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Post für Hajo

Wenn gestandene Männer erwachsene Frauen als Mädchen bezeichnen, dann kann man das auch ohne Netzfeminismus oder Emma-Abo doof finden. Ein offener Brief an Dr. Hajo Schumacher.

Lieber, sehr geehrter Dr. Hajo Schumacher,

Männer mögen keine hysterischen Frauen, und gerade die Männer Ihrer Generation haben ein ganz spezielles Problem mit zeternden Wut-Weibern, die sich immer und überall beleidigt und benachteiligt fühlen. Ich weiß das, und ich verspreche Ihnen, dass ich nicht zu diesem Kreis gehöre.

Und damit es für Sie auch nicht zu anstrengend wird, fasse ich mich außerdem möglichst kurz: Ich finde, dass Sie mit Ihrer aktuellen Kolumne über Ihre gemeinsame Zugfahrt mit einem „Beratermädchen“ [1] so richtig ins Klo gegriffen haben. Und ich glaube, dass ich da für sehr viele Frauen spreche.

Sie finden es unterhaltsam und relevant genug für eine Kolumne, dass Sie im selben Zugabteil saßen wie eine Berufsanfängerin in der Beratungsbranche, die, wie so unendlich viele ihrer Zunft, zu laut telefonierte und in diesem Gespräch auch sicher sehr viel dummes Zeug erzählte.

Jeder, der sich gelegentlich in einem ICE, in einer Flughafen-Lounge oder auch nur in einem Aufzug aufhält, kennt diesen Typus Mensch, das unsägliche Marketing- und Beratergequatsche, die Angeberei und diese gnadenlose Blödheit, mit der Interna und selbst vertrauliche Informationen herausposaunt werden, als ob der öffentliche Raum diese Indiskretionen einfach schlucken, aufsaugen, ungeschehen machen würde.

Unprofessionell und lästig

Wenn ich neben solchen Leuten sitzen muss, dann nervt mich das auch. Ich finde ein solches Verhalten in höchstem Maße unprofessionell und lästig und frage mich immer, ob die Arbeitgeber eigentlich wissen, was für ein schlechtes Bild ihre Mitarbeiter in der Öffentlichkeit abgeben. Trefflich ließe sich hingegen darüber streiten, ob es nicht doch eher die Männer sind, die durch dieses peinliche Gegockel am Telefon auffallen. In meiner Wahrnehmung ist das so. In den Zügen auf den üblichen Business-Strecken und in den Flughafen-Lounges sitzen eigentlich immer deutlich mehr Männer als Frauen. Aber sei’s drum.

Vielleicht haben Sie sich diese junge Dame also herausgepickt, weil es so ungewöhnlich ist, dass eine Frau auch mal tut, was sonst vor allem Männer tun. Vielleicht hat sie damit Ihr Interesse geweckt, weil das für Sie ein von der Norm abweichendes Verhalten ist. Mit dieser Einschätzung liegen Sie allerdings falsch. Frauen sind heute immerhin so gleichberechtigt, dass sie sich auch im öffentlichen Raum gelegentlich genauso bescheuert benehmen wie Männer. In dieser ganz konkreten Situation mag das unangenehm gewesen sein, insgesamt ist das aber dennoch ein bedeutender gesellschaftlicher Fortschritt.

Dass Sie im Zusammenhang mit dieser jungen Frau von einem „Beratermädchen“ sprechen, sagt für meine Begriffe deutlich mehr über Sie aus als über das Objekt Ihrer Beobachtung. Wer eine erwachsene Frau auf die Stufe eines Kindes stellt, wertet sie damit ab – ein Mädchen braucht man nicht ernst nehmen, es ist ja noch nicht mal voll geschäftsfähig und muss außerdem allerspätestens um Mitternacht zu Hause sein.

