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„This machine kills fascists“

Häufig bin ich in den Atom-Diskussionen der vergangenen Jahre gefragt worden, was passieren müsste, um den deutschen Atomausstieg noch aufzuhalten. „Ein disruptives Ereignis“, sagte ich, und dachte dabei an einen großen Blackout oder eine massive Energiepreiskrise. Nun ist es da, dieses Ereignis. Zwar nicht in Deutschland, aber von Deutschland mit ermöglicht, und mit gravierenden Auswirkungen auf Deutschland. Russland finanziert seinen Angriffskrieg mit dem Verkauf von fossilen Energieträgern. Das bedeutet, dass jede russische Rakete, die in ukrainische Wohnviertel einschlägt, auch von deutschen Kunden mitbezahlt wurde: über die Hälfte unseres Erdgases und unserer Steinkohle stammt aus Russland. Noch vor kurzem hat Wirtschaftsminister Robert Habeck in der Energiewende auf Gas gesetzt, indem er ein 40-Gigawatt-Erdgasprogramm zur Stützung volatiler Erneuerbarer auflegte https://taz.de/Energiewende-und-Erdgas/!5824837/ [1]. Gazprom wäre der Wunschpartner der Sozialdemokraten gewesen. Das ist jetzt vorbei.

Alle sind sich einig: beendet Russland Krieg und Besatzungsterror in der Ukraine nicht – und danach sieht es derzeit nicht aus – so müssen unsere Fossilenergie-Beziehungen mit diesem Lieferanten gekappt werden. Folglich werden wir jedes Megawatt an CO2-armer, gesicherter Leistung brauchen. Kernkraftwerke eignen sich für diese Aufgabe hervorragend, und noch haben wir drei laufende Anlagen. Daraus folgt zwingend ein Ende des deutschen Atomausstiegs und eine Laufzeitverlängerung für die drei laufenden AKW; auch ein weitergehender Wiedereinstieg in die Kernenergienutzung ist angesichts der enormen Herausforderungen der Dekarbonisierung zu diskutieren. Vor allem aber ist jedes laufende europäische Kernkraftwerk eine Unabhängigkeitserklärung gegenüber dem russischen Despoten und seiner Fossilokratie. „This machine kills fascists“ – was der Sänger Woody Guthrie einst auf seine Gitarre schrieb, können wir getrost auf die Reaktorkuppeln unserer Kernkraftwerke projizieren. 

Im Fokus stehen erst einmal die drei noch laufenden deutschen Anlagen: Emsland, Neckarwestheim-2 und Isar-2. Sie produzieren pro Jahr 30 bis 33 Terawattstunden Strom. 2021 betrug die Nettostromproduktion aus Steinkohlekraftwerken 46,4 Terawattstunden. Ungefähr die Hälfte der in deutschen Kraftwerken verfeuerten Steinkohle stammt aus Russland, sodass rechnerisch die russische Kraftwerks-Steinkohle durch deutsche Kernenergie ersetzt und sogar überkompensiert werden könnte. Würden die gerade stillgelegten drei Anlagen zusätzlich reanimiert [2], könnte man mit sechs KKW rechnerisch die gesamte deutsche Steinkohlestromproduktion obsolet machen [3]

Dabei ist zu beachten, dass Steinkohlekraftwerke häufig im Mittellastbereich eingesetzt werden und beispielsweise an Wochenenden Lastunterbrechungen haben. KKW hingegen fahren Lastfolge auf einem Sockel von Dauerbetrieb: sie bewegen sich dann zwischen 1000 und 1400 Megawatt Leistung, allerdings mit Gradienten, die der Gaskraft vergleichbar sind (bis zu 30 Megawatt pro Minute). Überdies sind sie mit zwölf Gramm CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde auch so klimafreundlich wie die Windkraft. Die Kernenergie ist also nicht nur ein Faschisten-Killer, sondern auch eine Klimaschutztechnologie.

Doch ist ihre Laufzeitverlänerung technisch möglich, und was müsste man tun, um die verbliebenen deutschen AKW, Isar-2, Emsland und Neckarwestheim-2 im Winter 2022/23 am Netz zu halten und im darauffolgenden Jahr für einen Weiterbetrieb fit zu machen? Könnte man auch die drei jüngst abgeschalteten Anlagen, Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C, noch einmal ans Netz nehmen? 

