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Saporischschja, die Möhnetalsperre und nukleare Sicherheit

Ein Freund auf Facebook fragte mich, ganz ohne Häme, ob der russische Angriff auf das Kernkraftwerk von Saporischschja nicht ein Argument gegen die Atomkraft sei. Ich versprach, ehrlich darüber nachzudenken. Aus privaten Gründen habe ich ein bisschen länger für meine Überlegungen gebraucht, aber jetzt habe ich eine Antwort. Anfangen möchte ich nicht mit Atomkraft, sondern mit der Möhnetalsperre in Nordrhein-Westfalen. Es soll dort sehr schön sein — ein Stausee mit allerhand Grün drumherum. Aber in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 kam es an der Möhnetalsperre zu einer menschengemachten Katastrophe. Alle Leute in der Umgebung wissen davon. Viele haben einen Opa, eine Oma, der oder die von dieser Nacht erzählen kann.

Die Royal Air Force hatte, eigens um Staudämme zu brechen, sogenannte “bouncing bombs” entwickelt. Diese Bomben mussten von niedrig fliegenden Flugzeugen in hoher Geschwindigkeit über dem Wasser abgeworfen werden. Sie sahen aus wie kleine Tonnen und drehten sich sehr schnell entgegen der Flugrichtung — so hüpften sie über die Wasseroberfläche wie flache Steinchen. An der Staumauer sanken sie dann in die Tiefe und explodierten. Das 617. Fliegerschwadron unter dem Kommando von Guy Gibson — es trug den Spitznamen “Dambusters”, Dammbrecher — brauchte viel Mut, um seinen Auftrag durchzuführen. Die Flak-Abwehrkanonen feuerten aus allen Rohren auf die Lancaster-Maschinen; ein Drittel der Piloten kehrte nicht mehr zurück. Doch beim fünften Angriff hatten die Briten Erfolg. Eine Bombe hüpfte, sank und explodierte exakt an der richtigen Stelle. In dreißig Meter Tiefe riss die Staumauer auf, der Riss vergrößerte sich schnell. Dann kam die Flutwelle.

Zwölf Meter hohe Flutwelle

Der britische Angriff hatte ein rationales militärisches Ziel. Die Möhnetalsperre liegt mitten im Ruhrgebiet, die Industrie sollte beschädigt werden. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Die Briten hatten die Bedeutung der Möhnetalsperre für das Ruhrgebiet überschätzt. Aber in der Nacht vom 16. auf den 17. März ertranken vielleicht 1600 Menschen. Das Wasser wälzte sich durch ein enges Tal bergabwärts, an manchen Stellen stieg es zwölf Meter hoch. Besonders schlimm traf es die Bewohner eines Zwangsarbeitslagers: Frauen und Männer aus Osteuropa, die nach Deutschland verschleppt worden waren. Wer mag, kann sich auf YouTube diesen Film [1] anschauen. Er ist sehr eindrucksvoll.

Wer AKWs angreift, ist zu allem fähig

Nun ein paar Worte zu Atomkraftwerken. Es ist physikalisch nicht möglich, dass sich AKWs in Atombomben verwandeln. Der “größte anzunehmende Unfall” ist, dass es nicht mehr möglich ist, den Reaktorkern zu kühlen, dass es dadurch zu einer Kernschmelze kommt und viel radioaktives Material in der Gegend verstreut wird. Diese Gefahr soll niemand bagatellisieren. Aber es ist keinesfalls schlimmer als das, was passiert, wenn ein Flugzeug einen Staudamm bombardiert. Und niemand würde diese Möglichkeit als Argument heranziehen, fortan keine Staudämme mehr zu bauen. Mich entsetzen an dem Angriff auf das Kernkraftwerk von Saporischschja vor allem die Dummheit und Brutalität, die dahintersteckt. Ein Kriegsherr, der so etwas befiehlt (oder auch nur zulässt), ist zu allem fähig. Ich halte für möglich, dass die Russen — aus Frustration, weil sich ihr Blitzkrieg in einen Sitzkrieg verwandelt hat — in der Ukraine eine taktische Atomwaffe einsetzen. Ich halte für wahrscheinlich, dass sie, wenn sie in diesem Krieg scheitern, die NATO militärisch provozieren werden. Die nächsten Wochen und Monate werden brandgefährlich. Aber der Angriff von Saporischschja scheint mir kein Argument gegen die Atomkraft zu sein.