Vor zehn Jahren zog ein dschihadistisches Terrorkommando durch Paris und tötete 130 Menschen. Es war nach den Anschlägen auf die Redaktion von Carlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt der dritte innerhalb eines Jahres. Und es war nicht der letzte in Europa. Aber während Polizei und Geheimdienste gelernt haben, verweigern sich Teile aus Politik und Gesellschaft dem Wissen über den Islamismus.

Niemals sollte man das dramaturgische Talent islamistischer Terrorgruppen unterschätzen. Ob bei den Olympischen Spielen 1972, beim 11. September 2001 oder beim 7. Oktober 2023 – die Inszenierung von Schreckensbildern gehört seit der weltweiten Expansion der Massenmedien oft zur Tat, denn sie verstärkt deren Wirkung. So sollte es auch vor zehn Jahren, am 13. November 2015, sein. Drei Selbstmordattentäter wollten sich im Pariser Stade de France während des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland auf den Rängen in die Luft sprengen. Vor laufenden Kameras. Doch sie fielen auf und zündeten ihre Sprengstoffwesten vor dem Stadion. Ein Passant starb dabei. Er war das erste Opfer einer beispiellosen Terrorattacke, die in den nächsten Stunden folgte. Denn neben diesem Terror-Trio am Fußballstadion gab es zwei weitere: Das eine fuhr mit einem Kleinwagen durch ein Pariser Ausgehviertel und erschoss mit seinen Kalaschnikows wahllos Gäste in Cafés und Restaurants; das dritte Kommando fuhr in den beliebten Konzertsaal Bataclan, in dem die amerikanische Band Eagles of Death Metal spielte, und massakrierte auch dort wahllos mit ihren Maschinengewehren und Handgranaten Konzertbesucher. Am Ende des Tages waren insgesamt 130 Menschen tot und fast 700 zum Teil schwer verletzt. Das sind die groben Fakten. Man muss sie nennen, man muss daran erinnern. Denn das Gedächtnis der Öffentlichkeit ist wie ein Sieb.

Aber dabei kann es nicht bleiben, weil es so viele andere Anschläge mehr gab, kleinere, größere – zum Beispiel Anfang 2015 die Morde an der Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im darauffolgenden Jahr der verheerende Anschlag auf der Promenade in Nizza, auf Flughafen und Metro in Brüssel, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin und und und. Es hat ja nie aufgehört. Es hat auch schon vorher begonnen. Und es verfolgt bekannte Muster. Zum Beispiel beim Bataclan: Es war in den Jahren zuvor immer wieder bedroht worden, weil es jüdische Eigentümer hatte. Im Jahr 2011 konnte ein Anschlag noch vereitelt werden. Und dass Weihnachtsmärkte und Kirchen Ziele islamistischer Anschläge waren, ist nicht der Tatsache geschuldet, dass sich dort viele Menschen versammeln, sondern vor allem weil sie Symbole christlichen Glaubens sind. Der Islamismus befindet sich im Kampf gegen alle „Ungläubigen“, also alle Nicht-Muslime – Muslime, die sie als nicht gottgefällig genug ansehen, belegen sie allerdings auch mit ihrer Feindschaft. Dieser Kampf ist auch nicht auf Europa beschränkt. Von vielen Anschlägen erfährt die von Nebensächlichkeiten gesättigte Öffentlichkeit in der Regel nichts. So entgeht ihr zum Beispiel, dass der Konflikt mit den Dschihadisten von Boko Haram im Norden Nigerias bisher schon mindestens 50 Tausend Tote gekostet hat. Gerade diese Gruppe hat es vorzugsweise auf Christen abgesehen. Auch in anderen afrikanischen Staaten sind die Dschihadisten auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Mali, wo das Militär zunächst die Zivilregierung stürzte, dann die französische und deutsche Unterstützung im Kampf gegen die Islamisten aus dem Land trieb und nun selbst in die Defensive geraten ist. Schwenkt man seinen Blick nach Asien, muss man gerade von einem Selbstmordanschlag in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad lesen. Etliche islamistische Gruppierungen wie die pakistanischen Taliban versuchen dort schon seit langem Chaos zu verbreiten und langfristig die Herrschaft in Pakistan an sich zu reißen. Auch wenn die Aussichten darauf eher gering sind, so gilt die Atommacht Pakistan doch als ein Hauptziel des nun seit Ende der neunziger Jahre währenden Weltbürgerkriegs der Islamisten.

