Ulrike Guérot hat sich mit Björn Höcke unterhalten. Politisch überrascht das nicht. Schnell wurde auch der Zweck des Ganzen deutlich.

Ende des Jahres 2015 besuchte ich eine Diskussionsveranstaltung, auf der es um die dschihadistischen Terroranschläge vom 13. November in Paris ging. Bei einem Konzert waren 89 Menschen ermordet worden, weitere 39 starben bei Angriffen in Cafés und Restaurants in der Umgebung des Konzertsaals. Die Diskutanten auf dem Podium sollten nun über die Ursachen und Folgen des Anschlags im Besonderen und des Islamismus im Allgemeinen diskutieren. Dabei fiel eine Politikwissenschaftlerin auf, rothaarig, ein wenig an die Schauspielerin Naomi Watts erinnernd und sehr eloquent in dem Sinne, dass sie bei einer Wortmeldung im Vergleich zu den anderen Diskutanten in derselben Zeit die dreifache Menge an Worten und Begriffen unterbringen konnte, wenn auch nicht an Argumenten. Was mir von damals fest in Erinnerung geblieben ist: ihre Behauptung, dass der Westen die Schuld am Entstehen des dschihadistischen Islamismus trägt und daher auch eine Mitschuld an den Pariser Anschlägen. So originell war diese These nicht, denn obwohl sie die moralische und kriminologische Plausibilität besaß wie die selbstentlastende Schuldverschiebung eines Vergewaltigers, sein Opfer habe einen zu kurzen Rock getragen, so hörte (und hört) man sie doch immer wieder in bestimmten Milieus – und auch hier war der Diskutantin mehrheitlich Zustimmung sicher.

Danach habe ich sie, Ulrike Guérot, etwas aus den Augen verloren, obwohl sie weiterhin über Jahre zur Standardbesetzung von Talkshows gehörte, die ja immer eine gewisse Telegenität und den pausenlosen Ausstoß provokanter Thesen honorieren und diesen auch befeuern. Dass es ihnen oft an überprüfbaren Fakten, Korrektheit und Realitätssinn mangelt, lässt sich angesichts des ferrarihohen Tempos, mit denen sie in die Runden eingeschossen werden, tatsächlich leicht überhören. Man will es ja ohnehin in den Sendungen nicht allzu genau nehmen. The show must go on!

SORGEN UM DIE AFD

Nun ist sie mir wieder unter die Augen gekommen. In einem Youtube-Format hat sie unter dem Rubrum „Großes Sommerinterview“ ein Gespräch mit dem AfD-Politiker Björn Höcke geführt, eine fast zweistündige Diskussion über Politik im Allgemeinen und Europa im Besonderen. Und ganz besonders über die AfD. Denn Frau Guérot – das macht sie gleich zu Beginn deutlich – sorgt sich um die AfD, sie unterstellt der Partei eine „Aufhübschung“, fordert von ihr, ein „bisschen wagemutiger“ zu sein, und befürchtet, sie sei auf dem Weg, „Systempartei“ zu werden. Das gehört bekanntlich bei allen Radikalen dieser Welt zu einem der schlimmsten Vorwürfe überhaupt, weist es doch darauf hin, eine Partei könnte zu realpolitischen Kompromissen bereit sein. Als Beleg dafür, dass sie sich zurecht sorge, führt Guérot an, die AfD sei nicht mehr so richtig gegen die NATO, die EU und die Transatlantischen Beziehungen – was, nebenbei, genau jenen politischen Institutionen entspricht, die sie seit rund 15 Jahren publizistisch bearbeitet, kritisch begleitet, genauer: vehement ablehnt und bekämpft.

