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So geht Kinosterben

Ein neuer Heimatfilm erschüttert Österreich: „The Salzburg Story“ – ein Film der Zitronen-Extraklasse, Elisabeth Hewson hat ihn gesehen.

Man könnte ihn auch „The Sound of Schmarren“ betiteln, diesen Film eines ach so jungen Regisseurs (27! wird immer wieder betont), denn der Anspruch, ein zweiter „Sound of Music“ Erfolg zu werden, wurde bei der Wien-Premiere mit C-, D- und E-Promigästen in den Raum gestellt. Immerhin wurde dieser Salzburg- und Dirndl-Werbefilm ja beim 21. California Independent Film Festival zum „Best Picture 2018“ erkoren. Und da fragt man sich nach durchlittenen 90 Minuten (oder waren es doch fünf Stunden?), was da wohl für Filme bei diesem Festival gezeigt werden. Und dann fragt man sich, ob es vielleicht gar keine anderen Filme gab? 

Die Schauspieler mühen sich redlich und gekonnt. Der Kameramann müht sich ebenso redlich, Drehorte interessant zu machen: gefakte Wasserreflexionen an Mauern, Seidenpapierschneegestöber, Weihnachtsmarkt mit Griesnockerlsuppen-Stand (???). Die Location-Sucher lassen Salzburg an einem See liegen, verlegen den Mirabellgarten an das andere Salzachufer und zaubern eine Burgruine heran. Aber das nur am Rande, in Kalifornien kümmert das sicher niemanden, und so ist sie halt, die unrealistische Filmwelt. Und was man im Sound of Music durfte, Locations dem Plot unterordnen, wird man doch jetzt erst recht dürfen!

Doch damit kämen wir zum Plot, zum Drehbuch. Als romantisches Märchen in englischer Sprache bezeichnet. Hier eine Schilderung, denn für eine Bewertung fehlen einem die Worte:

Freddy, ein junger Banker mit edlem Cabrio und reichem Vater mit schönbrunnergelbem Schlössel (Baron?), ein rechter Hallodri, stets mit einer Rose für seine wechselnden Liebeleien zur Hand, spielt und lernt so nebenbei Klavier bei einem Antiquitätenhändler, der in seinem Geschäft zu wohnen scheint, komponiert auch zu dessen anerkennenden Blicken. Eines Sommermorgens stolpert er im Mirabellgarten über drei (!) leere Koffer, die zu einer (!) jungen Amerikanerin gehören, die dort auf ihre etwas verrückte Freundin wartet. Tiefe Blicke, man trifft sich wieder zu einem inhaltsschweren Dialog beim Speisen (diesmal ohne Rose, die ist nur unbedeutenden Liebeleien vorbehalten). Annabelle entdeckt Salzburg (starrt vor allem verliebt auf ein rosa Dirndl der deutlich lesbaren Marke XY), lacht mit Freddy auf einer Ruine und macht Frühstück (aha!) in seiner Wohnung mit Panoramafenster zum See, wo immer der liegen mag. Sie bezaubert ihn, indem sie einen Marienkäfer rettet, der mit Fliegengesumse davonsurrt. Und sie ermutigt ihn, das zu tun, wozu ihm sein Herz rät. So kündigt er bei der Bank und gibt sich dem Komponieren hin. Beim Antiquitätenhändler, der auch gerne Essen serviert, Walzer tanzt und irgendwie jüdisch zu sein scheint (le chaim statt Prost, irgendwann wird auch ein jiddisches Liedlein angestimmt).

Die unmoralische Hauptstadt

Seine schicksalsschwere Entscheidung gesteht er dann bei einem Besuch im väterlichen Schlössel, bei dem er Annabelle vorstellen will, seinem ständig vom Deutschen ins Englische und zurück wechselnden, natürlich erzürnten Vater. (Dieser tolle Zweisprachentrick wird übrigens dauernd angewandt, wodurch die meisten Dialoge doppelt zu hören sind.) Der entzieht ihm prompt Liebe und Geld. Wilde Kompositions-Mühen mit zerrauftem Haar und zerknüllten Blättern (alles immer beim Antiquitätenhändler) folgen. Annabelle stellt ihn dabei zur Rede, fühlt sich missachtet, Freddy sei nicht mehr der, den sie kennengelernt hatte, beide stürzen hinaus in den strömenden Regen und brüllen sich dort weiter an. 

Freddy zieht enttäuscht nach Wien, ist mit seiner Komposition (es scheint ein einziges Klavierstück zu sein) erfolgreich, taucht in das Nachtleben der unmoralischen Hauptstadt ein, trinkt sogar in einer Bar Champagner!!! Und flirtet mit einer Blondine. Schnitt. Zimmer (Hotel?), sie hat bereits die Stilettos verführerisch auf dem Bett drapiert und will ihn küssen – doch nein, er kann nicht. Er will nicht. Er verlässt die bereite Dame um seiner Liebe willen.

Zurück nach Salzburg. Auf der Ruine mit Amphitheater, wo man einst lachte und scherzte und sich vornahm, seinem Herzen zu folgen, großer Auftritt des Stars aus der Hauptstadt: Freddy, der erfolgreiche Komponist, Pianist und Sänger bringt sein Werk dar. Vor trachtengewandetem Publikum, teilweise mit wagenradgroßen Andreas-Hofer-Hüten geschmückt – und natürlich seinem Vater, der, ganz stolz und als einziger weiß gekleidet, inkognito im Publikum sitzt – singt er sein Lied, an dem er offenbar jahrelang gearbeitet hat (immer wieder wurden abwechselnd Sommer- und Winteraufnahmen Salzburgs gezeigt), mit dem unvergesslichen Titel „Ladybird“, besingt einen Marienkäfer, der ihn das Fliegen gelehrt hat.

Nach diesem einen Lied lässt er sein Publikum sitzen, rennt/fährt/fliegt zum Mirabellgarten. Und jetzt die überraschende Pointe, auf die nur der Gewinner des California Independent Film Festivals kommen kann: Annabelle tritt ihm entgegen, im rosa Dirndl der Marke XY.

Ende.

Ein Vorgeschmack des zukünftigen Kinoklassikers ist bereits als Trailer zu bewundern. Für jeden, der sich traut:

Unsere Gastautorin Elisabeth Hewson wechselte nach längerer Werbekarriere als Texterin und Creativ-Direktorin zur Gegenseite über und brachte ein Konsumentenmagazin heraus, nebenbei schrieb sie als Intendantin der Wiener Kinderoper im Konzerthaus Musical-Libretti. Sie lebte in London und im (für Wiener höchst ungemütlichen) Tirol, arbeitete dort für den ORF, nach Wien zurückgekehrt als freie Reisejournalistin für einige Österreichische Tageszeitungen. Auch etliche Bücher sind erschienen, querbeet von Gesundheits- und Kulinarik- bis Kulturthemen. Das aktuellste ist das „Bio Ketzer Buch“. Sie ist Mitglied bei den „Skeptikern“ und unterstützt sie beim Kampf gegen Humbug, von Homöopathie bis Rudolf Steiner.