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Pose für einen Aufstand

Warum die Wut ein schlechter Ratgeber ist: Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat eine Kolumne geschrieben, in der die Gewalt mehr ist als eine theoretische Option.

Knüppel und Baseballschläger seien eindeutig besser. So erklärt es Woody Allen einer illustren Partygesellschaft in seinem Film „Manhattan“. Zuvor hatte ein Gesprächspartner darauf hingewiesen, dass er eine brillante Satire gegen Nazis gelesen habe. Aber Allen glaubt nicht an satirische Mittel gegen Nazis. Er bevorzugt Gewalt. Nur, so wird jedem Filmzuschauer gleich deutlich, würde man sich eine Person, wie die von Allen dargestellte, nicht erfolgreich im Straßenkampf mit stiernackigen Nazis vorstellen können. Allen treibt selbst seinen satirischen Schabernack mit dem wortstarken, aber folgenlosen Partydiskurs der Kulturschickeria. Aber es ist eine bittere Satire, denn tatsächlich hilft gegen hasserfüllte Fanatiker keine Satire in der New York Times oder der ZEIT (die kurze Filmszene aus „Manhattan“ ist hier [1] zu sehen).

Womit wir bei Sibylle Berg wären. Die Autorin hat in ihrer jüngsten Kolumne auf Spiegelonline [2] dem Sinn aller Gespräche über und mit den Rechten eine Absage erteilt. Ihr ist das Reden zu öde, sie will stattdessen sein wie der Schwarze Block bzw. die Antifa. Für Berg ist die Zeit der zivilen Auseinandersetzung vorbei, weil der Neoliberalismus, das System, der Staat irgendwie alle unter einer Decke stecken und der „Menschlichkeit“ zuwider arbeiten. Was wiederum den Nazis in die Hände spiele. Das ist in liberalen Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland, den Niederlanden, Schweden usw. zumindest eine starke These, die vielleicht von der Verzweiflung über die politische Unübersichtlichkeit herrührt – aber Verzweiflung kann keine Entschuldigung für mangelnde Analyse sein. Die Veränderung unseres Bewusstseins und unserer Weltwahrnehmung wird in den pluralistischen, freien Gesellschaften nicht nur durch das ökonomische Sein, sondern genauso durch die Ideen aus Uni-Seminaren, Kabarettsendungen und gutdotierten Kolumnen beispielsweise geprägt.

DIE SCHRIFTSTELLERIN MIT SCHLAGRING?

Wer auf seine Worte nicht achtet, wird die Macht der Worte verlieren. Wie muss ich mir das also nun vorstellen, liebe Frau Berg? Die Schriftstellerin mit Hasskappe, Schlagring und züngelndem Molli vor Gaulands Haus? Was soll das? Wo soll das enden? Sind das die typischen prärevolutionären, antibürgerlichen Träume des linken Salons mit seinen weichen Sesseln, Lachs-Kanapees und alkoholbefeuerten Doom-Diskursen, die zu fortgeschrittener Stunde „Schlagt die Faschisten, wo Ihr sie trefft“ grölen? Ist das der Bürgerkrieg, der von rechts prophezeit wird und von links nun ersehnt?

Diese Art Texte wie der von Sibylle Berg sind nicht mutig, sondern mutlos. Sie entstammen eine Hashtag-Kultur, die Mut vorgaukelt, aber nur der Wut ein Ventil gibt und kurz Entlastung verschafft. Stattdessen kommen wir nicht daran vorbei, uns echten Mut anzueignen und die Bereitschaft zur Mühe: Mut in der direkten Auseinandersetzung und Mühen beim Erhalt und beim Aufbau von Gutem, Schönem, Dauerhaften. Was ich damit meine? Wir müssen alle unsere Ohnmachts- und Angstgefühle überwinden und unstatthafte Zudringlichkeiten und die Herabwürdigung von Menschen entschieden und unmittelbar zurückweisen. Die verzagte Hinnahme solcher Unbilligkeiten setzt sich letztlich als akzeptabel fest in der Gesellschaft und deformiert sie. Und wir sollten uns den Mühen unterziehen und in demokratischen Parteien mitarbeiten oder in Bürgerinitiativen, die etwas verbessern wollen. Der Erfolg kommt immer, wenn auch nur in kleinen Schritten.

Es gibt keinen Grund, die rechte Gewalt und die Unternehmungen für eine völkische Bewegung in Deutschland zu bagatellisieren oder zu unterschätzen. Aber unsere Gesellschaft und der liberale Rechtsstaat sind nicht über Nacht zu Monstern geworden, und auch die kommende Regierung wird unser Vertrauen verdienen können. Das enthebt uns alle nicht von Anstrengungen und Engagement für dieses Land und die Freiheit und die Zivilisation. Linke Posen helfen dabei gar nicht.