Dieser vermeintliche Vorwurf gegen die AfD ist das Signal für ihren Gesprächspartner, seine Rolle für die folgenden Stunden einzunehmen, nämlich die des bedächtigen, nachdenklichen und gemäßigten konservativen Politikers. Obwohl Guérot sonst gerne Pausen überschlägt, gibt sie sich diesmal die Mühe, nicht diskursiv davonzurennen, sondern ein sogenanntes „Gespräch auf Augenhöhe“ zu führen, das besonders die Gabe von Stichwörtern an den Politiker gegenüber einschließt. Dieser schafft es, weil er so bedächtig, nachdenklich und gemäßigt erscheinen will, dass er Guérots Bedenken wegen der gemutmaßten radikalitätsaversen Schlappschwänzigkeit der AfD zerstreut, ohne sich von ihrer Vehemenz anstecken zu lassen. So ähnlich funktioniert es auch bei der weiteren Sorge, die Guérot erfasst hat: der „libertären Versuchung“ mit dem Namen Alice Weidel. Man habe halt – und hier ist ein Schmunzeln unübersehbar – viele Meinungen in der Partei.

Ohnehin gibt es – wenn Guérot nicht immer mal wieder reingrätscht mit dem Hinweis: „Das habe ich schon vor 15 Jahren gesagt“ – in dem ganzen Gespräch öfters Gelegenheit, sich für den zivilen und respektvollen Umgang am Tisch zu beglückwünschen, als hätte allen Ernstes die Gefahr bestanden, dass man sich beim „Großen Sommerinterview“ zwischen einer BSW-Sympathisantin und einem führenden AfD-Politiker an die Gurgel gegangen wäre.

Ganz bestimmt nicht bei dem Thema, auf das es am Ende als Höhepunkt hinausläuft: der Umgang mit Russland.

„Friedensliebend“, so betont Guérot, sei jetzt als „rechts“ getaggt. Das komme daher, weil die „extremisierte Mitte“ – ja, die „extremisierte Mitte“! – mit ihrem Liberalismus am Ende sei, mit ihrer Erfindung innerer und äußerer Feinde: AfD und Putin. Die „extremisierte Mitte“ brauche den Krieg und verweigert sich Eurasien. Und dann holt sie konditional aus zum Punch gegen ihre Feinde, irgendwo da draußen, und sagt: „Wenn wir den Krieg jetzt machen…“ Krieg? Muss man sich fragen. Machen? Mus man sich fragen. Wer jetzt? Gegen wen? Höcke schweigt. Er überlegt bedächtig, welches Hannah-Arendt-Zitat er als nächstes bringen kann. Aber der Satz „Wenn wir den Krieg jetzt machen…“ ist immer noch im Raum, hängt in der Luft wie eine Killerdrohne. Irgendwer will einen Krieg jetzt machen. Aber gegen wen nur, gegen wen? Vielleicht ist die Antwort irgendwie zu schnell vorbeigerattert. Ach, da ist sie: gegen Russland natürlich. Gegen wen auch sonst? Kein Land auf Erden ist so gefährdet wie Putins Reich. Trump, Macron, Meloni, Merz – sie warten nur darauf, dass sie nun endlich in Richtung Wladiwostok marschieren können. Deshalb die ganzen Milliardenkredite: um dem friedliebenden Putin-Regime den Garaus zu machen. Sie, Guérot, hingegen sei gerade in St. Petersburg und Russland gewesen und habe mit einem Sicherheitsberater Putins gesprochen und der habe gesagt – wir brauchen hier nicht näher darauf einzugehen, denn es klang nach dem, was auch dem großen Friedensemissär Ralf Stegner verkauft wurde.

Höcke denkt derweil im Großen Sommerinterview noch darüber nach, ob er nicht ein Böckenförde-Zitat unterbringen kann – schafft er schließlich –, aber da ist Guérot schon beim nächsten ganz, ganz großen Ding: Es gebe hinter den Gardinen aktuell einen Machtkampf um eine Fusion der EU mit den USA, einer USAEU; und wir müssten froh sein, dass wir wenigstens den Euro haben, sonst bekämen wir den Dollar.

Und so ging es dann doch seinem Ende zu, das Große Sommerinterview, dessen Erscheinen zu den Avancen passt, die Sahra Wagenknecht der AfD gerade macht. Oder sagen wir es so: Die AfD sammelt ihre Truppen ein.