© Jeanette Dietl

Puppenstube oder Jahrmarkt?

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Über die Sehnsuchtswelten, die das Land teilen.

Die politischen Lager zerfallen nicht mehr in Rechte und Linke und, hosianna, Gemäßigte in der Mitte. Wenn das je so war, jetzt sagt die alte Topik von links und rechts nichts mehr. Es stehen nicht mehr eine reaktionäre Bourgeoisie und ein fortschrittliches Proletariat gegeneinander, jedenfalls nicht in der Wahrnehmung der Menschen. Die Weltsicht hat sich verändert.

Das ist ja das politische Genie der pragmatischen Angela Merkel, auch mit der Rechten eine linke Politik machen zu können, zur Not. Die Regierung der Großen Koalition hat die Parteien, die sie stellen, überflüssig gemacht. Ideenklau, zürnen die ihrer Ideologie Beraubten. Und das ist die Tragik des Martin Schulz, der den Kommunisten der Links-Partei wie den Faschisten der AfD die Stirn bieten will, als Sozialdemokrat alter Schule. Die alte Schule ist aus der Zeit gefallen, der Lehrer steht vor leeren Bänken. Die Menschen scheiden sich heute nicht in Rechte oder Linke, sondern in Nostalgiker und Fortschrittsgläubige. Der Riss in der Nation liegt zwischen den gefühlten Veränderungsgewinnern und den Veränderungsverlierern.

Apropos Nostalgie. Puppenstube und Kaufladen scheinen uns typisch deutsches Spielzeug aus der Weihnachtszeit, aus einer erst kürzlich vergangenen Weihnachtszeit, als noch mehr Lametta war. Dabei begann die Mode, Bürgerhaushalte im Miniaturformat nachzubilden, schon im 18. Jahrhundert. Das war eine Zeit, als so verträumte Städte wie Nürnberg oder Augsburg noch Glanz hatten und im Schatten der Fugger blühten. Bürgerstolz wollte sich auch im Kleinen gepriesen sehen. Das Biedermeier machte daraus dann Übungsstätten für die Töchter, in denen sie sich in ihre künftige Rolle am Herd schicken lernen sollten. Puppenhäuser sind Symbole der wohlgeordneten bürgerlichen Welt, die bis ins 19. Jahrhundert sicher bestand, aber im 21. gleichwohl vermisst werden kann. Nostalgie nach der heilen Welt.

Ja, es ist spießig!

Sehnsucht nach der Idylle. Ja, es ist spießig. Ja, es herrscht nicht nur der diskrete Charme der Bourgeoise, sondern auch der latente, aber stets vorhandene Terrorwille des Kleinbürgertums. Schwarz-braun ist die Haselnuss. In der Welt des Kaufladens gab es brave Hausfrauen und, wenn es hoch kam, den Lübecker Kaufmann, aber nicht Lehman Brothers oder die EZB. Auch in den Puppenstuben gab es Fremde, genau gesagt einen, zu Weihnachten. Einer der drei Heiligen Könige an der Krippe war ein, man verzeihe das Wort, Mohr. Soviel Morgenland ging; Obergrenze eingehalten. Aber doch nicht gleich eine ganze Invasion der Muselmanen. Kurzum: Dies ist der symbolische Raum, von dem jene Menschen träumen, die die Globalisierung als Bedrohung erleben. Das sind in meinem Vaterland nicht wenige.

Szenenwechsel: Wir sind in Hongkong. Am Ende eines langen Tages fragt die im Deutschen radebrechende Chinesin, unsere Reiseleiterin, ob wir, die Gruppe europäischer Handlungsreisender, ob wir nicht noch Lust hätten, über den „Nacktmarkt“ zu schlendern. Ups. Man hatte noch Lust. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich um einen nächtlich geöffneten Jahrmarkt, Nachtmarkt genannt, handelt, auf dem eine überbunte Schar von Händlern alles, aber auch alles, feilbietet. Nächtens zwar, nach Geschäftsschluss also, aber eben mit allem, was so Touristenherzen zu begehren scheinen. Ein Schmelztiegel aller Herren Länder schiebt sich durch die Gassen. Und es gibt „street food“ aus hunderten von Garküchen, die exotische Köstlichkeiten anbieten. Ja, Insekten und Schlangen und wohl auch Ratten. Man isst hier alles, was Proteine hat.