Klimaminister vs. Klimatechnologie

Mit diesem Tweet behauptete Robert Habecks Wirtschafts- und Klimaministerium, es gebe zu viele Hindernisse für eine Laufzeitverlängerung; so seien notwendige Sicherheitsprüfungen „nicht mehr vorhanden“. Minister Habeck weitete diese Aussage zur Warnung vor einem Sicherheitsrisiko aus. Außerdem hört man immer wieder zwei Argumente gegen die Laufzeitverlängerung: erstens könne man man nicht rechtzeitig neuen Brennstoff beschaffen; und zweitens wollten die Betreiber ohnehin nicht. Was ist dran an diesen Behauptungen? 

Um es vorauszuschicken: Die Grundvoraussetzung für eine Laufzeitverlängerung ist keine technische, sondern eine politisch-rechtliche. Der Gesetzgeber müsste das Atomgesetz ändern. In dessen Paragraf 7 ist die Beendigung der kommerziellen Stromerzeugung aus Kernspaltung bis spätestens zum 1. Januar 2023 festgelegt. Diesen Paragrafen müsste der Bundestag mit einer Parlamentsmehrheit der Vernunft ändern. Erst dann könnten auch die Betriebsgenehmigungen der Kernkraftwerke an Isar, Ems und Neckar verlängert werden. 

Das Sicherheitsargument

Mit jeder Anfahrgenehmigung nach einer Jahresrevision mit Brennelementwechsel bescheinigt die Aufsichtsbehörde den KKW-Betreibern, dass ihre Anlage nach Stand von Wissenschaft und Technik die Sicherheitsanforderungen und die Voraussetzungen einer funktionierenden Notfallvorsorge erfüllt. Die Belege für diese Genehmigung erbringt die Anlage in sogenannten Wiederkehrenden Prüfungen (WKPn), die je nach System in unterschiedlichen Intervallen während des Leistungsbetriebs oder während des Revisionsstillstands stattfinden. Kurz gesagt: die Anlagen sind bis zum allerletzten Betriebstag am 31. Dezember 2022 auf demselben Sicherheitsstandard wie auch in den Tagen, Monaten und Jahren davor – und natürlich ändert der Datumswechsel zum 1. Januar 2023 daran erstmal gar nichts. 

Bis zur Reaktorentladung, voraussichtlich vier Wochen nach Abschaltung, passiert erstmal gar nichts mit dem Prüfkalender, er wird abgearbeitet wie bisher. Erst danach werden die im Nachbetrieb nicht mehr notwendigen Wiederkehrenden Prüfungen abgemeldet und gestrichen, da man bestimmte Funktionen ja nie wieder braucht, zum Beispiel die Dampferzeuger-Notbespeisung oder die Sicherheitseinspeisepumpen. Man könnte sie aber mit Hinblick auf eine Laufzeitverlängerung weiterführen – das Schichtpersonal dafür ist auf der Anlage, bei bestimmten Prüfungen muss ein TÜV-Sachverständiger dabei sein, aber es ist kein wirkliches Hindernis, diese WKPn zu organisieren. Diejenigen WKPn, die im Revisionsstillstand gemacht werden müssten, könnte man bei der dann anstehenden Revision durchführen wie immer. Auch umfangreichere periodische Sicherheitsüberprüfungen könnten neu angesetzt werden, sollte ihr Prüfintervall 2023 gerade auslaufen. Es besteht aber keinerlei Anlass, die Anlagen ab Januar 2023 als unsicher einzustufen, wie Minister Habeck suggerierte. 

