die Wiederauferstehung im Fleisch ein Werk Gottes, nicht der Menschen, und die Vorstellung, die entsprechenden Bibelpassagen bezögen sich auf Firmen, die an einer Unsterblichkeitsmedizin und der Besiedlung des Universums arbeiteten, eine blasphemische Häresie von der Art, die in der Bibel – etwa beim Bau des Turms von Babel – Gottes Zorn erregt.

Was nun das Auftreten des Antichristen angeht, so sind die dunklen Worte des Johannes in den letzten 2000 Jahren oft gedeutet worden und im 20. Jahrhundert auf Juden, Nazis und Kommunisten bezogen worden. Aber sie wie Peter Thiel auf eine hypothetische globale Überregulierungsbehörde anzuwenden, das hieße das Konzept des Antichristen doch allzu stark zu verniedlichen.

Ma kann sagen, dass die Bibel eine Anleitung zum guten Tod ist. Sie ist nicht ein Handbuch für die ängstliche Vermeidung der biologischen Endlichkeit.

Und man kann sagen, dass Peter Thiel ein unterhaltsamer Denker ist. Originell ist er nicht. Und viel zu selbstzentriert, um gefährlich zu sein.

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