Kosmopoliten und Kommunitaristen

Auch wertvolleres Gut steht auf dem Nachtmarkt im Angebot. Man bietet mir edle Uhren an, eine Rolex Air King, garantiert echt, zum Spottpreis. Natürlich sind das sogenannte Blender, also billige Nachbauten. Ich frage einen der freundlichen jungen Männer, ob es denn auch echte Markenuhren gebe. Natürlich gibt es auch die. Ich werde in ein Hinterzimmer geleitet und sehe den Luxus Europas aus Kellern gezaubert. Man erlebt eine Ökonomie der Hütchenspieler und ist gut beraten, seine Kreditkarte nicht aus der Hand zu geben. Ja, das ist nicht Lübeck und es ist übervorteilend. Im Grunde wird der Markt hier zum Jahrmarkt. Aber meine Reisegenossen kaufen euphorisch ein, eine Perlenkette zum Beispiel, die es sonst nirgends gebe. Sie überprüfen die Preise mit ihren iPhones. Welch ein Spass, höre ich allenthalben. Kurzum: Dies ist der symbolische Raum, von dem jene, die die Globalisierung mögen, noch am nächsten Tag schwärmen. Und auch das sind nicht wenige.

Die Politologie hat für das Phänomen Namen: Das eine sind die Kosmopoliten, das andere die Kommunitaristen. Die einen wollen in die fremde Welt hinaus und gewinnen, die anderen Heim und Herd unter Gleichgesinnten bewahren. So scheiden sich heute die Sehnsuchtswelten. In jene, die wieder Puppenstuben wollen und die heile Welt des Kaufmannsladens. Zur Not mit staatlicher Gewalt. Und in jene, die die Anarchie der Weltmärkte als Spielplatz erleben und sehr gerne mitspielen wollen. Man hat Lust auf die Jahrmärkte der Globalisierung. Vielleicht erklärt das den Brexit-Beschluss in Groß Britannien am besten: Der eine Teil will die viktorianische Puppenstube, der andere die Welt bei sich und sich in der Welt. Wenn man sein Weltreich schon verloren hat, finden die Nostalgiker auf der Insel, so soll „splendid isolation“ wenigstens die Idylle bewahren. Früher war mehr Lametta.

Kein liberaler Populismus

Hier liegt der Nährboden der rechten Populisten, vielleicht auch der der linken. Ich sehe im TV eine französische Populistin der neuen Rechten, die den verarmten Bauern in den Pyrenäen verspricht, dass sie wieder für gerechte Milchpreise sorgen werde. Jedenfalls, wenn man die EU verlässt. Sie verschweigt, dass es ohne die EU-Subventionen die Kleinbauern schon lange nicht mehr gäbe. Und ich höre hier den Sozialisten Lafontaine von der Weltverschwörung des internationalen Kapitals schwafeln. Er will die Finanzmärkte in die Schranken weisen und sich dann doch derer Vorteile erfreuen, ein jesuitischer Herz-Jesu-Marxist durch und durch. Ich bin schon froh, dass er seinen Antikapitalismus nicht mit jenem Antisemitismus verbindet, der wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint. Jedenfalls erleben wir rechten wie linken Populismus. Nur eben keinen liberalen; aber vielleicht ist das ja ein Widerspruch in sich.

Depression bei den einen, Euphorie bei den anderen. Globalisierung und Digitalisierung erzeugen eine mentale Teilung der Nation, in Veränderungsverlierer und Veränderungsgewinner. Ich selbst stehe als Weltenkind dazwischen. Das eine ist Nostalgie, die nicht einlösen kann, was sie verspricht. Das andere Fortschrittsgläubigkeit, die ausblendet, wie die Märkte wirken. Hier breche ich ab, weil ich fürchte, dass nun der Begriff des dritten Weges fällt, den niemand mehr hören kann.




Klaus Kocks ist Literatur- und Sozialwissenschaftler, entstammt der Montankultur an der Ruhr, lebt in Berlin und im Westerwald. Im Broterwerb selbständiger Meinungsforscher und Kommunikationsberater und im Übrigen Publizist an der Uni wie als Kolumnist. Also wechselweise der Gegenaufklärung wie der Aufklärung verpflichtet. Gemütszustand: gelassen, aber finster zur Aufrichtigkeit entschlossen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com