Zugegeben: ich bin neurodivers, genauer ADSler. Deshalb haben mich früher oft die Fußnoten der Sachbücher, die ich lesen musste, mehr interessiert als der eigentliche Text, und vermutlich deshalb bin ich bei Justus Benders Dystopie „Deutschland 2033“ über eine scheinbar nebensächliche Stelle gestolpert. Sie hat mir in der Folge mehr zu denken gegeben als Benders sorgfältige und teilweise brillante Analyse der Fehler im Umgang mit der AfD, die dazu führen könnten, dass die Rechtsextremisten 100 Jahre nach der Machtübergabe an Hitler ganz legal die Regierung in Deutschland stellen könnten.

Die Stelle (S. 70) lautet so: „(Die AfD im Jahre 33) bedroht Millionen von Menschen mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft. (…) Sie plant die ‚Reconquista‘, wie Rechtsextreme das jahrelang genannt haben in Anlehnung an die Vertreibung von Muslimen in Spanien im 8. Jahrhundert.“
Hm.
„Reconquista“ bedeutet Wiedereroberung, und genau darum ging es. Die muslimischen Heere hatten in den 100 Jahren seit dem Tod des Propheten 632 die ehemals christlichen Regionen Nordafrikas und der iberischen Halbinsel überrannt und dem Islam unterworfen. Erst 732 brachte Karl Martell ihren Vormarsch in der Schlacht bei Tours und Poitiers zum Stehen. Hätten die fränkisch-christlichen Heere verloren, so der britische Historiker Edward Gibbon tausend Jahre später, würde man vielleicht „an den Schulen von Oxford den Koran auslegen, und von ihren Kanzeln herab könnte ein beschnittenes Volk der Heiligkeit und Wahrheit der Offenbarung Mohammeds huldigen“.
Stattdessen begann die mühsame Zurückeroberung der iberischen Halbinsel, die sieben Jahrhunderte dauerte und die tatsächlich für Juden und Muslime mit einer Naqba – Zwangskonversion oder Vertreibung – endete. Es ist jedoch eine arge Verkürzung zu behaupten, die Reconquista bedeute „die Vertreibung von Muslimen in Spanien im 8. Jahrhundert“. Wie im Falle der späteren Kreuzzüge und der Türkenkriege, einschließlich des griechischen Befreiungskriegs, handelt es sich um europäisch-christliche Antworten auf die imperiale Expansion des Islam.
Man kann die Begleitumstände dieser Rückeroberung – die Massaker von Muslimen und Juden durch die Kreuzzügler, den Versuch, die iberische Halbinsel muslimen- und judenrein zu machen, den bis heute wirksamen aggressiven Panslawismus auf dem Balkan usw. – nicht gutheißen. Und doch muss man zugleich auch fragen, was passiert wäre, wenn Gibbons Vision Wirklichkeit geworden wäre: eine Aufgabe, die förmlich nach der Behandlung in einem kontrafaktischen Roman von Hannes Stein ruft.
Ohne Reconquista keine Moderne
Was einem zuerst einfällt: kein Holocaust. Weil: keine Moderne. Columbus segelt 1492 nach Amerika, dem Jahr der Vollendung der Reconquista. Hätten muslimische Abenteurer den Weg gewagt? Vermutlich nicht. Also auch keine USA. Und: keine Reformation. Kein Luther, der 25 Jahre nach Columbus dem Papst die Gefolgschaft aufkündigt, denn vermutlich: kein Papst. Keine Revolution des Individualismus, kein „Geist des Protestantismus“, der nach Max Weber so entscheidend war für die Entwicklung des Kapitalismus als Wirtschaftsform. Keine industrielle Revolution: denn die Dampfmaschine hätte tausend Jahre früher erfunden werden können – oder eben gar nicht.
Europa wird nicht kraft Wissenschaft, Technik, Kapitalismus, amerikanisches Gold und protestantischen Individualismus zur Macht, die den Globus nach seinem Bilde formt, sondern bleibt ein klimatisch etwas ungemütlicher Teil des Kalifats von Granada, Istanbul oder Kiew. In Köln sprechen die gebildeten Leute arabisch, in Berlin vielleicht türkisch. Die Frauen tragen selbstverständlich Kopftuch. Die wenigen Christen und Juden genießen – wenn man das Verb benutzen darf – den Schutzstatus von Dhimmis, von Bürgern zweiter Klasse. Indien, China und Japan dämmern wie seit Jahrhunderten vor sich hin, die Azteken, Maya und Inkas beherrschen ein Amerika, das nicht so heißt. Dynastien kommen und gehen. Man führt hier und dort Kriege, es gibt hin und wieder Massaker und Pestilenzen, aber der CO2-Gehalt der Atmosphäre bleibt weitgehend unverändert, wie der Wissensgehalt der Gehirne.