Dringend gesucht: Brennelemente für 3x Konvoi

Was ist mit der Brennstoffversorgung? Die Kernkraftwerke laufen bis zum 31. Dezember 2022, d.h. es wurde bei ihrer letzten Revision genug frischer Kernbrennstoff geladen, damit der Reaktor bis zum letzten Tag mit 100 Prozent der Nennleistung in Betrieb sein kann. So fuhr das KKW Grohnde, das am 31.Dezember 2021 vom Netz ging, bis zum Abend des Silvestertags Vollast mit 1470 Megawatt und wurde erst ab 21 Uhr abgefahren. Das bedeutet aber aus reaktorphysikalischer Sicht, dass der Reaktorkern einer solchen Anlage auch nach dem Stichtag noch Leistungsreserven hat. Der Reaktor kann im sogenannten Streckbetrieb gefahren werden, allerdings kann er keine Lastfolge mehr machen. Das hat mit der chemischen Reaktorleistungsregelung von Druckwasserreaktoren zu tun, mit der man größere Laständerungen ausgleicht, damit die Steuerstäbe stets auf ihre Sollstellungen zurückgeführt werden können. Diese chemische Leistungsregelung ist am Zyklusende nicht mehr vollumfänglich einsetzbar, da man den Neutronen-Absorber Borsäure als Regelmittel nicht mehr in großen Mengen dem Kühlmittel beifügen kann, ohne den Reaktor abzuwürgen. Man fährt die Anlage mit etwas kälterer Kühlmitteltemperatur und angepassten Sollwerten für Generatorleistung, Frischdampfdruck und Druckhalter-Füllstand und entlockt ihr auf diese Weise Reaktivitätsreserven. Denn je kälter der Brennstoff, desto besser die Kernspalt-Ausbeute der in ihm herumfliegenden Neutronen. So kann man noch ca. 50 Tage mit allmählich fallender Reaktorleistung weitermachen. Dann ist zum Glück der deutsche Winter 2022/23 zu Ende, aber es ist auch die Zuladung neuen Brennstoffs fällig. 

Man muss also rechtzeitig neuen Brennstoff geordert haben: für jede der drei Anlagen schätzungsweise mindestens 50 frische Brennelemente, was ungefähr ein Viertel des Reaktorkerns wäre. Wäre unsere Regierung so schnell wie das Kabinett Merkel nach Fukushima, das nur drei Tage brauchte, um aufgrund eines eingebildeten Notstands acht Reaktorblöcke vom Netz zu hängen, dann dürfen wir unserer Klima-Aufbruchs-Regierung zutrauen, den Genehmigungsakt für die German Three im tatsächlichen Notstand schnell genug über die Bühne zu bringen, um Mitte 2022 neuen Brennstoff zu ordern. 

Die drei KWU-Anlagen der sogenannten Konvoi-Baureihe nutzen Brennelemente mit einer 18×18-Anordnung, d.h. die im Querschnitt quadratischen Brennelemente enthalten je 300 Brennstäbe und 24 Leerpositionen . Soweit ich es überblicke, gibt es keine anderen noch in Betrieb befindlichen KWU-Anlagen mit diesem Schema, folglich müssten die Brennelemente für die Anlagen bei Westinghouse oder Framatome neu produziert werden, sie können nicht aus den Vorräten anderer Anlagen, die 16×16- oder 15×15-Brennstoff nutzen, angekauft werden. Da die drei KKW aber nach dem Streckbetrieb im Sommer 2023 sowieso in einen längeren Revisionsstillstand müssten, könnte die Zeit ab heute und bis Spätsommer 2023 für die Bestellung und Neuproduktion des Brennstoffes genutzt werden. Ein Experte für Brennelemente, den ich befragt habe, meinte, das sei zwar ein sportlicher Fahrplan, aber machbar. 

Was ist mit den Kernkraftwerken im Nachbetrieb? 