PROGRESSIVE UND MUSLIMBRÜDER

Es gibt auf der Welt 53 Staaten mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, aber in mehr als 80 Staaten haben sich islamistische Gruppierungen ausgebreitet, vor allem die Muslimbruderschaft, zu der übrigens auch die Hamas gehört. Westliche Gesellschaften und Staaten unterschätzen den heute schon starken Einfluss der Muslimbruderschaft, die die Schaffung einer transnationalen islamistischen Ordnung im Auge hat, zumindest aber die unbedingte Führerschaft über die Muslime in den westlichen Gesellschaften. Unterstützung erhalten sie dabei von vorzugsweise linken Gruppen, die in Postkolonialismus, Antikapitalismus und – kaum verhohlen –  Antisemitismus ein Bindeglied zwischen sogenannten „Progressiven“ und den Muslimbruderschaften sehen und fördern wollen (siehe dazu beispielsweise dieses Papier hier von der Linken-Politikerin Heidi Reichinnek und anderen). Die Muslimbruderschaften tarnen sich gerne als harmlose Wohltätigkeitsorganisationen, die mit Terror nicht in Verbindung gebracht werden wollen; sie führen zudem das Wort „Kalifat“ eher nicht im Munde. Wie sich in jüngster Zeit aber herausgestellt hat, gab es wohl Pläne der Hamas in Deutschland, Attentate zu verüben. Man sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass IS, Al Kaida, Muslimbruderschaft und die weiteren Untergruppen in Asien und Afrika keine Befreiungsbewegungen, sondern Bataillone im Kampf um die Herrschaft des Islam sind und Terror strategisch einsetzen.

Es ist den verbesserten geheimdienstlichen und polizeilichen Maßnahmen zu verdanken, dass viele Terrorpläne in den vergangenen Jahren vereitelt werden konnten, wenn auch nicht alle. Gedankt wird den Behörden diese schwierige Arbeit nicht. Stattdessen wird über Motive spekuliert, obwohl sie offen auf dem Tisch liegen. Und statt Kenntnisse über Islam und Islamismus zu vertiefen, schließt man in Deutschland zum Beispiel das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam.