Klischee-Klamottenkiste

Ich kann verstehen, dass Sie das unbedarfte Gerede dieser Berufsanfängerin irgendwie ein bißchen belächeln müssen. Es ist in der Tat allerliebst, wenn sich jemand noch über eine so banale Selbstverständlichkeit wie die erste eigene Firmenkreditkarte freuen kann. Aber dennoch: Ein Mädchen ist diese junge Frau schon lange nicht mehr, wenn sie ihren Master gerade geschafft hat.
Nun mag man einwenden, dass der Boulevard gerne schon mal ein bißchen deftiger hinlangt, aber hätten Sie bei einem jungen Mann auch von einem „Berater-Bubi“ geschrieben?

Sie machen sich außerdem über die gute Abschlussnote Ihrer Mitreisenden lustig und greifen damit ganz tief in die Klischee-Klamottenkiste. Berater mit ihren Einser-Durchschnitten eigenen sich natürlich immer für eine kleine, unterhaltsame Polemik. Da kann man ganz prima damit kokettieren, wie scheiße man die erfolgreichen, leistungsorientierten Leute findet – vor allem, wenn die für ihre Arbeit auch noch gutes Geld bekommen. Und weil hierzulande so viele Leute so ticken, gibt es dafür in der Regel auch ganz viel Applaus. Viele Intellektuelle halten das für angemessen und hip. Aber wer so denkt, der ist doch in Wahrheit eher ein muffiger, unsouveräner Spießer als ein moderner, aufgeklärter Mensch.

Ganz verrückt wird es schließlich, wenn Sie sich dann auch noch ausmalen, wie bei dieser Frau „spätabends manchmal der Chef vorbeikommt für ein Beratermädchenkarriereberatungsgespräch.“ Das war der Moment, in dem ich nachgeschaut habe, ob ich wirklich einen Text von Ihnen lese, oder nicht doch eine besonders ausführliche Post von Wagner in der Bild-Zeitung. „Beratermädchenkarriereberatungsgespräch“ – das soll doch eigentlich nur heißen: Die Schlampe schläft sich hoch – und dass Sie das so blumig umschreiben, ändert an der Unverschämtheit Ihrer Aussage rein gar nichts.

Unfeministisch und emanzipiert

Männer wie Sie machen es Frauen wie mir wirklich schwer. Denn Sie verhalten sich leider genau so, wie es Ihnen Ihre Kritikerinnen vorwerfen. Und von denen fühle ich mich vielfach auch nicht vertreten. Als Angela Merkel beim Women20Summit gefragt wurde, ob sie eine Feministin sei, da habe ich erst mit den Augen gerollt und mich dann umso mehr über die zögerliche Antwort unserer Kanzlerin gefreut. Denn ich finde: Frauen müssen nicht Feministinnen sein, um dennoch Wert auf Gleichberechtigung und Respekt zu legen. Dafür reicht es völlig, ein halbwegs aufgeklärter, liberaler Mensch zu sein. Kampfbegriffe wie etwa jener des „alten weißen Mannes“ sind mir zuwider, ich halte das für falsch und unnötig und nicht zielführend. Ich gehöre zu denen, die auch die Frauenquote ablehnen, obwohl sie mir vielleicht nützen würde. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen wie Männer allein aufgrund ihrer tatsächlichen Eignung, ihrer Kenntnisse und ihrer Leistungen Karriere machen sollten. Keine Frau, die wirklich etwas auf sich hält, will die Quotenlilly sein.

Wenn aber selbst einem wie Ihnen, gut ausgebildet, intelligent und erfahren, für eine unterhaltsame Kolumne nichts Gescheiteres einfällt, als öffentlich darüber nachzudenken, ob die Karriere einer mitreisenden Frau nicht möglicherweise doch nur ihrer Fähigkeit zu verdanken ist, die Beine im richtigen Moment breit zu machen, dann fühle ich mich hintergangen.
Ich war immer der Meinung, Männer wie Sie wären an meiner Seite auf meinem unfeministischen und dennoch emanzipierten Weg. Wenn ich aber nicht mehr darauf vertrauen kann, dass gewisse Grenzen einfach nicht überschritten werden, weil es plötzlich wieder schick wird, Frauen abzuwerten, dann verunsichert mich das zutiefst. Und das nehme ich Ihnen – ganz persönlich – wirklich übel.