Würden wir das wollen? Ich meine: Können wir das im Rückblick kontrafaktisch als eine Utopie des richtigen Lebens annehmen? Können wir den Fortschritt als europäische Verirrung abtun? Als ich in den 1950er Jahren in London und Kuala Lumpur zur Schule ging, wäre das keine Frage gewesen, denn wir lernten Geschichte als Triumpherzählung des Westens, vornehmlich des britischen Empire: jene Weltsicht, die in der berühmten Szene aus Monty Pythons „Life of Brian“ genialisch-komische Gestalt annimmt: „Was haben uns die Römer je gebracht …?“
Seit der 68er-Bewegung, und vermehrt seit dem Sieg über den Kommunismus und dem „Ende der Geschichte“, wird aber diese Erzählung immer radikaler infrage gestellt: vom Postkolonialismus und von Teilen der Umweltbewegung. Während ich dies schreibe, fahndet die Polizei nach einem Terroristen, der seine Anschläge auf Umspannwerke damit begründet, dass „Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ein Verbrechen (ist), das unsägliches Leid nach sich zieht“. Und Tadzio Müller, einer der intelligentesten Köpfe der radikalen Klimabewegung, schreibt dazu auf X: „Stimmt 100%. Das will D nicht wahr haben (sic), und es wird Spaß machen, jetzt die Mär vom ‚Klimaextremismus‘ zu erzählen, aber falsch ist da nichts.“

Alles ist daran falsch. Und es hat in dieser Falschheit seine Richtigkeit, dass sich Greta Thunberg ein Palifeudel umbindet und die Judenmörder von Gaza feiert. Sie ist da nur konsequent. Denn die Islamisten sind die radikalsten Kritiker jener westlichen Modernen, an der diese verwöhnten Kinder der Modernen verzweifeln. (Und: full disclosure – letzten Sommer entwarf ich den Plot eines Romans, in dem die KI die Welt übernommen und nur noch die radikalen Islamisten halbwegs wirksamen Widerstand leisten. Das ist sozusagen das Körnchen Wahrheit in der Lüge.)
Die 68er hatten zwar einen kritischen Blick auf die Moderne und ein anderes Modell der Modernisierung, das übrigens in China gewaltige Erfolge feiert, auch und gerade dank der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Sie stellten den Fortschritt aber nicht grundsätzlich in Frage, außer an ihren verrückten Rändern. Bei den postmarxistischen Grünen aber war das in ihren antiindustriellen Anfängen schon anders, und ihren postkolonialen Kindern, die alles „Indigene“ anbeten und ihr Weißsein – sprich ihr Westlich-Sein – verlernen wollen, erscheint – wie dem Engel der Geschichte bei Walter Benjamin – das, was wir Fortschritt nennen, wie „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert“.
Gehört der Islam zum Westen?
Wir aber müssen uns entscheiden, ob wir – bei aller Kritik an seinen dunklen Seiten – den Fortschritt bejahen oder verwerfen. Und wenn wir ihn bejahen, müssen wir uns fragen, wieviel er mit dem Westen zu tun hat und also mit jener geschichtlichen Reconquista, nämlich sehr viel – und ob ein stolzer Moslem diese Fortschrittserzählung, die eine Erzählung des Westens ist, ehrlicherweise unterschreiben könnte. Ich weiß es nicht, aber ich vermute: nein. Nicht als Moslem. Vielleich als Mensch, der nolens volens in der Modernen lebt und der Moslem ist wie viele Europäer Christen sind, nämlich nur oberflächlich. Aber als Moslem muss ihm diese Erzählung zuwider sein.
Die Frage ist also nicht, ob der Islam „zu Deutschland gehört“, sondern ob Deutschland zum Westen gehört; und ob Deutschlands Muslime diesen „langen Weg nach Westen“, von dem Heinrich August Winkler redet, mitmachen. Die Frage stellte sich im 19. Jahrhundert bei den Katholiken und wurde erst im 20. durch Vaticanum II entschieden; noch Benedikt XVI stemmte sich gegen diese Entwicklung. Die Frage stellt sich im 21. Jahrhundert bei der Russisch-Orthodoxen Kirche – und die Antwort dort ist nein. Es geht also hier nicht um Christen versus Muslime, sondern um Westler versus Antiwestler. Übrigens auch innerhalb der AfD, die in gewisser Weise das politisch umsetzen, was Benedikt wollte.
Wir brauchen eine Reconquista
Und nun zurück zu Justus Bender, der ja weder dumm noch ungebildet ist. Im Gegenteil. Warum fälscht er die Geschichte der Reconquista? Vielleicht, weil auch er, obwohl kein Linker, der Fortschrittserzählung Europas nicht glaubt. Und da mache ich mir Sorgen. Denn wenn wir diese Erzählung aufgeben, geben wir den Fortschritt selbst auf. Wenn wir uns dieser Selbstbehauptung schämen, reden wir schon von „soumission“, von Unterwerfung.
Es ist also tatsächlich eine Reconquista vonnöten, nämlich zuallererst die Wiedereroberung der Linken und Liberalen, ihre Wiedergewinnung für jene Erzählung, deren begeistertste Verkünder sie selbst einst waren: der Erzählung von der Möglichkeit einer Gesellschaft, in der dank Wissenschaft und Technik, dank Demokratie und Rechtsstaat, dank der Trennung von Religion und Politik jeder nach seiner Fasson selig, jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird und zu der jeder nach seinen Fähigkeiten beiträgt.
Ohne diese Erzählung hat man dem Islamismus nichts entgegenzusetzen. Und der AfD auch nicht.
Folgen Sie uns