Auf einer einsamen Insel muss man auf niemanden Rücksicht nehmen

Sich selbst nicht so wichtig nehmen

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Sind Parteien perfekte Gebilde? Nein. Bilden sie alle Meinungen gut ab? Nein. Gibt es ein widerspruchsfreies Leben in einer Partei? Nein. Kompromisse werden uns auch in Zeiten der Individualisierung abverlangt.

Unsere Gesellschaft, und mit „uns“ ist hier nicht nur Deutschland gemeint, sondern die Gesellschaften im freien Westen im Allgemeinen, ist heute so vielfältig, so divers, so widersprüchlich, so verwirrend, so ungemein großartig wie vermutlich noch nie in der Menschheitsgeschichte. Da kann man schon auf die Idee kommen, dass alles ganz ungeheuer kompliziert ist.

Und das stimmt ja auch. Alles ist ganz ungeheuer kompliziert. Trotzdem gibt es bestimmte Stoßrichtungen, die sich nicht verändert haben. Man kann für mehr Freiheit oder mehr Sicherheit sein, für mehr oder für weniger Staat, für mehr Umweltschutz oder für mehr Industrie.

Alles so komplex

Man kann es sich aber auch ganz einfach machen und die Komplexität derart überhöhen, dass man zu gar keinem Kompromiss mit sich, der Gesellschaft oder einer Partei mehr kommt.

Stellvertretend für diese Haltung möchte ich heute zum einen eine Passage aus einem schönen Text von Jochen Wegner, ZEIT-Online-Chef, zitieren:

Wir sind uns einig, dass es den Parteien immer schwerer fällt, ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen: die politischen Ansichten großer Bevölkerungsgruppen zu bündeln. Heute sind wir alle unsere eigene Partei, mit klaren Vorstellungen, die zu keinem einzelnen Wahlprogramm passen. Man kann für die Homo-Ehe sein, aber gegen Flüchtlinge.

Und zum anderen einen Tweet, den ich für symptomatisch für das Unbehagen Parteien gegenüber halte:

Das darf man natürlich so sehen. Zum Leben in unseren freien Gesellschaften des Westens gehört auch das Recht, sich prinzipiell unzufrieden mit allem zu zeigen.

Kompromisse gehören zum Leben dazu

Aber klug ist es nicht. Es überhöht das eigene Selbst in einem Maße, das nicht mehr vernünftig ist. Unsere Gesellschaften leben vom Kompromiss, vom fortwährenden und immerwährenden Aushandeln des Seins in der Schwebe an der Schwelle zum Chaos. Niemand darf den Anspruch haben, seine Meinung immer zu 100 Prozent umsetzen zu können, das ist der Kern unserer stillschweigenden Vereinbarung, die wir Tag für Tag erneut treffen, indem wir an dieser Gesellschaft teilhaben.

Das zu verstehen ist viel. Sich selbst zurückzunehmen und auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der andere Recht hat, ist sehr viel.




Sozialdemokrat, anderen Argumenten und Ideen gegenüber zugänglich. Bekämpft ab und an den Liberalen in sich. Lebt und arbeitet in Mannheim. Hat Geschichte, Germanistik und Theologie studiert.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com