EIN EVERGREEN DER SCHULDENTLASTUNG

Die neun Terroristen des Pariser Kommandos von 2015 haben 130 Menschen getötet und sind selbst alle tot. Aber man hat wenigstens 14 Randfiguren den Prozess machen können, Helfershelfern, Mitläufern, Mitschuldigen, alle arabischer Herkunft. Den zehnmonatigen Prozess von September 2021 bis Juni 2022 hat der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère in seinem Buch V13 beschrieben, und es sei bei aller großen Bedeutung vor dem Buch gewarnt, denn es gibt – und es sind nur Auszüge! – darin Zeugenaussagen von den Tatorten, die angesichts der beschriebenen Höllenszenen alles schon schrecklich Vorstellbare in den Schatten stellen. Das Verdienst des Buches ist aber, dass es den Blick weitet für alle Opfer, denn ein Terrorakt wie der in Paris im November 2015 ist wie ein großer Stein, der ins Wasser geworfen wird und dessen Wirkung sich konzentrisch ausbreitet. Neben den Toten sind da noch die Verletzten, manche sind so schwer versehrt, dass sie die Spuren des Terrors schon äußerlich ein Leben lang mit sich tragen; hinzu kommen die Traumata, die sich durch alle möglichen langfristigen Folgen wie Angstzustände, Depressionen, ja, sogar Schuldgefühle, überlebt zu haben, zeigen. Die nächsten Betroffenen sind die Angehörigen, die durch die Verluste oder die Verletzungen ihnen nahestehender Menschen auch ihr altes Leben verloren haben, ohne Aussicht darauf, in das alte Leben wieder zurückkehren zu können. Auch die professionellen Helfer und Retter sind betroffen: Polizisten, Sanitäter, Ärzte, deren Einsätze lange an ihnen haften bleiben. Zuletzt die Gesellschaft, die von den Anschlägen im wahrsten Sinne beeindruckt werden, denn fast jeder muss sich dazu verhalten. Nur wenige lässt sie gleichgültig und kalt. In vielen macht sich für eine gewisse Zeit Entsetzen breit und der Gedanke, ob man sein Leben nicht ändern, vorsichtiger gestalten müsste. In anderen forcieren Terrorakte einen Generalverdacht und den Hass auf bestimmte Menschengruppen; sie finden ihr Gegenstück in jenen, die der Gesellschaft allgemein eine Schuld am Terror zuweisen, weil die Täter möglicherweise Opfer einer sozialen Diskriminierung gewesen sein könnten. Mit diesem Evergreen der Schuldentlastung räumen die Biographien der Pariser Täter und Helfershelfer allerdings auf. Die Terroristen – und nicht nur die vom 13. November – lehnen dieses Tatmotiv sogar ausdrücklich ab.

Unter den Tätern waren keine Sozialfälle, aber einen Hang zu Delinquenz und Rauschgiftkonsum hatten sie fast alle, selbst der aus dem wohlhabendsten Elternhaus. Viele kamen aus Molenbeek, ein zu 95 Prozent muslimisches Viertel in Brüssel, das als die Hochburg des europäischen Dschihadismus gilt und das die Täter kulturell prägte. So sah sich keiner als Opfer, sondern als Held, als Teil einer globalen Avantgarde. Und sie teilten die Verachtung für diejenigen, die sie als Opfer sehen wollen und nicht als Kämpfer auf der Seite der Sieger.

Trotzdem versuchen linke Gruppen immer wieder, eine Diskussion über den Islamismus, den Islam und kulturelle Prägungen zu verhindern. Das erinnert wirklich an die Geschichte des Klienten, der eine Psychoanalyse mit den Worten beginnt: „Von mir aus können wir über alles sprechen, aber nicht über mein Privatleben.“ Nur das es hier vor allem die linken Terror-Beschöniger sind, die eine Auseinandersetzung unter allen Umständen verhindern und einem weismachen wollen, jemand würde sich und andere wegen einer empfundenen oder eingebildeten Diskriminierung in die Luft jagen.

Es geht auch nicht um Rache, nicht um Vergeltung für Taten des Westens – das ist als Erklärung für die Dummen im Westen konstruiert, um deren Propaganda für eine vermeintlich gerechte Sache und den Sympathisanten Verständnis für das Töten zu erleichtern. Es geht nicht um eine erlittene Demütigung – sondern um etwas Größeres, eine Idee, die in der islamischen Vergangenheit verankert ist, in deren Glaubenssätzen, Motiven und Verheißungen, und diese sollen ewige Geltung erlangen nach einem siegreichen Kampf gegen die Juden, die Ungläubigen, Lauen, Unreinen und Abtrünnigen und zur Errichtung einer gottgefälligen Herrschaft führen.

Das Unbedingte, der Glaube an den Sieg, das Leben in einer Wahrheit, ein religiöses Delirium, der Hang zu Sadismus und der Drang nach Bewährung, die vermeintlich Sinn gibt, und wenn er darin besteht, so viele Andersdenkende wie möglich zu töten – all das führte die Pariser Terroristen letztlich auch ins Bataclan, wo sie laut Zeugen Spaß daran hatten, Menschen ganz entspannt wahllos abzuknallen und am Ende sich selbst zu richten. Und es ist noch nicht zu Ende.