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Plakate des Grauens

„Ist das ein Nazi?“, fragt meine Frau verdattert und deutet auf ein Wahlplakat. Nein, das ist der freundliche Herr von der SPD, der da von der Laterne lächelt, ganz sicher nicht – das kann ich bezeugen. Aber als Reaktion auf einen flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel kann ich die Frage nachvollziehen. Klar, auch im Sozialismus gibt es die Tradition einer reduzierten Gestaltung in Schwarz, Weiß und Rot, und im [1] [2]Spiegel“ [1] sieht man darin daher die Flagge des Kaiserreichs als „zarte Erinnerung an die lange Geschichte der Sozialdemokratie“. Aber wer weder Geschichte studiert hat noch sich in seiner Freizeit intensiv mit den Design-Traditionen der Wahl-Werbung in Kommunismus und Sozialdemokratie beschäftigt, der könnte sich durch diese Farben und Formen wohl auch an die Plakate der NSDAP erinnert fühlen, die garantiert jeder aus dem Schulgeschichtsbuch kennt. Und Namen wie Hubertus Heil auf einigen der Plakate tragen nicht unbedingt dazu bei, diesen Eindruck zu entkräften…

Bei der MLPD ist man über die 1930er Jahre nicht hinausgekommen. Fotos: Johannes Kaufmann

Ähnlich geschichtsbezogen zeigt sich die MLPD. Sprüche wie „Für die Befreiung der Frau“ (bezieht sich das auf Afghanistan?), „Nur noch Krisen, eine Lösung: Sozialismus!“ oder „Nur noch Krisen, eine Ursache: Kapitalismus!“, vor allem aber der Klassiker „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ belegen, dass man sich hier noch immer in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wähnt. Gibt es eigentlich noch Arbeiter in Deutschland, die sich selbst als Proletarier bezeichnen würden? Bei den VW-Werkern hier in der Region habe ich da zumindest meine Zweifel.

Zugegeben, sich als Kolumnist über Wahlplakate lustig zu machen, ist eine ziemlich billige Übung. Wie tiefgründig kann ein Satz aus wenigen Worten auf einem Plakat schon sein? Aber wenn es einem doch so leicht gemacht wird: „Damit die Richtung stimmt“, steht auf einem Poster nicht weit von meinem Haus. Toll, nur welche Richtung soll das sein? Für die Inhalte welcher Partei steht das? Oder ist es womöglich doch nur Werbung für ein Navigationsgerät (oder die Telekom)?

Die Grünen im Kampf gegen die Grammatik.

Bei den Grünen steht in modernem Design: „Rassismus gehört ausgegrenzt. Sonst niemand.“ Nicht einmal die deutsche Grammatik, die sich bei der Erklärung des Rassismus zur Person in Schmerzen windet. Auch auf die Zeichensetzung hat man es abgesehen: „Gemeinsam. Mutig. Grün.“ Da wollte ein Kandidat für die Wahl zum Oberbürgermeister in Braunschweig nicht nachstehen: „Braunschweig. Besser. Machen.“ Aber. Warum. Diese. Punkte. Zwischen. Den. Wörtern? Derselbe Herr grüßt „aus Braunschweig, für Braunschweig“ (als wäre das relevant) gleich mit einer Handvoll Slogans. Darunter das schöne „Gestalten statt verwalten“. Doch nachdem sich die Freude über den Reim gelegt hat, bleibt nur eine leere Phrase zurück. Ich hätte da noch ein paar ähnliche Vorschläge: „Nicht kleckern, sondern klotzen“, „Hauptsache gesund“ oder „flach spielen, hoch gewinnen“. Überhaupt hat der Fußball einige Weisheiten zu bieten: „Ball und Gegner laufen lassen“ und „Köpfe hochkrempeln“ (Lukas Podolski).

Die Bürgerinitiative Braunschweig (BIBS) wiederum bekennt sich mutig zu ihrer gestalterischen Ideenlosigkeit. Ihre Plakate beschränken sich auf Fotos der Kandidaten mit Schildern in den Händen – auf die der Praktikant mit den krassen Photoshop-Skills wechselnde Sprüche montiert hat. Immerhin, „Politik muss transparenter werden“ ist wenigstens eine klare Aussage. Wobei „Für eine lebenswerte Stadt ohne atomare Gefahren“ ein bisschen an manche doppelt dämliche Kampagnen gegen „Gen-Pflanzen“ erinnert. Nicht nur, weil genfreie Pflanzen ein Ding der Unmöglichkeit sind, sondern auch weil in Deutschland nirgendwo gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden. Auch „atomare Gefahren“ wird es immer geben – Radon, Uran und kosmische Strahlung sind nun einmal Teil unserer natürlichen Umwelt.

Den Vogel abgeschossen hat aber die FDP. „Nie war mehr zu tun“, heißt es auf einigen Plakaten. Wirklich, liebe FDP, nie? Nicht einmal 1945, als Unterkünfte für 80.000 ausgebombte Braunschweiger organisiert werden mussten? Und überhaupt, gibt es nicht immer unglaublich viel zu tun? Meint nicht jede Generation, dass sie vor beispiellosen Herausforderungen steht? Aber wer weiß, vielleicht ist die FDP 1972 in Braunschweig ja mal mit dem Slogan „Hoffentlich wird‘s im Rathaus nicht langweilig“ in einen erfolgreichen Wahlkampf gestartet.

Ein echtes Plakat des Grauens stammt übrigens von der Partei „Die Rechte“. Aber dieser Schund verdient hier keine nähere Betrachtung.