Schleckerfrauen II

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Die Idee des „Solidarischen Grundeinkommens“ ist nicht so neu. Vor sechs Jahren geisterte anlässlich der Pleite einer Drogeriekette ein ähnlicher Plan durchs Land.

Es ist keine sechs Jahre her, dass die Ministerinnen von der Leyen (damals Arbeit) und Schröder (damals Familie) die grandiose Idee hatten, die nach der „Schlecker“-Insolvenz arbeitslos gewordenen Frauen zu Erzieherinnen zu machen. Kleine Kinder kann doch jeder, allemal Frauen, die gerade genug gelernt haben, um Shampoo und Windeln in die Regale zu stopfen oder zu verkaufen. Natürlich ging die Idee baden. Klar waren auch unter den Schleckerfrauen solche, die für eine Umschulung geeignet gewesen wären. Doch unterm Strich bleibt: Der Vorschlag war eine Beleidigung der Kinder wie der Erzieherinnen. 

Nun hat der Berliner Bürgermeister Müller die Idee wieder aufgewärmt. Hartz IV-Empfänger, meist Geringqualifizierte, sollen in die Pflege, als Babysitter für Alleinerziehende, wenn die außerhalb der Kitazeiten noch arbeiten, als Lesepaten (!), als Übungsleiter in Sportvereinen oder als Begleiter von Behinderten. Warum ausgerechnet ältere Arbeitslose für derartige Tätigkeiten geeignet sein sollen, die Antwort blieb der Bürgermeister schuldig. Die Erziehung und Pflege von kleinen Kindern braucht mehr als Anwesenheit. Die stets beschworene Qualität nimmt da selbstverständlich den Rücksitz ein. Die Krippe und der Kindergarten, in denen mit Umsicht und Liebe Spracherziehung, Hinwendung, Integration und Teamgeist gelernt und liebevoll gelebt werden sollten, werden zu dem Graus der Verwahranstalt. Der Hartz-Vierler, der ein Kind nach so einem Krippentag noch betreuen soll, ist der Albtraum jedes Kleinkindes: Noch ein neues Gesicht. Dass er es aber kann, ist offenbar durch seine Arbeitslosigkeit garantiert. Babysitting und Behindertenpflege verlangen vielleicht doch ein bisschen mehr vom Betreuer als Papier aufsammeln im Park oder Sperrmüll wegräumen?

Harakiri

Wie so oft wurde beim Ausbau der Kleinkindbetreueung der zweite vor dem ersten Schritt veranlasst. Es war ja schon in alten Zeiten so, dass es nie genug Erzieherinnen gab, dass es überdies – Gift für junge Seelen – eine hohe Fluktuation des Personals gab, dass die Ausbildung nicht auf der Höhe der Zeit war und die Bezahlung mies. Nun verfügte man ein Recht auf einen Platz für jedes Kind. Doch Plätze und diejenigen, die sie betreuen sollten, gab es nie genug. Man stelle sich vor, es würde verfügt, dass jede Familie ein Recht auf eine Dreizimmerwohnung hat, ohne dass der Wohnungsmarkt auch nur annähernd genügend Wohnungen dieser Größenordnung bereithält. Der Gesetzgeber einer solchen Harakiri-Verordnung würde für verrückt erklärt. 

Der ideale Betreuungsschlüssel für Kleinkinder wird in endlosen und aufwendigen  Forschungsstudien minutiös erklärt und festgestellt (1:2,5 für die Kleinsten, 1:5 für die älteren), doch immer noch gibt es Kitas, wo sich zwei Erzieherinnen, um zwanzig Kinder kümmern müssen. Wehe, wenn eine von ihnen auch noch krank wird! Stets wird auch das „Kindeswohl“ beschworen, dessen Definition den jeweiligen Umständen gummimäßig angepasst wird. Kleinkinder beklagen sich nicht, sondern ziehen sich zurück, wimmern in ihren Windeln oder fallen dem überforderten, wiewohl gutwilligen Personal auf die gestressten Nerven. Qualität und Kindeswohl bleiben auf der Strecke. Man muss nur warten bis die so verwahrten Kinder in der Grundschule Randale machen. Auch das hat die Forschung längst beschrieben.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.