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Srebrenica – Die auf ewig ungeklärte Schuldfrage

“No teeth…?”
“A mustache…?”
“Smel like shit…?”
“Bosnian Girl!”
(Originaltext)

Diese Aussage ziert eine Wand eines alten Fabrikgeländes in Potočari. Hierhin wurden im April 1994 600 niederländische Soldaten mit einem Blauhelm-Mandat entsandt. Mit leichten Waffen ausgestattet, war es ihre Aufgabe die Zivilbevölkerung während des Bosnienkrieges in der UN-Schutzzone zu schützen. Etwas mehr als ein Jahr waren die Soldaten der „Dutchbat“ dort stationiert, als serbische Panzer auf das Gebiet zurollten. Das war der Zeitpunkt, als auf dem Boden einer Schutzzone das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg verübt werden sollte.

Potočari liegt sechs Kilometer von Srebrenica entfernt – der Ort, in dem im Juli 1995 mehrere Massaker stattfanden, die von der UN als Genozid klassifiziert wurden und bei denen (vermutlich) bis zu 8000 Bosniaken durch die Armee der Republika Srpska brutal ermordet wurden.

Das Versagen der Vereinten Nationen, das Versagen Europas

Was passierte damals in der UN-Enklave? Am 9. Juli 1995 stand dem auf 450 Mann ausgedünnten Blauhelmtrupp eine serbische Übermacht gegenüber. Zwar hatte der niederländische Oberst in Potočari, Thomas Karremans, Luftunterstützung von seinen Vorgesetzten angefordert, jedoch passierte, abgesehen von ein paar eher halbherzigen Angriffen von Nato-Bombern, nichts. Die bosnischen Serben unter der Führung von Ratko Mladić konnten die Enklave problemlos passieren. Aus einer Schutzzone für Zivilisten wurde die Todeszone für 8000 Männer und Jungen.

Serbische Kämpfer deportierten unter den Augen der Niederländer und der Vereinten Nationen Tausende Muslime. Männer und Frauen wurden getrennt. Während auf die Frauen Vergewaltigungen und Misshandlungen warteten, wurden Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren zu Hunderten in Massenexekutionen erschossen.

Srebrenica wurde zum Symbol der Tatenlosigkeit der Staatengemeinschaft, besonders der Europäer. Blauhelmsoldaten, die untätig zusehen, wie Menschen aus ihrer Obhut dem sicheren Tod entgegengehen, wurden zum Sinnbild des Bosnienkrieges. Nicht nur Karremans, sondern auch viele seiner Soldaten beteuern bis heute, nicht geahnt zu haben, was mit den Geflüchteten damals passieren sollte.

Niederländische Journalisten hatten in einer Dokumentation mit dem Titel “Warum Srebrenica fallen musste” von geheimen Dokumenten berichtet, die aufzeigen, dass die USA, Großbritannien und Frankreich bereits einen Monat vor den Gräueltaten Luftangriffe zur Unterstützung der Blauhelmsoldaten abgelehnt hätten, da sie keine Geiseln – in diesem Fall Blauhelme – gefährden wollten. So konnte es zum schlimmsten Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg kommen.

Wer ist verantwortlich für den Tod Tausender Jungen und Männer?

Heute, 20 Jahre nach den brutalen Massakern von Srebrenica, wurden die Niederlande vom Berufungsgericht in Den Haag erneut schuldig gesprochen. Zumindest wurden sie für den Tod von 350 Opfern mitverantwortlich gemacht. Der Staat muss den Opfer-Familien nun eine Teilentschädigung zahlen. Allerdings hob das Berufungsgericht hiermit ein Urteil aus erster Instanz teilweise auf und stellte nur eine begrenzte Verantwortung des Heimatstaates der damaligen UN-Soldaten für die von Serben verübten Kriegsverbrechen fest.

Ein niederländisches Zivilgericht hatte nämlich bereits 2014 entschieden, dass die Niederlande für den Tod Hunderter muslimischer Männer und Jungen verantwortlich sind. Zwar nicht für den Fall der Enklave und den Tod aller Opfer, jedoch zumindest für die Deportation von mehr als 300 Männern und Jungen. Es war der erste Schuldspruch gegen den Heimatstaat einer Truppe der Vereinten Nationen. Die Richter begründeten damals ihr Urteil damit, dass die niederländische Armee hätte wissen müssen, dass ein Völkermord im Gange und das Leben der Menschen gefährdet war.