Auch die zum 1. Januar 2022 vom Netz genommenen und nun im Nachbetrieb befindlichen KKW Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C könnte man aus technischer Sicht revitalisieren, gelänge es, die Maßnahmen der Betreiber zur Rückbauvorbereitung zu stoppen. Auch das müsste der Staat dekretieren. Doch leider beinhalten diese Maßnahmen bereits frühe Eingriffe in die Integrität der Anlage – zum Beispiel zerstörende Probenahmen am Material des Reaktordruckbehälters und anderer Primärkomponenten zur Dokumentation des Aktivierungsstatus für die sogenannte Primärkreis-Dekontamination (Full System Decontamination). Bei diesem Verfahren werden Leitungen, Pumpen und Behälter mit säurehaltigem Medium gespült, um radioaktiv belastete Korrosionsprodukte von den Innenflächen abzutragen. Dies dient der Minderung der Dosisbelastung für den Rückbau. Die Full System Decontamination wird zwar auch in Anlagen durchgeführt, die hinterher wieder angefahren werden sollen, aber die Chemikalien werden dann weniger aggressiv dosiert. Es wäre also mit den Betreibern zu klären, ob die bis jetzt erfolgten Maßnahmen bereits die Betriebssicherheit der Anlagen beeinträchtigen. Auch aus einem anderen Grunde wäre die Wiederinbetriebnahme bereits stillgelegter Anlagen weit schwieriger: Eine einmal erloschene Betriebsgenehmigung lässt sich nicht einfach verlängern, sie muss neu beantragt werden und die Anlagen müssen ihre Sicherheitsnachweise dann gemessen am Stand der neuesten verfügbaren Anlagen erbringen.

Die Stromkonzerne sagen Jein 

Das Hauptargument, mit dem die Politik, aber auch die Anti-Atom-Bewegung gegen eine Laufzeitverlängerung operierte, war bis zum heutigen Tage, die Betreiber wollten ja gar nicht mehr. Das ist richtig: Betreiber brauchen Planungssicherheit und sind das Hü und Hott unserer Atomausstiegsgeschichte gründlich satt. Es müsste also entweder der Staat die Anlagen selber betreiben, etwa nach dem Vorbild der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung, wo ebenfalls eine ehemalige Betreiberrolle vom Staat übernommen wurde. Oder der Staat müsste die Betreiber anweisen und ihnen finanziellen Ausgleich geben – etwa das Recht, die bereits geflossenen Entschädigungen von über zwei Milliarden Euro zu behalten und davon die Kosten der Laufzeitverlängerung zu bestreiten. Vor allem müsste der Bund eine Bestandsgarantie mindestens im Umfang der Merkelschen Laufzeitverlängerung von 2010 aussprechen. Angesichts der hohen Strompreise könnten die Betreiber mit den Anlagen noch einmal sehr viel Geld verdienen, es gibt also kein plausibles ökonomisches Argument gegen eine Laufzeitverlängerung.

Personalengpässe könnten durch gezielte Rückholung von Kollegen aus dem Vorruhestand und Anwerbungen aus dem Ausland gemildert werden – fest steht, dass das kein Spaziergang wird, aber keinesfalls unmöglich ist. Dasselbe gilt für die Revisionsplanung und das Auslaufen von Kontrakten mit Servicefirmen. Da müsste man tatsächlich neue Verträge schließen und Bestellungen vornehmen, doch die Erfahrungen der Corona-Revisionen 2020 in der Atomindustrie zeigen, dass man auch bei der Personal- und Arbeitsplanung sehr flexibel auf ein disruptives Ereignis reagieren musste und konnte. In diesen Tagen zeichnet sich zumindest eine Gesprächsbereitschaft der Stromkonzerne ab, wenn man Presseberichten glauben möchte [5]. Auch scheinen ihre eigenen Verlautbarungen ein Hintertürchen offen zu lassen, da sie betonen, dass „der Gesetzgeber“ den Atomausstieg beschlossen habe- nicht sie selbst. Doch der Gesetzgeber könnte den Atomaustieg auch kassieren, was angesichts des Dreifach-Notstands aus Klimakrise, Energiepreiskrise und Krieg in Osteuropa dringend geboten wäre. 

Derweil schauen wir mit Bangen auf die auch am sechsten Kriegstag immer noch laufenden vier ukrainischen Kernkraftwerke – in einem von ihnen, Rivne, habe ich längere Zeit mit einem Forschungsprojekt gearbeitet. Diese Maschinen, die die Stromversorgung, Kommunikation und Verteidigungsfähigkeit des Landes aufrechterhalten, während ihm vom Nachbarn mit brutalster Gewalt das Existenzrecht abgesprochen wird, killen wirklich Faschisten. Man kann nur hoffen, dass sie unversehrt bleiben.