Die Kläger, die Vereinigung “Mütter von Srebrenica”, legten damals Berufung ein. Sie wollten, dass die Niederlande für das gesamte Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht werden. Doch auch der niederländische Staat selbst ging in Berufung. Die UN-Blauhelmeinheit „Dutchbat“ habe gegen die serbische Übermacht gar nichts tun können, lautete die Argumentation. Außerdem stand die Truppe nach niederländischer Auffassung unter der Befehlsgewalt der Vereinten Nationen.

Absurde Wahrheit

Jahrzehnte später machen die seitdem stattgefundenen und immer noch stattfindenden Analysen und die vielen Fronten, an denen damals im komplexen Krieg in Bosnien gekämpft wurden, es schwierig, die wahren Verantwortlichen für Srebrenica zu finden. Doch sicher ist: Die Vereinten Nationen haben im entscheidenden Moment weggeschaut. Es ist richtig, die Niederlande für die Deportation von mehr als 300 Personen mitverantwortlich zu machen. Doch versagt haben die UN beim Schutz Tausender Zivilisten in ihrer ad absurdum geführten Schutzzone. Denn es ist Fakt, dass die Bereitschaft der Entsendestaaten, weitere Soldaten in die Region Srebrenica zu schicken, de facto nicht existierte. Genauso wenig wollte man die Bosnischen Serben militärisch angreifen – da diese solche Taten als Kriegshandlungen seitens der NATO hätten verstehen können.

Ja, das ist die absurde Wahrheit. Denn man fürchtete in aller Feigheit einen Konflikt, aus dem die Internationale Gemeinschaft keinen leichten Ausweg mehr gefunden hätte. Zu diesem Zeitpunkt waren im Übrigen bereits viele in der Region Srebrenica eingepferchten Flüchtlinge an Entkräftung und Hunger gestorben. Denn auch eine Versorgung der Zivilbevölkerung durch Hilfskonvois konnte schon lange nicht mehr gewährleistet werden. Es ist selbstverständlich, dass Staaten ihre eigenen Soldaten auch im Krieg schützen wollen. Doch, dass sie ihre Soldaten dann ohne schweres Geschütz in einen unübersichtlichen Krieg schicken, der zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre tobte, liest sich wie ein schlechter Scherz – eine (mit Verlaub) Verarsche nicht nur der bosnischen Zivilisten, sondern auch der eigenen Leute.

Niemand will es gewesen sein

Die Dauer des Bosnienkrieges und die damit verbundenen menschlichen Gräueltaten fallen in eine schwierige Zeit: Der Kalte Krieg war noch nicht lange vorbei, die bis dato bipolare Weltordnung musste sich neu sortieren (darunter fällt auch die Neordnung der jugoslawischen Staaten nach dem Sozialismus), Deutschland hatte mit der Wiedervereinigung zu tun, die NATO kämpfte mal wieder um ihre Daseinsberechtigung. Trotz all dem bleiben die Massaker in Srebrenica, genauso wie auch der gesamte Bosnienkrieg, wohl auf ewig Sinnbild des Versagens der Internationalen Gemeinschaft. Und das Schlimmste daran: Niemand will es gewesen sein, keiner will es zugeben und erst recht nicht dazu stehen, große Fehler begangenen zu haben.

Das am Dienstag gesprochene Urteil bleibt für die Mütter von Srebrenica ein Schlag ins Gesicht. Selbst wenn Angehörige von knapp 300 getöteten Männern entschädigt werden, bleiben immer noch Tausende weitere Mütter, Ehefrauen und Schwestern, die keine eindeutige Antwort darauf bekommen werden, wer die Verantwortung für den Tod ihrer Ehemänner, Väter und Brüder trägt. Gegen das erneute Urteil ist nun noch eine Berufung möglich. Somit könnte das Hin- und Her-Schieben der Verantwortlichkeiten ein weiteres Nachspiel haben.